Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Leitartikel

11. September 2015

11. September: Das Erbe von 9/11

 Von 
Amerikanische Soldaten in Kirkuk: Nach dem 11. September führen die USA einen umstrittenen Krieg im Irak und hinterlassen das Land im Chaos.  Foto: imago

Auf den Terror vom 11. September 2001 reagierte der Westen mit einer vollkommen verfehlten Politik. Sie ist der wichtigste Auslöser für die Krisen, deren Folgen wir jetzt erleben. Der Leitartikel.

Drucken per Mail

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 lautete eine häufig geäußerte Überzeugung: Nichts wird mehr so sein, wie es vorher war. Bis dahin hatten die USA an vielen Kriegen teilgenommen, aber noch nie war der Krieg mitten in ihr Land getragen worden. So wie an jenem Tag vor 14 Jahren in New York, mit einem Terrorangriff ungeahnten Ausmaßes in der Metropole des Landes, der die Vereinigten Staaten traf, aber die ganze westliche Welt und ihre Idee einer freien Gesellschaft meinte. Wie konnte da das Leben einfach so weitergehen?

Es konnte sehr wohl, wie sich schnell gezeigt hat. Jedenfalls sah es so aus. Gewiss, die USA nahmen ihrer freien Gesellschaft manche Freiheit im Namen des Krieges gegen den Terrorismus. Und die Terroristen schlugen auch noch in London und Madrid zu. Aber im Großen und Ganzen hat der Westen, haben auch und gerade wir Deutschen unser Leben so fortgesetzt wie vor dem 11. September 2001.

Kreuzzug gegen das Böse

Die Kämpfe fanden woanders statt. In Afghanistan, im Irak, in Libyen, in Syrien. Dorthin haben die USA ihren Krieg gegen den Terrorismus getragen, und erst jetzt, nach weit über zehn Jahren, beginnen wir zu merken: Es wird doch nichts mehr so sein, wie es einmal war. Die Kriege haben eine Million Menschen getötet, Länder verwüstet, das schien lange sehr weit weg. Von den mehr als 15 Millionen Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, suchen nun aber viele ihr Heil dort, wo es sich noch gut leben lässt. Bei uns.

Diese Flüchtlingskatastrophe gibt es schon lange, aber sie interessiert uns erst jetzt, da sie unsere Heimat erreicht. Und sie öffnet uns den Blick auf das ganze Versagen der westlichen Politik seit 2001.

Es begann mit dem Kreuzzug gegen das Böse, wie US-Präsident George W. Bush seinen vermeintlichen Krieg gegen den Terrorismus im Herbst des Jahres 2001 nannte. Er setzte damit einen Ton, der sich nicht sehr von dem der islamistischen Gotteskrieger unterschied. „Unser Krieg gegen den Terrorismus beginnt mit Al-Kaida, aber er wird dort nicht enden“, sagte Bush damals vor dem Kongress in Washington. „Er wird so lange nicht zu Ende sein, bis jede weltweit tätige terroristische Gruppe gefunden, am weiteren Vorgehen gehindert und besiegt worden ist.“

9/11: Gedenktafel in New York.  Foto: imago stock&people

Heute wissen wir, welch dummer Hochmut in diesen Worten lag. Wir sind mit einer Terrororganisation wie dem Islamischen Staat konfrontiert, viel brutaler, viel mächtiger, viel furchterregender, als es Osama bin Ladens Al-Kaida je war. Und wir wissen, dass es sie ohne die verheerende Politik der USA und ihrer Verbündeten so nicht geben würde.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Schauen wir noch einmal nach Afghanistan, auf ein Bild, das erst wenige Tage alt ist. Es zeigt den deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei einem kurzen Besuch in Kabul. Er trägt einen Stahlhelm und eine schusssichere Weste. Einen Weg von wenigen Hundert Metern muss er mit dem Hubschrauber zurücklegen, die Autofahrt ist zu gefährlich. So ist es nach 14 Jahren westlicher Intervention um die Sicherheit in diesem Land bestellt – nicht irgendwo in den Bergen, sondern in seiner Hauptstadt. Mehr muss man zum Ausgang dieses Krieges nicht sagen, der 70 000 Menschen das Leben gekostet und Millionen in die Flucht getrieben hat.

Noch viel größer aber ist die Katastrophe im Irak, ausgelöst 2003 durch den Angriff der USA und ihrer Koalition der Willigen. Gewiss, Saddam Hussein war ein furchtbarer Despot. Aber welche Folgen hatte sein Sturz? Die USA führten nach ihrem völkerrechtswidrigen Krieg ein fatales Besatzungsregime mit dem völligen Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung, weil sie die irakische Armee und die Baath-Partei auflösten und die Massenorganisationen vor allem der Sunniten. Hunderttausende Männer waren über Nacht arbeitslos und wurden von den neuen Herren wie Aussätzige behandelt. Sie bilden heute das militärische Rückgrat des IS.

Mehr dazu

Der Versuch, der Geschichte durch den Sturz (zuvor oft lange geförderter) Despoten eine andere Richtung zu geben, wiederholte sich in Libyen und wiederholt sich bis heute in Syrien, zuerst noch begleitet von der naiven Hoffnung auf einen arabischen Frühling, der sich an den westlichen Vorstellungen von Freiheit und Demokratie orientieren sollte. Tatsächlich hat sich das Ausmaß von Krieg, Not und Elend von Land zu Land im Zuge dieser Strategie noch verschlimmert und die ganze Region so destabilisiert, dass der IS nun leichtes Spiel hat.

Gewiss haben die arabischen Staaten und Russland je auf ihre Weise an dieser verheerenden Entwicklung ihren Anteil. Der wesentliche Ursprung aber findet sich an jenem 11. September vor 14 Jahren und in der durchweg falschen Reaktion der USA. Würde Osama bin Laden noch leben, er könnte zufrieden sein mit der Langzeitwirkung seiner Untaten. Der Westen aber müsste diesen Tag zum Anlass eines grundlegenden Umdenkens nehmen. Die Aussichten dafür stehen nicht gut, obwohl uns die Flüchtlinge nun zeigen, dass nichts mehr so sein wird, wie es war.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


 

Talkshow-Kritiken auf einen Blick