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Schokolade, Plätzchen, Eis: Lust auf Süßes ist Gewohnheit

Die Sucht nach Süßem gibt es nicht, sagen Wissenschaftler. Sie sprechen lieber von einem «ausgeprägten Verlangen» nach Süßkram. Foto: Andrea Warnecke
Die Sucht nach Süßem gibt es nicht, sagen Wissenschaftler. Sie sprechen lieber von einem «ausgeprägten Verlangen» nach Süßkram. Foto: Andrea Warnecke

Mannheim. Besonders zur Weihnachtszeit lauert die Versuchung überall: Die Lust auf Süßigkeiten gleicht manchmal einer Sucht. Doch Mediziner sind sich einig: Wir müssen uns an die eigene Nase fassen. Oder an die unserer Eltern.

Zum Frühstück süße Müsliflocken, als Snack ein Eis, zum Kaffee den obligatorischen Keks: Süße Snacks gehören für viele zum täglichen Speiseplan. Die Lust auf kalorienhaltige Naschereien erscheint manchem unstillbar. Ist das eine Sucht?

. Seitdem wird viel gerätselt über die mögliche Sucht nach dem weißen Stoff. Lipman behauptete, das Verlangen nach Zucker werde dem Mensch als Baby in die Wiege gelegt: zunächst durch Milchzucker, später, indem Eltern ihre Kinder mit Süßigkeiten zu trösten oder belohnen versuchten. Bei Erwachsenen soll Zucker die Stimmung heben und Energie spenden.

Französische Forscher wollen 2007 bei Versuchen mit Ratten - die Süßes genauso gerne essen wie Menschen - sogar herausgefunden haben, dass Zucker ähnlich abhängig macht wie Kokain, Nikotin oder Alkohol. Sie hatten den Nagern die Wahl zwischen mit Saccharin gesüßtem Wasser und Wasser mit Kokain gelassen - 94 Prozent entschieden sich für die gesüßte Flüssigkeit. Ein Test mit Zuckerwasser zeigte zudem, dass sich sogar die an Kokain gewöhnten Tiere für das süße Wasser entschieden, sobald sie die Wahl hatten.

. Man könne das Verlangen nach Essen nicht mit einer Heroinsucht gleichsetzen. Aber es sei in der Tat so, dass sowohl Zucker als auch Heroin auf den gleichen Bereich des Gehirns wirkten: auf das Belohnungssystem. Dieser Meinung ist auch der Ernährungswissenschaftler und Buchautor Sven-David Müller: «Kokain, Psychopharmaka - so eine Sucht gibt es bei Schokolade nicht. Es gibt aber ein ausgeprägtes Verlangen.» Dieses erscheine manchen Menschen wie eine Sucht.

«Süß ist der Geschmack, den wir als erstes positiv wahrnehmen - das haben Tests an Säuglingen gezeigt», erklärt Müller. Denn Süßes sei für den Menschen im Allgemeinen gut verträglich und ungefährlich. Das Verlangen nach Zucker sei klassisch konditioniert, ergänzt Kiefer. «Kinder bekommen Geld, Süßes oder Lob, wenn sie etwas toll gemacht haben - unser Gehirn funktioniert so, dass Belohnung zu Motivation wird, das zu wiederholen, wofür wir belohnt werden.» Wenn man Zucker immer wieder mit etwas Positivem oder Tröstlichem verbinde, dann verlange das Gehirn in solchen Situationen automatisch danach.

Es gibt laut Müller keine Studie, die belegt, dass ein hoher Zuckerkonsum allein schädlich ist. «Von Zucker bekomme ich weder Diabetes Typ 2 noch Karies, wenn ich ansonsten nicht zu dick bin, mich ausreichend bewege und mir regelmäßig die Zähne putze», sagt auch Kiefer. Beide sind sich allerdings einig, dass mit einem übermäßigen Zuckerkonsum häufig andere Risikofaktoren einhergehen: Übergewicht durch zu kalorienreiches Essen, Bewegungsmangel oder chronischer Stress. Diese wiederum könnten zu Folgeerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Herz- oder Gelenkproblemen führen.

Es gebe zwar keine engere medizinische Grenze, wie viel Zucker der Mensch essen darf, sagen die Experten. Richtwerte liefert aber die Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Sie empfiehlt, höchstens zehn Prozent der täglichen Energiemenge in Form von Zucker aufzunehmen. Bei einem durchschnittlichen Bedarf von etwa 2000 Kalorien einer erwachsenen Frau bedeutet das: 50 Gramm Zucker pro Tag, mehr nicht.

Müller, Sven-David: Mythos Süßstoff: Die ganze Wahrheit über künstlichen und natürlichen Zuckerersatz, Kneipp. 128 S., 17,95 Euro, ISBN-13: 978-3708804965 (dpa/tmn)