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Leitartikel

10. September 2015

Flüchtlinge: Auch Afrikaner haben Grund, zu flüchten

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Unverzichtbar: Ohne Handy würden sich die meisten Flüchtlinge gar nicht auf den Weg machen und vor allem: niemals ihr Ziel erreichen.  Foto: afp

Afrikaner, die nach Europa fliehen, sind über die ungleichen Verhältnisse in den unterschiedlichen Weltregionen gut informiert. Sie werden kommen, bis sich grundlegend etwas ändert. Der Leitartikel.

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Afrikaner verfolgen die derzeitigen Fluchtbewegungen mindestens so gebannt wie die Europäer – nicht nur, weil sich unter den Gestrandeten auch ein Freund oder ein Nachbar befinden könnte. Auch in Afrika weiß man, dass die Ereignisse einen historischen Einschnitt markieren: Die Zeit, in der sich Staaten oder ein ganzer Kontinent von globalen Flucht- und Migrationsbewegungen abschotten konnten, ist vorbei. Schließlich kann man nicht die Grenzen öffnen, um Volkswagen, Hühnchenteile oder Computersoftware in alle Welt zu exportieren – und erwarten, dass nach einer lebenswerten Existenz suchende Menschen an den niedergerissenen Schlagbäumen stehen bleiben.

Was man in Afrika nicht versteht, ist die den Europäern offenbar so wichtige Unterscheidung, ob es sich um Kriegsflüchtlinge, politisch Verfolgte oder „Wirtschafts-Migranten“ handelt. Ob man aus der Heimat aufgebrochen ist, weil man beschossen wurde, eingesperrt war oder ein armseliges Leben ohne Zukunft führte, macht für einen Afrikaner keinen wirklichen Unterschied. Meist hängen die Übel ohnehin zusammen: Ein Eritreer macht sich wegen der würdelosen Armut auf den Weg, zugleich aber, weil ihn seine Regierung zu einem endlosen Wehrdienst verdonnert und er in einem neuen Krieg mit Äthiopien sein Leben verlieren könnte.

Jahrhunderte an Afrika bereichert

Nun leben Afrikaner schon seit Jahrhunderten in jenem Bermuda-Dreieck zwischen materiellem Elend, Verfolgung und Krieg – und haben sich trotzdem nie in diesen Massen auf den Weg gemacht. Das ist auch nicht verwunderlich, denn früher hätten sie gar nicht gewusst, in welche Richtung sie zu gehen hätten, geschweige denn, was sie am Ziel erwarten würde. Dagegen kennt die Bevölkerung eines Dorfes im Norden Nigerias die Straßen New Yorks heute wesentlich besser als diejenigen ihrer Hauptstadt Abuja, wofür unter anderem CNN und US-amerikanische TV-Serien gesorgt haben.

Doch damit nicht genug: In den vergangenen Jahren ist noch ein kleines Gerät hinzugekommen, das in Deutschland Handy genannt wird. Für die Massenmigration ist es noch unverzichtbarer als Busse, Eisenbahnen oder Schiffe. Ohne das mobile Telefon würden sich die meisten Migranten gar nicht auf den Weg machen und vor allem: niemals ihr Ziel erreichen. Wer die Bilder aus Budapest sah, wird bemerkt haben, dass die am Bahnhof Gestrandeten ihre Smartphones benutzten, um den Fußweg zur österreichischen Grenze zu finden. Auch wenn ein Flüchtling keinen Pass und keinen Kompass im Rucksack hat: Ohne sein Handy mit Ladegerät wird er die Heimat nicht verlassen.

Benötigt wird das Telefon nicht nur, um vom Onkel in Essen zu erfahren, wie die Lage dort ist, oder herauszufinden, welches Land mal kurz seine Grenzen öffnete. Das Handy ist vor allem wichtig, um mit dem Schlepper in Kontakt zu treten (und zu bleiben) und im Bedarfsfall Geld über Western Union von der Familie zu ordern.

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Da man den technologischen Fortschritt bekanntlich nicht zurückdrehen kann, ist davon auszugehen, dass Migranten mit Handy und findigem Schlepper immer einen Weg in die Festung Europa finden werden. Statt mittelalterliche Mauern oder Stacheldrahtzäune hochzuziehen, tun die Europäer also besser daran, sich auf die entgrenzte Wirklichkeit einzustellen: dass über den Daumen gepeilt auf jedes exportierte Automobil ein Migrant aus der Gegenrichtung kommt, der sich vom Mercedesland nicht zu Unrecht ein besseres Leben verspricht.


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„The chickens come home to roost“, hört man Afrikaner heute sagen: „Die Hühner kommen nach Hause, um gebraten zu werden.“ Oder auf gut Deutsch: „Das habt ihr Europäer nun davon, dass ihr euch Hunderte von Jahren lang auf unsere Kosten bereichert habt.“ Wer nicht glaubt, dass dieser Satz berechtigt ist, sollte mal wieder sein Geschichtsbuch in die Hände nehmen, am besten die Kapitel „Sklaverei“, „Kolonialismus“ und „Ausbeutung afrikanischer Bodenschätze“. Es ist keineswegs übertrieben, den derzeitigen Wohlstand in der sogenannten Ersten Welt auf die Arbeit der Sklaven, auf die Ausbeutung der Afrikaner durch billigen Kautschuk, billige Bodenschätze und entsprechend unterbezahlte Arbeit zurückzuführen: Noch heute sind preiswerte afrikanische Rohstoffe wie Kupfer, Iridium oder Coltan für die elektronischen Werkzeuge der Informationsgesellschaft unverzichtbar.

Das soll nicht heißen, dass nicht zumindest bestimmte Kreise der Afrikaner am Ausverkauf des Kontinents mitbeteiligt waren. Viele afrikanische Könige verkauften ihre Untertanen an die Sklavenhändler, später arbeiteten die Eliten der unabhängig gewordenen Staaten Hand in Hand mit den Vertretern der alten Kolonialmächte, noch heute sind vielen Präsidenten ihre lukrativen Verbindungen zu den Industrienationen wichtiger als die eigene Bevölkerung. Erst wenn diese unheilige Allianz beendet wird, werden die Hühnchen keinen Grund mehr haben, den gefährlichen Weg nach Europa zu suchen, um auch dort geröstet zu werden.

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