Aktuell: Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Lampedusa
Die EU schottet sich ab - mit dramatischen Folgen.

02. Dezember 2013

Flüchtlinge vor Lampdeusa: Vergebliche Hilferufe

 Von 
Dieser Flüchtling hat die gefährliche Reise über das Mittelmeer überlebt. Viele andere auf seinem Boot ertranken.  Foto: REUTERS

Ein Flüchtlingsdrama vor Lampedusa am 11. Oktober hätte verhindert werden können. 250 Menschen verloren ihr Leben, weil niemand zuständig sein wollte.

Drucken per Mail

Die Schiffskatastrophe vor Lampedusa, bei der am 3. Oktober 366 Flüchtlinge – vorwiegend aus Eritrea und Somalia – ertranken, löste weithin Entsetzen aus. Als acht Tage später vor der italienischen Insel wieder ein Schiff sank und mehr als 250 Menschen – fast alle aus Syrien – ihr Leben verloren, wurde dies in der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen. Recherchen des italienischen Journalisten Fabrizio Gatti und der Nichtregierungsorganisation „Watch the Med“ (Überwache das Mittelmeer) belegen, dass die Opfer dieser zweiten Katastrophe hätten gerettet werden können. Doch statt Hilfe zu leisten, hat die italienische Seenotrettung den Fall einfach an Malta überwiesen.

Das Drama nahm seinen Anfang in Libyen. Am 11. Oktober um ein Uhr morgens verließ ein Fischkutter mit rund 480 Flüchtlingen an Bord den Hafen von Suara, einer Stadt 100 Kilometer westlich von Tripolis. Um 3 Uhr früh tauchte ein Patrouillenboot einer libyschen Miliz auf, das den Fischkutter mehrfach beschoss, bevor es um 6 Uhr abdrehte. Mindestens zwei Flüchtlinge wurden verletzt.

Niemand fühlte sich zuständig

Um 10 Uhr drang Wasser durch die defekte Wand ins Boot ein. Kurz vor 11 Uhr stieg der Bootsführer, ein 21-jähriger Tunesier, aufs Dach der Brücke und rief nach einer Person, die des Englischen mächtig sei und um Hilfe rufen könne. Es meldete sich der syrische Arzt Mohanad Jammo. Der Bootsführer reichte ihm das Satellitentelefon. Die Nummer der italienischen Seenotrettung hatte die Frau des Arztes vorsorglich in ihrem Smartphone abgespeichert.

Um 11 Uhr schrie Jammo ins Telefon: „Wir sind auf einem Boot mitten im Meer, wir sind alles Syrer. Viele von uns sind Ärzte. Das Boot geht unter!“ Auf der anderen Seite meldete sich eine Frau. Sie bat ihn um die genauen geografischen Koordinaten. Jammo kontrollierte die GPS-Angaben von drei Smartphones und diejenigen des GPS-Geräts des Bootes. Die Angaben stimmten überein. Er gab sie durch.

Doch es passierte nichts. Gegen 12.30 Uhr rief Jammo ein zweites Mal an. Auf der anderen Seite sagte dieselbe Frau nur: „Ok, ok, ok.“ Das war alles. Als der Arzt um 13 Uhr zum dritten Mal dieselbe Nummer anrief, antwortete ein Mann und gab ihm Bescheid, für das Gebiet, in dem sich das Boot befinde, sei Malta zuständig. Er gab ihm die Nummer der Malteser Marine durch. Jammo rief in Malta an. Vier Stunden danach, um 17.10 Uhr, sank das Boot. Als ein maltesisches Flugzeug um 17.20 Uhr Schwimmwesten und Schlauchboote abwarf, schwammen schon viele Flüchtlinge im Wasser.

Jedes Schiff ist zur Rettung aus Seenot verpflichtet

Soweit der Bericht Jammos. Er, seine Frau und die jüngste Tochter waren unter den 212 Flüchtlingen, die gerettet werden konnten. Doch er verlor zwei Söhne. Jammo wurde von Fabrizio Gatti, Chefreporter des italienischen Nachrichtenmagazins „L’Espresso“, interviewt. Gatti ist mit der Materie vertraut. Als Flüchtling verkleidet, reiste er selbst übers Mittelmeer und strandete in Lampedusa. Sein Buch darüber ist auch auf Deutsch erschienen. Zwei weitere Ärzte bestätigten Jammos Schilderung bis ins Detail.

Felice Angrisano, Admiral der Küstenwache von Lampedusa, widerspricht dem Bericht Jammos nur in einem Punkt. Der erste Anruf der Flüchtlinge, gibt er an, sei erst um 12.26 Uhr eingetroffen. Um 12.39 Uhr habe der Syrer wieder angerufen, das Gespräch habe 17 Minuten gedauert.

Rechercheure von „Watch the Med“ haben Daten des Funksystems AIS (Automatic Identification System) ausgewertet, das bei der Internationalen Seeschiffahrtsorganisation (IMO) als verbindlicher Standard gilt. Aus ihnen geht klar hervor, dass das Schiff der Syrer nur 130 Kilometer von der Küste Lampedusas, aber 230 Kilometer von der Küste Maltas entfernt war, als es sank. Die formelle Zuständigkeit für die Rettung Schiffbrüchiger am Unglücksort liegt zwar bei Malta, zu dessen Such- und Rettungszone (SAR) dieses Seegebiet gehört. Zur Rettung aus Seenot ist aber jedes Schiff, das tatsächlich helfen kann, nach internationalem Recht verpflichtet.

