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Leitartikel

27. März 2015

Absturz Germanwings 4U9525: Medien als Voyeure

 Von 
Pressevertreter am Hubschrauberplatz in Seyne Les Alpes.  Foto: dpa

Der realen Katastrophe folgt das mediale Versagen: Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine vergessen auch vermeintlich seriöse Redaktionen die Anstandsregeln des Journalismus. Der Leitartikel.

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Kollegenschelte ist in Medienkreisen nicht beliebter als in anderen Branchen, und wer sie betreibt, muss auch den kritischen Blick der anderen ertragen. Deshalb vorneweg: Niemand kann garantieren, dass diese Zeitung an jedem Tag auf jeder Seite die richtige Balance findet. Die Abwägung, wo die Informationspflicht endet, wo Sensationsgier und medialer Voyeurismus beginnen, ist nicht immer einfach. Schon gar nicht in einem Fall wie dem Germanwings-Absturz, der natürlich auch bei Journalisten Emotionen auslöst.

Das birgt die Gefahr von Fehlern, schlimm genug. Schlimmer aber ist das, was jetzt auch geschieht: Bis hinein in angeblich seriöse Medien, so scheint es, findet die Abwägung entweder gar nicht mehr statt, oder – noch schlimmer – sie endet mit der bewussten Entscheidung, dem schmutzigen Vorbild des Boulevards zu folgen. Das ist eine Steilvorlage für alle, die den Medien als Mittlerinstanz einer demokratischen Öffentlichkeit nicht mehr trauen.

Zur Erinnerung: Was wir heute haben, das ist ein Verdacht. Ein schwerer, gut begründeter, aber immer noch ein Verdacht. Im Alltagsgespräch mag es – angesichts der Glaubwürdigkeit der bisher bekannten Indizien – verzeihlich sein, einen Satz zu sagen wie „Der hat die Maschine mit Absicht abstürzen lassen“. In den Medien aber sieht das anders aus: Nur wer peinlich genau unterscheidet zwischen Vermutungen – seien sie noch so plausibel – und bewiesenen Fakten, wird der Aufgabe gerecht, die Öffentlichkeit mit glaubwürdigem Material zu versorgen.

Das ist alles andere als abstrakt: Wer sich an die Vorgabe des deutschen Pressekodex hielte, Vermutungen „als solche kenntlich zu machen“ und sich an das Rechtsgebot der Unschuldsvermutung bis zur juristischen Klärung zu halten, würde nie und nimmer tun, was jetzt in einer Vielzahl von Medien zu erleben ist. Da wird der wahrscheinliche Verlauf des Unglücks schlicht wie eine Tatsache dargestellt, als wäre alles bewiesen. Und: Von „Bild“ (weniger verwunderlich) bis „Zeit online“ und „faz.net“ (erstaunlich) wird der volle Name des Kopiloten genannt, auch auf Fotos ist der Mann zu erkennen.

Der Online-Chef der „FAZ“, Mathias Müller von Blumencron, hat diese Entscheidung mit dem Auftrag der Medien zur Aufklärung begründet. Was er aber unter Aufklärung versteht, das gleicht einer Gebrauchsanweisung für unseriösen Boulevard-Journalismus: „Die Opfer und die Öffentlichkeit haben ein Recht darauf zu erfahren, wer das Unglück ausgelöst hat. Unter welchen Umständen es auch immer geschah. (...) Die Lösung ist nach gegenwärtigem Stand nur in der Person des Kopiloten zu finden. Wir müssen uns mit ihm beschäftigen, wir müssen ihn ansehen, wir dürfen ihn sehen.“

Ja, richtig: Opfer und Öffentlichkeit haben ein Recht zu erfahren, was wie geschah. Ja, es ist für eine fliegende Gesellschaft und ihre Zukunft wichtig zu wissen, was den Kopiloten getrieben haben könnte – schon um Ähnlichem künftig vorzubeugen. Aber dreimal Nein: Wir müssen ihn dafür nicht sehen! Wir müssen der Familie, schon doppelt getroffen durch den Tod des Sohnes und seine wahrscheinliche Tat, nicht auch noch das dritte Leid zufügen, vor aller Welt der Sensationslust preisgegeben zu werden. Es grenzt an Zynismus, so etwas mit „Aufklärung“ zu begründen.

In diesem Sinne steht, und das macht es nicht besser, der Fall Germanwings für zwei ohnehin vorhandene, bedenkliche Trends in der Medienlandschaft. Zum einen verschwimmt die Grenze zwischen seriösem Journalismus und gewissenlosem Boulevard-Voyeurismus. Das war schon im Fall Christian Wulff zu sehen, wo „Bild“ mit „Süddeutscher“ und „FAZ“ bei der Veröffentlichung eines Anrufprotokolls über Bande spielte. Und es ist zu sehen, wenn sich dieser oder jener Griechen-Hetzer von „Bild“ in den öffentlich-rechtlichen Talkshows auslässt. Zum anderen scheinen manche Journalisten dem Irrtum zu erliegen, eine Selbstdarstellungs-Maschine wie Facebook mache die Vorsichts- und Anstandsregeln der Presse überflüssig. Dabei sind sie gerade heute notwendiger denn je.


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Wieder zeigt sich: Der Verdacht, dass ökonomischer Druck und Konkurrenz den Aufklärungs-Anspruch der Medien untergraben könnten, ist mehr als das Hirngespinst der maßlos übertreibenden „Lügenpresse“-Schreier. Allen ökonomischen Erschwernissen zum Trotz: Nur wenn wir Medien uns der Verantwortung als professionelle Vermittlungsinstanz einer demokratischen Öffentlichkeit konsequent verpflichtet fühlen, werden Misstrauen und Glaubwürdigkeitsverlust zu überwinden sein. Mit der Person des Germanwings-Kopiloten seriös und anständig umzugehen, das hätte nicht mal Geld gekostet.

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