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08. April 2013

Gentechnik light: Gentechnik im Bio-Chicorée

 Von 
Aufwendiger Anbau und geringer Ertrag: Chicorée.  Foto: imago stock&people

Die Zuchtmethode CMS, bei der artfremde Zellen miteinander verschmolzen werden, um höhere Ernteerträge zu erzielen, ist umstritten. Jetzt landete genmanipulierter Chicorée in Bio-Läden.

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Siegel und Verbote

EU-Öko-Verordnung: Das sechseckige, grüne deutsche Bio-Siegel wurde 2001 eingeführt. Damit werden in Deutschland Lebensmittel und Bio-Produkte gekennzeichnet, die der Öko-Verordnung der EU entsprechen. Zudem gibt es noch ein weniger bekanntes, blaues EU-Biosiegel, das die gleichen Kriterien anlegt. Weit übertroffen werden die EU-Vorgaben durch Siegel etablierter Bioverbände wie Demeter, Bioland und Naturland. Sie verbieten nicht nur CMS, sondern schreiben zum Beispiel mehr Raum für Tiere vor und begrenzen den Einsatz von Dünger.

Saatgut: Die Gentechnik ist eine von mehreren Varianten, um neue Pflanzen zu entwickeln. Sie ist in Europa weiterhin sehr umstritten. Die Gegner bekämpfen die neue Technologie vehement und erfolgreich. Dem Portal Transgen zufolge wird es in Deutschland dieses Jahr voraussichtlich zum ersten Mal seit vielen Jahren keine Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen geben. Auch der Anbau, etwa von gentechnisch verändertem Mais, bleibe verboten.



Etwa vier Euro pro Kilogramm kostete der Chicorée, der im Februar in deutsche Bio-Läden kam. Ein günstiges Angebot. Üblich sind sechs bis sieben Euro, wenn kleinere deutsche Bio-Gärtner ihre Ware anbieten. Die Salatpflanze ist teuer, weil der Anbau aufwendig und die Erträge recht gering sind. Der Billig-Chicorée jedoch stammte von einem Bio-Betrieb aus den Niederlanden – und war mit der umstrittenen Züchtungsmethode CMS hergestellt worden, die von deutschen Bio-Verbänden verpönt wird. CMS wird auch als Gentechnik light bezeichnet.

Laut dem Fachdienst Biohandel, der kürzlich zuerst über den Fall berichtete, soll die Erntemenge der extrem ertragreichen CMS-Chicorée-Sorte Topscore größer gewesen sein als die aller deutschen Bio-Chicorée-Anbauer zusammen – was zu dem Preisverfall führte. Was ist so problematisch an CMS? Die Abkürzung bedeutet Cytoplasmatische Männliche Sterilität. Vereinfacht ausgedrückt werden bei der Zucht des Saatguts artfremde Zellen miteinander verschmolzen, um höhere Ernteerträge zu erzielen. Für Hybridsaatgut werden Elternlinien verwendet, die in Kombination besonders wünschenswerte Eigenschaften besitzen. Diese Elternlinien dürfen sich jedoch nicht selbst befruchten. Um das auf herkömmlichem Weg zu erreichen, könnten die Staubbeutel der Pflanzen sehr aufwendig mit Pinzette und Schere entfernt werden.

Bio-Verbände verbieten Technik

CMS erspart diese Arbeit. Eine artfremde Zelle, die Sterilität besitzt – zum Beispiel Möhren, Sonnenblumen und japanischer Rettich – wird mit einer Zelle der zu züchtenden Pflanze kombiniert. Die gewünschten Zellteile der beiden Arten werden mittels chemischer oder elektrischer Stimulierung zur Zellfusion gebracht. Durch die Verschmelzung entsteht zum Beispiel eine neue Blumenkohlzelle mit der Erbsubstanz (den Mitochondrien) des Rettichs. So kann die gewünschte Sterilität die Artgrenze überspringen.