Handelsschiff hatte Unglücksboot auf Radar

Der Admiral der Küstenwache bestätigt in einem Schreiben an „L’Espresso“, dass um 13.05 Uhr die Malteser „die Leitung der Koordinierung der Such- und Rettungsoperationen“ übernommen hätten. Danach taten die Italiener erst mal gar nichts, wie das Magazin aufzeigt. Die Leitstelle zur Koordination der Seenotrettung (MRCC) in Rom setzte lediglich um 13.34 Uhr einen Funkspruch ab, gab die Koordinaten der Unglücksstelle eines „gekenterten Boots mit 250 Personen an Bord, das um Hilfe bittet“, durch, und ersuchte „Schiffe, die sich in der Nähe befinden, wenn möglich, Hilfe zu leisten“.

Admiral Angrisano bestätigte, dass sich zu dieser Zeit zwei Handelsschifffe sowie ein italienisches Kriegsschiff in der Nähe befanden. Die Handelsschiffe „Stadt Bremerhaven“ und „Tyrusland“ – das eine fuhr unter britischer Flagge, das andere unter jener der Marshallinseln – waren 40 beziehungsweise 110 Kilometer vom Flüchtlingsboot entfernt, die „Libra“, das mit Hubschraubern bestückte Kriegsschiff, 48 Kilometer. Ihr Kommandant muss das Unglücksboot auf dem Radar gehabt haben.

Niemand wollte Flüchtlinge haben

Erst um 17.07 baten laut der Römer Leitstelle MRCC die Malteser die Italiener um Unterstützung. Um 17.14 machte sich die „Libra“ zum Unglücksort auf. Da war das Boot bereits gesunken. Da war das maltesische Flugzeug mit den Schwimmwesten und Schlauchbooten bereits im Anflug. Um 17.51 Uhr traf das erste Hilfsschiff ein, ein maltesisches Patrouillenboot.

Selbst wenn der syrische Arzt, nicht, wie er selbst angibt, schon um 11 Uhr per Satellitentelefon um Hilfe gebeten hat, sondern erst um 12.26 Uhr, wie die Küstenwache behauptet, so steht doch fest: Die „Libra“, die mit einer Maximalgeschwindigkeit von 37 Stundenkilometern fahren kann, hätte keine anderthalb Stunden zum Unglücksort gebraucht. Wäre sie sofort nach dem Funkruf der Leitstelle gestartet, sie hätte um 15 Uhr vor Ort sein können – zwei Stunden bevor das Boot sank. Auch die Patrouillenboote der Küstenwache in Lampedusa hätten zwischen 14.30 und 15 Uhr eintreffen können, wenn sie losgeschickt worden wären.

Es spricht alles dafür, dass die Querelen um die Zuständigkeit für die Rettung mehr als 250 Menschen das Leben gekostet haben. Wer die Flüchtlinge aus dem Wasser fischt, muss sie ja auch in einen sicheren Hafen bringen. Vermutlich wollte sie einfach niemand haben.

Zur Homepage

Anzeige

Anzeige

Dossier

Flucht und Zuwanderung



Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Krieg und Terror, viele sterben auf dem Weg nach Europa. Dort steht die Politik vor Herausforderungen. Wenige protestieren, viele Menschen helfen.

Dossier-Übersicht - alles auf einen Blick
Kommentare und Leitartikel - Meinung der FR
Zuwanderung in Rhein-Main - Lage vor Ort

Flucht und Zuwanderung

Zuwanderung

Seit 2007 sind Rumänien und Bulgarien Mitglieder der Europäischen Union. Seitdem kommen immer mehr Bulgaren und Rumänen nach Deutschland, meist auf der Suche nach Arbeit. Einige Zahlen.

Videonachrichten Flucht und Zuwanderung

Frankfurt

In der Kirchengemeinde Cantate Domino in der Frankfurter Nordweststadt leben aus Westafrika stammende Flüchtlinge. Vier von ihnen erzählen hier kurz ihre Geschichte.

Politik-Spezial

Millionen Menschen fliehen aus Syrien. Das Land wird zerrieben zwischen den Machenschaften von Präsident Baschar al-Assad und der Terrorgruppe IS.


Interaktive Grafik
Syrische Flüchtlinge laufen über die Grenze in den Irak.

Wie viele Menschen fliehen in Syrien - und wohin? Welche Regionen sind umkämpft, wo soll es Giftgasangriffe gegeben haben? Unsere interaktive Grafik fasst die wichtigsten Fakten zusammen.

Spezial

Nach dem Aufstand der Jugend und dem Sturz von Mubarak keimte Hoffnung auf in Ägypten. Nun dominieren Kämpfe das Land - mit vielen Opfern. Das Spezial.


Übersicht

Wir informieren Sie aus der ganzen Region. Nachrichten aus Ihrer Stadt können Sie als Newsfeed abonnieren - klicken Sie bitte auf das orange Symbol.

Regionale Startseite

Frankfurt

Rhein-Main

Bad Homburg, Hochtaunus

Bad Vilbel, Wetterau

Darmstadt

Kreis Groß Gerau

Hanau, Main-Kinzig

Main-Taunus

Offenbach

Kreis Offenbach

Wiesbaden