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Leitartikel

12. Februar 2016

Börsenkurse: Wie der Crash funktioniert

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Der Absturz erfasst vor allem die Banken. So ist der Aktienkurs der Deutschen Bank in den letzten drei Monaten um mehr als 40 Prozent gesunken.  Foto: dpa

Die Börsen stürzen ab, und die Spekulanten wundern sich über ihr eigenes Verhalten. Dabei ist es die Logik der Märkte selbst, die für die jüngsten Turbulenzen sorgt. Der Leitartikel.

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Die Börsenkurse stürzen ab – und keiner weiß genau, warum? Sicher, es gibt Anlässe: eine schwächere Weltwirtschaft, Absturz des Ölpreises, enttäuschende Ergebnisse der Banken. Doch die Profis der Spekulation sind sich einig, dass die Lage eigentlich gar nicht so schlimm ist und die Börsen „übertreiben“. Die Akteure an den Finanzmärkten rätseln also über die Gründe ihres eigenen Handelns. Und das Publikum stellt die bange Frage, wie tief die Kurse noch fallen. Da es auf diese Frage keine Antwort gibt, hier stattdessen drei Anmerkungen darüber, warum die aktuelle Lage so beunruhigend ist.

Erstens: Der Absturz erfasst vor allem die Banken. So ist der Aktienkurs der Deutschen Bank in den letzten drei Monaten um mehr als 40 Prozent gesunken, andere Geldhäuser verzeichnen ähnliche oder schlimmere Rückgänge. Das ist bemerkenswert. Was ist das Geschäft von Banken? Sie vergeben zum Beispiel Kredite an Unternehmen in der Erwartung, dass damit Investitionen finanziert werden, aus deren Erträgen dann die Zinsen für die Banken fließen. Sie vergeben Kredite an andere Banken, die dieses Geld weiterverleihen. Sie organisieren die Ausgabe von und betreiben den Handel mit Wertpapieren wie Aktien, die ebenfalls eine Spekulation auf künftige Unternehmensgewinne sind. Darauf pfropfen sie eine weitere Stufe der Spekulation, nämlich die mit so genannten Derivaten, deren Wertentwicklung wiederum von anderen Wertpapieren abhängt.

Mit all dem sind die Banken die Finanziers der Realwirtschaft, von deren Erfolg wiederum das gesamte Investment-Gewerbe abhängt. Da nie sicher ist, ob dieser Erfolg auch eintritt, ist das Bankgeschäft eine große Spekulation auf erwartete Erträge. Das ist die Normalität. Wenn nun auf breiter Front die Bank-Aktien einbrechen, so bedeutet das: Das spekulative Gewerbe hat Zweifel am Erfolg seiner eigenen Spekulation. Dass daher Chefs großer Bankkonzerne versichern müssen, ihr Institut sei zahlungsfähig, ist beunruhigend.

Zweitens: Durch den Crash seit Jahresbeginn hat sich allein das weltweite Aktienkapital um 9000 Milliarden Dollar entwertet. Wer jetzt einwendet, diese Summen seien doch bloß heiße Luft gewesen, dem sei entgegnet: Diese heiße Luft bläst vielen Ländern nun kräftig ins Gesicht.

Beispiel Ölpreis: Sein Absturz um die Hälfte binnen weniger Monate ist mit Angebot und Nachfrage an den Ölmärkten nicht zu erklären. Er ist Ergebnis reiner Spekulation – mit weitreichenden Folgen. Rohstoffländer erleiden heftige Einbußen und in der Folge echte Wirtschaftskrisen, die mehr Armut produzieren. Mehr Armut bedeutet mehr Unruhe, zum Beispiel in Algerien, dessen Regierung nun hart sparen muss, weshalb sie staatliche Jobs und Subventionen streicht, mit denen sie die Bevölkerung bislang ruhig gehalten hat. Zum Beispiel Russland: Der sinkende Ölpreis hat dort die Wirtschaft in die Rezession getrieben, was das Nachbarland Tadschikistan in die Krise stürzt, da es von den Einnahmen im Russland-Geschäft lebt. In der Folge steigt die Zahl jener Tadschiken, die die Reihen des IS verstärken. So weit reichen die Folgen der Börsenkapriolen. Auch das ist beunruhigend.

Drittens: In Panik flüchten die Anleger aus riskanten Anlagen wie Aktien, aber auch aus einigen Staatsanleihen. Portugiesische Anleihen fallen, spiegelbildlich steigt ihre Rendite, und an der bemisst sich der Zins, den Lissabon auf neue Kredite zahlen muss. Steigen die Zinsen weiter, ist Portugal bald wieder pleite. Es muss sich dieses Jahr noch mindestens acht Milliarden Euro leihen und hängt dabei an den Launen der Märkte.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble dagegen hat eine ganz eigene Interpretation. Aus seiner Sicht steigen die Zinsen, weil die Märkte die Politik der Lissaboner Links-Regierung bestrafen. Sie müsse weiter sparen, schließlich würden „die Märkte schon wieder nervös“. Schäuble präsentiert damit die drohenden Finanznöte Portugals nicht als Ergebnis der Spekulation, sondern als Ergebnis einer fundierten Einschätzung der portugiesischen Staatsfinanzen durch rationale Investoren. Inmitten eines großen Crashs, über dessen Ursachen sich selbst die Analysten nicht einig sind, erhält sich der Finanzminister anscheinend sein Vertrauen in die Weisheit der Märkte, die – ganz in seinem Sinne – Portugal zum Sparen zwingen sollen.

In dieser Haltung weiß sich Schäuble einig mit dem Bundesverfassungsgericht. In einem Urteil von 2014 lehnte es Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank ab mit der Begründung, unterschiedliche Zinsen in Europa spiegelten „nur die Skepsis der Marktteilnehmer wider, dass einzelne Mitgliedstaaten eine hinreichende Haushaltsdisziplin einhalten können, um dauerhaft zahlungsfähig zu bleiben“. Zinsaufschläge seien bloß „Ausdruck der auf Marktanreize setzenden Eigenverantwortlichkeit der nationalen Haushalte“.

Dass auch deutsche Verfassungsrichter auf rationale Märkte als Disziplinierungsinstrument für Euro-Staaten setzen – das ist nun wirklich beunruhigend.

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