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Lebensversicherung
Lebensversicherung

17. Februar 2013

Vorsorge: Rettet die Lebensversicherung!

 Von Robert von Heusinger
Lohnt sich noch ein Lebensversicherung?  Foto: imago

Eine kleine Minderheit von Versicherungskunden droht die große Mehrheit auszubeuten: Sie fordern die Ausschüttung von bestimmten Reserven, was langfristig zu einer enormen Reduzierung der Renditen führt.

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In den kommenden Tagen entscheidet sich, ob der Deutschen liebstes und mit Abstand wichtigstes Vorsorgeprodukt zerstört wird: die Lebensversicherung. Denn es tobt ein bizarrer Streit um drei Milliarden Euro und die Frage, wem dieses Geld zusteht: Den etwa 4,5 Millionen Lebensversicherungskunden, deren Vertrag 2012 ausgelaufen ist oder beendet wurde oder den rund 85 Millionen Verträgen, die noch Jahre oder Jahrzehnte laufen. Auf der einen Seite haben sich die  Verbraucherschützer und die  Grünen positioniert, auf der anderen die Versicherungsunternehmen und  die Finanzaufsicht. 

Mittendrin steckt der Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat, der sich am 26. Februar trifft. Die üblichen Reflexe, wer in diesem Spiel der Böse und wer der Gute ist, wem man vertrauen darf und wem nicht, versagen. Und in dieser  Melange aus Unwissen, Populismus und Wahlkampf droht eine kleine Minderheit von Versicherungskunden die große Mehrheit auszubeuten, droht das  Produkt, auf das sich die private Altersvorsorge der Republik gründet, kaputtgemacht zu werden.

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Es geht um Bewertungsreserven

Das Reizwort, um das es geht, heißt Bewertungsreserven. Diese Reserven entstehen, wenn der Versicherer etwa eine Aktie zu 20 Euro gekauft hat, die Ende des Jahres an der Börse mit 30 Euro gehandelt wird. Dann beträgt die Reserve zehn Euro. Dieser Buchgewinn  soll auch den Kunden zu Gute kommen, die im laufenden Jahr ihre Lebensversicherung beenden und nicht nur den Kunden für schlechte Zeiten dienen, deren Verträge noch Jahre oder Jahrzehnte laufen. Dagegen ist nichts einzuwenden. So hatten es einst die Verbraucherschützer gefordert, das Verfassungsgericht entschieden und der Gesetzgeber im Jahr 2008  beschlossen. Nur leider ist das Gesetz von der großen Koalition mit wenig Sachverstand geschrieben worden, weil es gegen den Rat der Experten auch Bewertungsreserven auf Anleihen umfasst.

Anleihen unterscheiden sich nämlich grundsätzlich von Aktien, Immobilien und sonstigen Beteiligungen. Warum? Weil sie einen festen Anfangs- und Endwert besitzen, der gleich ist. Je nach Entwicklung der Zinssätze steigen oder fallen  zwar auch die Kurse der Anleihen an der Börse. Bloß solange das Versicherungsunternehmen die Schuldtitel nicht verkauft, sondern bis zum Ende der Laufzeit hält, handelt es sich bei diesen Reserven um Scheinreserven.

Und diese Scheinreserven sind derzeit enorm. Warum? Weil sich die Kapitalmarktzinsen  auf einem historischen Tief befinden – natürlich wegen der Finanz- und Eurokrise. Dadurch sind alle älteren Anleihen mit höheren Zinssätzen sehr teuer geworden, haben  sich in den Bilanzen der Lebensversicherer Scheinreserven gebildet.

Das Gesetz ist ein Ärgernis

Ein paar Zahlen verdeutlichen das Dilemma: Wer gegenwärtig der Bundesrepublik für zehn Jahre Geld leiht, bekommt  1,65 Prozent Zinsen pro Jahr. Das reicht noch nicht einmal, um das aktuelle Garantieversprechen der Lebensversicherer zu decken, das 1,75 Prozent beträgt. Ganz zu schweigen von dem durchschnittlichen Garantieversprechen aller 90 Millionen Verträge, das sich Schätzungen zufolge auf 3,2 Prozent beläuft. Die Unternehmen sind nur deshalb in der Lage überhaupt die Garantie zu leisten, weil sie im Besitz alter, höher verzinster Titel  sind. Und jetzt  sollen die fünf Prozent der Kunden, deren Verträge dieses Jahr beendet werden, sich an den Scheinreserven laben dürfen? Zulasten der übrigen 95 Prozent?

Wie krass das Gesetz von 2008 im gegenwärtigen Niedrigstzinsumfeld wirkt, verdeutlicht eine Schätzung der Lobby der Versicherer: Sollten die drei Milliarden Euro tatsächlich als Bewertungsreserve ausgeschüttet werden müssen, reduzieren sich die Erträge, die den 95 Prozent der Versicherten über ihre Garantieverzinsung hinaus für 2012 zustehen um 60 Prozent, sinkt die Rendite ihrer Verträge um 0,5 Prozentpunkte. Das ist extrem viel angesichts einer Verzinsung von knapp vier Prozent.

Für solide Versicherungsunternehmen ist das Gesetz ein Ärgernis, weil es die Gerechtigkeit innerhalb der Gemeinschaft der Versicherungsnehmer verletzt. Je mehr Bewertungsreserven jetzt verfrühstückt werden, desto geringer werden die künftigen Erträge ausfallen.  Für Gesellschaften, die das Geld der Versicherten nicht so klug angelegt haben,  wird die Frage der Bewertungsreserven zur existenziellen. Irgendwann können sie die Garantieversprechen nicht mehr leisten und gehen pleite. Dann fallen die Verträge allen anderen Gesellschaften zur Last und reduzieren die Verzinsung für alle weiter. Vor allem deshalb dringt die Finanzaufsicht auf  die Gesetzesänderung.

Worum es nicht geht, obwohl Verbraucherschützer und Grüne es gerne behaupten und Journalisten im Reflex, die fünf Prozent Kunden vor den bösen Versicherern schützen zu wollen, gerne schreiben:  Um eine Verschiebung der Reserven weg von den Versicherten hin zu den Gewinnen der Unternehmen. Deshalb, Finanzpolitiker aller Parteien, rettet die Lebensversicherung! Die Lebensversicherung, die wie kein anderes Finanzprodukt seit Jahrzehnten ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt hat, die hoch reguliert ist und der die Bürger immerhin fast 750 Milliarden Euro anvertraut haben.

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