Nach den Regeln der großen deutschen Bio-Verbände wie Naturland, Bioland und Demeter ist diese Technik verboten. „Das ist glasklar Gentechnik durch die Hintertür“, sagt Naturland-Sprecher Ralf Alsfeld. Zellkerne würden ausgetauscht, es finde eine Vermischung über Artgrenzen hinweg statt, die mit gewöhnlicher Züchtung nicht zu erreichen sei. Das sei für Bio-Produkte völlig inakzeptabel. Weiterer Nachteil: Die Bauern müssen immer wieder Saatgut von Agrarkonzernen nachkaufen, weil die Pflanzen sich nicht zur Nachzucht eignen. Nach den lascheren Regeln des EU-Biosiegels ist CMS jedoch nicht verboten – und das machen sich immer mehr große Bio-Betriebe zunutze. Sie kommen mit Kampfpreisen auf den Markt. Der dadurch ausgelöste Preisverfall, so der Naturland-Vertreter, mache jenen Bauern das Leben schwer, die die Technik nicht einsetzten. CMS wird vor allem für Kohlsorten eingesetzt, zum Beispiel Weißkohl, Blumenkohl, Brokkoli und Wirsing. Erst neuerdings wird auch verstärkt Chicorée damit gezüchtet. Und CMS-Saatgut nimmt überhand: Bioland muss eine Liste über 200 Posten mit CMS-Saatgut für seine Mitglieder erstellen, damit die Anbauer die Technik überhaupt noch vermeiden können.

Tranche kam aus Münsterland

In den Handel gekommen ist das CMS-Chicorée im Februar über Weiling aus Coesfeld im Münsterland, einen der größten Biogroßhändler in Deutschland, der 850 der hauptsächlich inhabergeführten Bio-Läden beliefert. Sprecher Hanjörg Bahmann räumt ein, dass eine große Chicorée-Tranche aus CMS-Saatgut im Februar verkauft worden sei. „CMS-Ware wird aber nicht nur von Weiling, sondern von fast allen Biogemüse-Lieferanten vertrieben.“ Wie viele und welche Bio-Läden betroffen waren, konnte Weiling auf Anfrage nicht beantworten. Geliefert wird fast im ganzen Bundesgebiet. „Viele Bio-Läden beziehen von uns jedoch nur Ware, die den strengeren Verbandskriterien entspricht und nicht nur dem EU-Biosiegel.“ Dort sei der Chicorée dann auch nicht aufgetaucht.

Weiling, sagte Sprecher Bahmann, sei durchaus bewusst, dass diese Art der Züchtung kritisch gesehen werde. Der Markt lasse allerdings im Augenblick nicht zu, auf CMS-Gemüse zu verzichten. „Vor allem im Bereich Kohl kommt man kaum darum herum.“ Weiling fördere aber intensiv die Entwicklung des Verbandsanbaus nach strengeren Kriterien und die Züchtung sogenannter samenfester Sorten. Das bedeutet, dass anders als bei Hybrid-Züchtungen die aus der Ernte gewonnen Samen erneut eingepflanzt werden können.

Harald Ebner, Sprecher für Agrar und Gentechnik der Grünen im Bundestag, sieht CMS bereits außerhalb des Bio-Anbaus kritisch. „Bei CMS-Hybriden ist Skepsis angebracht, denn es ist kein Verfahren, in dem lediglich die Kenntnis über Gensequenzen zur rascheren Selektion eingesetzt wird, sondern das in die Erbsubstanz eingreift.“ Im Bio-Bereich habe eine solche Methode überhaupt nichts zu suchen. „In jedem Fall muss den Verbrauchern unmissverständlich gesagt werden, was sie in ihren Einkaufskorb legen. Denn sonst gibt es keine Wahlfreiheit.“ Eine klare Kennzeichnungspflicht sei im Interesse des Verbraucherschutzes und daher dringend notwendig.

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