Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Leitartikel

31. Januar 2016

Aktien und Finanzmärkte : Lasst die Blase platzen

 Von 
Die Schwankungen an den Börsen gefährden unseren Wohlstand.  Foto: Michael Schick

Die reale Wirtschaft ist in beunruhigender Weise abhängig von den aufgeblähten Finanzmärkten. Die Politik sollte den Spielraum der Spekulanten endlich einschränken. Der Leitartikel.

Drucken per Mail

Banken erleiden hohe Verluste. Die betriebliche Altersvorsorge in Deutschland ist gefährdet. Sparer sehen sich enteignet und die Lebensversicherer in ihrer Existenz bedroht. Alles hat den gleichen Grund: die niedrigen Zinsen. Sichere Geldanlage bringt keinen Ertrag mehr. Diese Woche erreichten die Renditen auf deutsche Staatsanleihen neue Rekordtiefs. Anleger, Banker, Politiker beschweren sich über das niedrige Zinsniveau – und ersparen sich damit die Befassung mit der Frage, was hier eigentlich vorliegt. Warum sind die Zinsen so niedrig? Vordergründig liegt dies an der Europäischen Zentralbank (EZB), die mit all ihren Mitteln das Zins-Niveau drückt. Dahinter aber wirken zwei Kräfte, die tatsächlich für die Lage verantwortlich sind.

Erstens existiert weltweit ein riesiges Angebot an Finanzkapital. Die Krise hat dieses Angebot kaum reduziert, die Investments wurden zum Großteil durch die Politik gerettet. Laut Schätzungen des Internationalen Währungsfonds beläuft sich das Anlagekapital allein in der EU auf rund 90 Billionen Dollar oder das Fünffache der Wirtschaftsleistung. All diese Billionen suchen nach Rendite, nach Anlage.

Dem gegenüber stehen zweitens derzeit beschränkte Anlagemöglichkeiten beziehungsweise Renditequellen. Jeder will zwar Geld verleihen und anlegen, wenige jedoch wollen Geld leihen. Die reale Wirtschaft, wo der Zins erwirtschaftet werden muss, wirft nicht genug ab. Das zeigt sich an den bescheidenen Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts. Neue Investitionen lohnen sich für Unternehmen kaum.

Der niedrige Zins ist angemessen

Von daher ist der niedrige Zins angemessen – schließlich ist er eine Beteiligung an den Einnahmen des Kreditnehmers. Und wenn die Einnahmen von Unternehmen, Staat und privaten Haushalten kaum steigen, ist auch für die Geldgeber wenig zu holen. Die niedrigen Zinsen sind also gut begründet – und haben Folgen, nicht nur für Sparer. Versicherungen und Unternehmen können ihre Pensionszusagen nicht einhalten. Banken machen hohe Verluste, auch das Milliardenminus der Deutschen Bank geht zum Teil auf das „schwierige Marktumfeld“ zurück. Kreditinstitute beklagen, dass das Zinstief ihr Geschäftsmodell untergräbt, das wesentlich darin besteht, Geld zu leihen und weiter zu verleihen und die Zinsdifferenz einzustecken.

Die Verluste der Banken wiederum beunruhigen Ökonomen, da dies die Geldhäuser daran hindern könnte, ausreichend Kredite zu vergeben und so die Konjunktur anzuschieben. Denn an der Verfügbarkeit von Krediten hängen heute alle Ökonomien, auch die deutsche. Unschöne Nebenwirkung der niedrigen Zinsen ist zudem die „Jagd nach Rendite“, bei der Anleger lukrativere, aber riskantere Wertpapiere kaufen, diese Märkte damit in die Höhe treiben und sie beim kleinsten Anlass wieder fallen lassen.

Abhängig von den Finanzmärkten

Damit zeigen sich die ungemütlichen Seiten des derzeit herrschenden Wirtschaftssystems, das mit „Finanzmarktkapitalismus“ nicht schlecht beschrieben ist. Nicht nur lenkt der Finanzsektor Geld in bestimmte Länder, Branchen und Unternehmen, gibt oder verweigert Kapital und bestimmt so darüber, ob was wann wo produziert wird und ob ein Staat solvent oder pleite ist. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Lage, in welchem Ausmaß die reale Wirtschaft inzwischen abhängig ist von den Renditen, die die Finanzmärkte erzielen.

Die „Märkte“ sind kein ferner Planet mehr, bewohnt von ulkigen Spekulanten, sondern ihre Bewegungen beeinflussen die Einkommen von Milliarden Menschen. Ihre wilden Schwankungen befördern oder durchkreuzen die Kalkulationen von Unternehmen und Staaten und machen die von Wirtschaft immer unberechenbarer – was sich zum Beispiel zeigt an der rekordhohen Zahl an deutschen Unternehmen, die ihre Gewinnprognosen korrigieren müssen.

Dass derzeit ein riesiges Angebot an Finanzkapital relativ weniger realen Anlagemöglichkeiten gegenübersteht, macht sich bei den Investoren als niedriger Zins und „Anlagenotstand“ bemerkbar. Man könnte diese Situation aber auch als gigantische Finanzblase bezeichnen, von deren Bewegung wir alle abhängig sind.

Wobei die korrekte Formulierung wäre: „abhängig gemacht worden sind“. Denn die Politik trägt Mitschuld. Sie hat die Finanzmärkte liberalisiert und immer neue Spekulationsgelegenheiten geschaffen. Sie hat die Altersvorsorge privatisiert und so den Märkten Milliarden an Anlagemittel zugespielt. Sie besteuert das Anlagekapital nicht und deckt ihren Finanzbedarf durch Verschuldung, wodurch Massen an Staatsanleihen in die Welt kommen.

Ein Ausweg aus der Situation gäbe es nur, wenn man die Finanzsphäre schrumpft, besteuert und ihren Spielraum einengt. Über finanzielle und technologische Anreize müssen Investitionen in die reale Sphäre gestärkt werden. Und über eine deutliche Verringerung der Ungleichheit kann die gesamtgesellschaftliche Nachfrage gestärkt werden, ohne immer neue Schulden zu produzieren. Dann gibt es vielleicht auch wieder höhere Zinsen.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Videonachrichten Politik
Talkshow-Kritiken auf einen Blick