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Leitartikel

20. Januar 2016

Erdöl-Preis: Günstiges Öl als schwarzer Fluch

 Von 
Ölförderung im US-Bundesstaat Texas.  Foto: afp/Archiv

Günstiges Öl sorgt für niedrige Spritpreise. Den produzierenden Ländern fehlen die Einnahmen. Das sorgt für Spannungen in diesen Staaten – innen- wie außenpolitisch. Der Leitartikel.

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Um Revolutionen zu beobachten, reicht es manchmal, einfach rechts abzubiegen. Zum Beispiel auf den Hof einer beliebigen Tankstelle irgendwo in Deutschland. An den Zapfsäulen purzeln seit Monaten die Preise. Diesel ist für weniger als einen Euro zu haben, Super-Benzin für weniger als 1,20 Euro. Wer sein Auto betankt, wird Zeuge einer dramatischen Entwicklung, die den Wohlstand vieler Menschen beeinflusst. Doch mehr als das: Es geht um den Aufstieg oder Niedergang ganzer Staaten.

In den Ölkrisen der 1970er Jahre haben die Deutschen gelernt, dass der Benzinpreis der Brotpreis der Nation sei. Wenn der Kraftstoff billig ist, freut sich das Volk. Wer weniger Geld an den Tankstellen lässt, kann mehr für andere Dinge ausgeben. Tatsächlich wirken die niedrigen Energiepreise für Deutschland und andere Länder derzeit wie ein Sonder-Konjunkturprogramm. Andersherum gilt: In Zeiten hoher Spritpreise macht sich Unmut breit. Die Verbraucher halten ihr Geld zurück, die Politik gerät unter Zugzwang. Es hat schon Wahlkämpfe gegeben, in denen die Kraftstoffpreise ein wichtiges Thema waren.

Das Geschehen an den Tankstellen ist ein Ergebnis des dramatischen Preisverfalls an den internationalen Rohölmärkten. Dort befinden sich die Notierungen seit geraumer Zeit im freien Fall. Ein Fass (159 Liter) der wichtigsten Referenzsorten kostete Mitte 2014 noch 110 Dollar. Inzwischen ist längst die 30-Dollar-Marke nach unten durchbrochen, selbst ein Preis von 20 Dollar scheint möglich. Eine Trendumkehr ist nicht in Sicht. Das gilt umso mehr, als nach dem Ende der Wirtschaftssanktionen nun auch wieder die Öl-Großmacht Iran auf die Märkte zurückkehren darf.

Dort aber tun sich die Händler ohnehin schwer, ihr Öl zu verkaufen. Die Lager sind voll, die Nachfrage begrenzt. Das Ölkartell Opec kann sich unter Führung Saudi-Arabiens bisher nicht zu einer Förderkürzung durchringen, weil die Saudis ihre Marktanteile verteidigen wollen. Auch Staaten wie Russland pumpen im großen Stil. Und die Nordamerikaner holen mit der umstrittenen Fracking-Technologie weiterhin jede Menge Rohöl an die Oberfläche. Der Ölmarkt könne bald „in einem Überangebot ertrinken“, warnt die Internationale Energieagentur in Paris.

Konsumenten erfreuen sich an niedrigen Preisen

Die Konsumenten in Deutschland und anderswo erfreuen sich an den niedrigen Preisen. Sofern sie nicht bei einem der großen Ölkonzerne arbeiten und damit rechnen müssen, in nächster Zeit ihren Job zu verlieren. Dramatisch ist die Situation für all jene Länder, die vom Öl leben und ansonsten nicht viel anzubieten haben. Russland gehört dazu, das in einer tiefen Krise steckt. Oder Venezuela, das gerade den Wirtschaftsnotstand ausrufen musste.

Saudi-Arabien wiederum, das über Jahrzehnte nicht wusste, wohin mit seinem Geld, mutet der Bevölkerung schmerzhafte Einsparungen zu. Rund 90 Milliarden Dollar fehlten zuletzt im Staatshaushalt, das entspricht rund 15 Prozent der Wirtschaftsleistung. Im Iran hoffen Bevölkerung und reformorientierte Kräfte der Politik nach zehn Jahren drückender Sanktionen auf einen schnellen Aufschwung. Der niedrige Ölpreis könnte dies vereiteln.


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Es wäre naiv anzunehmen, dass sich die Folgen des Preisverfalls auf die Sphäre der Wirtschaft werden beschränken lassen. Die Regierungen der ölproduzierenden Länder geraten innenpolitisch bereits jetzt unter Druck, weil Arbeitslosigkeit und Armut zunehmen oder sich Sozialleistungen nicht mehr finanzieren lassen. Die meisten Ölstaaten werden autoritär geführt. Systeme dieser Art neigen dazu, auf Druck von innen mit mehr Repressionen zu reagieren.

Bleibt der Ölpreis über Jahre hinweg niedrig, könnte dies auch die außenpolitischen Ambitionen von Staaten wie Russland oder Saudi-Arabien beeinträchtigen. Ihnen fehlte dann schlicht das Geld, um ihre Armeen weiter aufzurüsten oder befreundete Regime und Gruppierungen zu alimentieren. Das Verhältnis der beiden Rivalen Saudi-Arabien und Iran ist nach den jüngsten Hinrichtungen im Königreich ohnehin äußerst angespannt. Die Rückkehr der Iraner auf die daniederliegenden Ölmärkte wird kaum zu einer Befriedung beitragen.

Rohöl wird häufig als „schwarzes Gold“ bezeichnet. Bisher versprach es stets Reichtum und Macht. Aber viel zu oft macht es diejenigen, die darüber verfügen, auch träge, selbstgefällig und korrupt. Das ist der Fluch des schwarzen Goldes. Etliche Ölstaaten sind auf eine Welt mit dauerhaft niedrigen Rohölpreisen nicht vorbereitet. Geschweige denn auf eine Welt, die ohne Öl auskommen will.

So gesehen könnte die gegenwärtige Krise für die Förderländer eine letzte Warnung sein: Bei der Klimakonferenz in Paris beschloss die Staatengemeinschaft im Dezember, sich auf den Weg in eine Zukunft ohne Klimagase zu machen. Schon jetzt wird rund um den Globus mehr Geld in erneuerbare Energien als in konventionelle Energietechnik investiert. Die Ölstaaten werden sich neu erfinden müssen, ökonomisch wie politisch. Viel Zeit bleibt ihnen nicht.

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