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Leitartikel

07. Januar 2016

Hitlers "Mein Kampf": Ein Verbot wäre der falsche Weg

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Ein Historikerteam um Christian Hartmann hat im Auftrag des Münchner Instituts für Zeitgeschichte eine kommentierte Ausgabe von "Mein Kampf" herausgegeben.  Foto: epd

„Mein Kampf“ gehört nicht verboten. Die kritische Ausgabe muss gelesen werden. In der Auseinandersetzung mit Hitlers Machwerk liegen Chancen für unsere Zukunft. Der Leitartikel.

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Heute erscheint Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Wenn Sie jetzt in die Buchhandlung gehen, um das Buch zu kaufen, werden Sie es wahrscheinlich nicht mehr bekommen. Auch Amazon meldet „derzeit nicht verfügbar“. Die Erstauflage beträgt 5000 Exemplare und war von Anfang an dank der Vorbestellungen verkauft.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte von der „Spottgeburt von Wahn und Mord“ (Jeremy Adler), der kann im Internet nach zwei, drei Klicks mit der Lektüre beginnen. Er kann das seit Jahren. Das hat mit dem Ablaufen der urheberrechtlichen Sperrfrist 70 Jahre nach dem Tod des Autors nichts zu tun. Antiquarisch war „Mein Kampf“ immer zu bekommen. Mehr als einhundert Euro muss man für die knapp 800 Seiten einer NS-Ausgabe nicht zahlen.

Wegen des Originaltextes ist also niemand auf die heute erscheinende Ausgabe angewiesen, die ein Historikerteam um Christian Hartmann im Auftrag des Münchner Instituts für Zeitgeschichte herausgegeben hat. Sie hat 2000 Seiten und kostet 59 Euro. Die erhebliche Umfangserweiterung verdankt sich dem Anmerkungsapparat. Wobei das schon ein falscher Begriff ist. Es handelt sich nämlich nicht um Anmerkungen, sondern um Marginalien. Hitlers Text steht in der Mitte, um ihn herum stehen die seine Aussagen erläuternden, korrigierenden Ausführungen der Herausgeber. Einer von ihnen erklärte in einem Fernsehinterview: „Man kann Hitler ohne uns nicht mehr lesen.“

Warum diese Ausgabe erst heute?

Das ist natürlich das Gegenteil dessen, was ein Philologe unter einer kritischen Ausgabe versteht. Die versucht nämlich, unter dem Wust unterschiedlichster Überlieferungen – soweit möglich – den Originaltext zu rekonstruieren.

Das Institut für Zeitgeschichte dagegen versteht unter einer kritischen Ausgabe eine Edition, die sich kritisch zum Text des Autors verhält. Das ist ihr gutes Recht. Man kann, wenn die Arbeit gut ausfällt, nur dankbar dafür sein, dass die Wissenschaftler sich die Arbeit gemacht haben. Man wird die Ausgabe also gerne benutzen.

Warum allerdings erst heute eine solche Lesehilfe? Der Freistaat Bayern, der die Rechte an „Mein Kampf“ hatte, weigerte sich jahrzehntelang, eine wie auch immer geartete Neuausgabe freizugeben. Als das Ende der Urheberrechtsfrist in die Nähe rückte, entschloss man sich zu dieser Ausgabe. Gleichzeitig erklärte das bayerische Innenministerium, es werde in Zukunft gegen Nachdrucke nicht mehr mit Hilfe des Urheberrechts, sondern unter Berufung auf den Straftatbestand „Volksverhetzung“ vorgehen.

Hier ist unser völlig irrationales Verhältnis zum Umgang mit dem Nationalsozialismus deutlich zu sehen. Natürlich hat jeder Recht, dass auch der umfangreichste Anmerkungsapparat nichts ändert am Charakter des Hitlerschen Textes. Gehört der verboten, dann gehört er es auch in der  kritischsten Ummantelung. Man wird darüber sprechen müssen, wie sinnvoll das Verbot einer demnächst einhundertjährigen Schrift sein soll.

Hitlers Buch „Mein Kampf“ ist ganz unabhängig von seinen moralischen oder ästhetischen Qualitäten eines der wichtigsten Dokumente des 20. Jahrhunderts. Es muss jedermann zugänglich sein. Es darf nicht verboten werden. Die Auseinandersetzung mit ihm kann auch nicht ein für alle Mal in einer „kritischen Edition“ geleistet werden. Man wird über sie streiten und über die Kritik und über die anderen noch kommenden Editionen. Das ist gut. Jedenfalls ist es besser als der Versuch, aus „Mein Kampf“ eine Büchse der Pandora zu machen, die unbedingt verschlossen gehalten werden muss, weil sie sonst alles in ihrer Umgebung vernichtet.

Das Verbot von „Mein Kampf“ ist Teil der Mythologisierung des Nationalsozialismus. Es ist Teil der Strategie: Nicht ich, Adolf Hitler ist es gewesen. Der Erfolg von „Mein Kampf“ fand in den Köpfen seiner Leser statt. Die Auseinandersetzung damals und heute muss die Auseinandersetzung mit und um diese Köpfe sein. Das geht nur ohne Verbot. Wer „Mein Kampf“ eklig findet, dessen Abwehrsystem funktioniert. Er darf sich glücklich schätzen. Aber er sollte nicht vergessen: Es ist nur sein Abwehrsystem. Die anderen müssen gestärkt werden in der Auseinandersetzung. Verbote sind da nur schädlich.

Wir können die Vergangenheit nicht einbetonieren. Sie zu beschweigen mag eine Weile nötig sein, dann aber wird es umso wichtiger, über sie zu sprechen, damit nicht das Schlimmste von ihr wieder zur Gegenwart wird. Die Geschichte ist das Arsenal, aus dem alle sich bedienen. Sie muss das Arsenal sein, aus dem auch alle sich bedienen können. Die Auseinandersetzung um unsere Zukunft ist immer auch die um unsere Vergangenheit. Sie muss zivilgesellschaftlich geführt werden. Von den Menschen, die heute hier leben. Es geht um sie und ihre Kinder. Es geht nicht darum, heute das zu tun, was damals vielleicht ein Gericht hätte tun sollen: mein Kampf wegen Volksverhetzung verbieten. Heute muss das Buch aus genau diesem Grunde zugänglich sein.

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