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26. März 2013

Öko-Anbauverband: Naturland will Geflügel-Imperium zerlegen

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Bio oder nicht? Der Öko-Anbauverband Naturland schaut jetzt noch kritischer hin.  Foto: dpa/Victoria Bonn-Meuser-Anbaucv

Der Öko-Anbauverband Naturland drängt sein größtes Mitglied, den Bio-Ei-Marktführer Wiesengold dazu sein Unternehmen zu zerlegen und an unabhängige Bauern zu übertragen. Das Ziel: Nur noch „bäuerliche Betriebe“ sollen unter dem Dach von Naturland Öko-Produkte erzeugen.

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Der Eklat um den mangelnden Tierschutz auf Geflügelhöfen und der damit einhergehende Trend zu einer Industrialisierung auch bei Bio-Betrieben führt bei einem der großen deutschen Öko-Anbauverbände zu deutlichen Konsequenzen: Die Organisation Naturland will eines seiner größten Mitglieder drängen, sein Unternehmen zu zerlegen und die einzelnen Standorte an unabhängige Bauern zu übertragen. Das Ziel: Nur noch „bäuerliche Betriebe“ sollen unter dem Dach von Naturland Öko-Produkte erzeugen.

Im Hintergrund stehen in den vergangenen Monaten mehrfach in der ARD gezeigte Videos, die katastrophale Zustände auf Bio-Legehennen-Höfen dokumentieren – darunter tote, nackte und kranke Hennen von einem Betrieb des Bio-Ei-Marktführers Wiesengold Landei. Wiesengold ist mit einem Teil seiner Standorte Naturland zertifiziert.

Eine halbe Million Eier am Tag

Das Geflügel-Imperium des Unternehmers Heinrich Tiemann ließ damals in einer Stellungnahme verbreiten, es handle sich um „Hühner in einem höchst erschreckenden Zustand“, dies sei „in keiner Weise akzeptabel“, die „verantwortlichen Farmmitarbeiter“ seien von ihren Aufgaben entbunden, die kranken Tiere vorzeitig geschlachtet worden.

Bei Wiesengold werden am Tag rund eine halbe Million Eier produziert. Allein 232.000 Naturland-Hennenplätze gibt es dort. Zwar kündigte der Naturland-Verband bereits im vergangenen Dezember Wiesengold die Mitgliedschaft auf – aber eben nur für einen Betrieb mit fünf Standorten in Niedersachsen. Zwölf weitere Betriebe an 15 Standorten, die ebenfalls von Naturland zertifiziert sind, blieben davon aber zunächst unbehelligt. In der Bio-Szene, bei Verbrauchern und Wissenschaftlern rumort es seitdem. Mit einer Aktualisierung der „Tierwohl-Checkliste“ und mit zusätzlichen Kontrollen, das wurde dem Verband rasch klar, würde man das Problem auf Dauer kaum in den Griff bekommen.

So fühlte sich die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft durch die ARD-Bilder „in ihrer Kritik an agrarindustriellen Groß-Strukturen auch im Ökobereich bestätigt“. Wenn Discounter große Mengen billiger Eier verlangten, dann führe das wie schon im konventionellen Bereich zwangsläufig zu einer agrarindustriellen Produktion.

Der Investor hat das Sagen

Die Kritik saß. Nun zieht Naturland die Notbremse: Die Öko-Organisation will den Trend nicht nur stoppen, sondern sogar umkehren. Man werde künftig nur noch bäuerliche Betriebe als Naturland-Höfe anerkennen, heißt es. Im Klartext: Unternehmer Tiemann müsse seine Betriebe an Einzel-Unternehmer verkaufen und dürfe allenfalls noch als Vermarkter von Naturland-Eiern auftreten. Passiert das nicht, „dann ist die Vertrauensgrundlage entzogen“ und die Zusammenarbeit beendet, sagt Naturland-Sprecher Carsten Veller unmissverständlich. Denn die Zustände, unter denen Wiesengold-Legehennen gehalten worden seien, belegten, dass „Naturland Richtlinien wissentlich missachtet wurden“.

Damit will Naturland ein System, wie es mehr und mehr praktiziert wird, nicht länger akzeptieren: Auf Großbetrieben mit vielen Standorten gebe es keine selbstständigen, unabhängig agierenden Bauern mehr, erläutert Veller. Der Investor hat das Sagen. Naturland aber will zurück zur bäuerlichen Landwirtschaft.

Wiesengold, sagt Veller, habe auf die Forderungen „nicht abgeneigt“ reagiert. Die Gespräche mit dem Firmenchef sollen in der nächsten Woche fortgesetzt werden. Wiesengold selbst schweigt: Eine Stellungnahme lehnte eine Sprecherin ab.

Sollte sich Wiesengold nun tatsächlich von den Höfen trennen, steht Naturland vor dem nächsten Problem: „Wo bekommt man die Bauern her“, die die führungslosen Höfe übernehmen? „Das wird eine Riesenaufgabe“, weiß Naturland-Sprecher Veller.

Parallel dazu debattiert Naturland jetzt die angesichts der wachsenden Konzentration in der Landwirtschaft überfällige Definition: Was überhaupt ist ein bäuerlicher Betrieb, und wo fangen industrielle Strukturen an?

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Ja, ich werde weniger im Supermarkt und mehr beim Metzger meines Vertrauens einkaufen.
Nein, warum denn - Pferdefleisch an sich ist ja ungefährlich.
Nein, die aktuellen Vorfälle sind nur medial aufgebauscht.
Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie ich reagieren soll.

 

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