Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Leitartikel

07. Juli 2015

Kolonialismus: Völkermord verjährt nicht

 Von 
Blumen gedenken der Opfer der deutschen Kolonialherrschaft im heutigen Namibia. Es war der erste Völkermord im 20. Jahrhundert.  Foto: dpa

Noch immer weigert sich die deutsche Regierung, den Völkermord an den Herero und Nama vor hundert Jahren auch Völkermord zu nennen. Das ist kontrollierter Gedächtnisverlust. Der Leitartikel.

Drucken per Mail

Niemand hat Ziel und Wesen des Kolonialismus präziser und brutaler definiert als Julius Scharlach (1842–1908), Hamburger Rechtsanwalt, Spekulant und Kolonialunternehmer, unter anderem in Deutsch-Südwestafrika: „Kolonisieren, das zeigt die Geschichte aller Kolonien, bedeutet nicht, die Eingeborenen zivilisieren, sondern sie zurückdrängen und schließlich vernichten. Der Wilde verträgt die Kultur nicht; auf ihn wirken nur ihre schlimmen Seiten; sie vernichtet rücksichtslos den Widerstrebenden oder Schwachen (...) Diese an sich gewiss traurige Tatsache muss als eine erwiesene geschichtliche Notwendigkeit betrachtet werden. Wer sie nicht anerkennen will, weil sie von einem höheren idealen Standpunkt aus unberechtigt erscheinen mag, der darf nicht unternehmen, Kolonien zu erwerben und zu verwerten.“

Genozid an den Herero und Nama

In keiner deutschen Kolonie ist diese „Notwendigkeit“ kompromissloser exekutiert worden als in Deutsch-Südwest, dem heutigen Namibia: Dem Holocaust in Auschwitz ging der Genozid an den Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 durch die deutschen „Schutztruppen“ unter Generalleutnant Lothar von Trotha voraus. Von den etwa 80 000 Herero haben 15 130 (Volkszählung von 1911), von den 20 000 Nama 10 000 ihren Widerstand gegen die deutsche Kolonialmacht überlebt.

Obwohl die Herero bereits von den Deutschen geschlagen waren, erließ Trotha den sogenannten Vernichtungsbefehl: „Die Herero sind nicht mehr Deutsche Untertanen. Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen. Das sind meine Worte an das Volk der Herero.“

Bei der Übergabe von 20 Schädeln an die Opferorganisation "Ovaherero/ Ovambanderu - Rat für Dialog über den Genozid von 1904" steht ein Schädel in der Berliner Charité hinter Plexiglas.  Foto: dpa

Als Kolonialmacht hat Deutschland nur 35 Jahre – von 1884 bis 1919 – bestanden. Im Versailler Vertrag verlor es alle Kolonien, de facto aber hatte es sie schon  früher eingebüßt – vor hundert Jahren, am 9. Juli 1915, kapitulierten die deutschen „Schutztruppen“ in Deutsch-Südwestafrika. Seit Jahrzehnten ist die Kolonialzeit in Deutschland so gut wie vergessen, bestenfalls wird sie als „Episode“ bezeichnet, aber in den ehemaligen Kolonien blieb bis heute die Erinnerung wach. Vergessen ist in Deutschland auch, dass die Vereinten Nationen die Auslöschung der Herero und Nama schon 1948 als Genozid anerkannt haben, aber für die Nachfahren der Opfer ist dieser Genozid eine die Gegenwart bestimmende Realität: Opfer haben in der Regel ein besseres Gedächtnis als Täter.

Bis heute verweigert die Bundesrepublik die Anerkennung des Genozids als Genozid, bis heute hat sich noch keine Bundesregierung zur Bitte um Entschuldigung bereitgefunden. Derzeit ist eine Delegation führender Herero und Nama in Berlin mit dem Appell im Gepäck, vor aller Welt den Völkermord nach mehr als 100 Jahren anzuerkennen. Sie wird nicht einmal offiziell empfangen, stattdessen wird auf die „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ zwischen der Bundesrepublik und dem heutigen Namibia und auf die Summe der finanziellen Entwicklungshilfe verwiesen.

 Foto: dpa-infografik

Es ist aber unmöglich, einerseits die Türkei – sehr zu Recht – immer wieder zu ermahnen, ihren Völkermord an den Armeniern endlich einzugestehen, und andererseits zu versuchen, dem Eingeständnis des eigenen Völkermords unter Hinweis auf großzügige Entwicklungshilfe zu entkommen. Welchen Wert haben die zu jedem Jahrestag des Holocaust erneuerten Beteuerungen deutscher Spitzenpolitiker, der Genozid an den Juden dürfe niemals vergessen werden, er bedeute Verantwortung weit über die Gegenwart hinaus, denn Völkermord verjähre nicht, wenn den nach Berlin gereisten Herero und Nama mit ihrem Appell „Völkermord verjährt nicht“ das Gehör verweigert wird, weil sich die Adressaten dank kontrollierten Gedächtnisverlusts an keinen Massenmord erinnern? Doppelmoral ist hier ein entschieden zu freundliches Wort.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Die Anerkennung des Genozids an den Herero und Nama kann nur ein Anfang sein – der Beginn der Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialpolitik. Je länger die unendlich peinliche Debatte über den Völkermord im damaligen Deutsch-Südwestafrika dauert, desto mehr drohen auch die Verbrechen endgültig aus dem kollektiven Bewusstsein zu verschwinden, die von der deutschen Kolonialmacht in ihren anderen Kolonien begangen wurden.

Mehr dazu

Aber vor allem verstellt diese Debatte den Blick dafür, dass mehr als über die Verbrechen des Kolonialismus der Kolonialismus als Verbrechen zu verhandeln ist. Denn tatsächlich war die Definition des Hamburger Kaufmanns Julius Scharlach, wonach Kolonisieren „zurückdrängen und schließlich vernichten“ bedeute, nicht nur für die deutsche, sondern für die europäische Kolonialpolitik verbindlich. Kolonialismus bedeutete für die Kolonisierten – selbst wenn sie überlebten – immer einen Weltuntergang: Ausgelöscht wurden ihre traditionelle Kultur, ihre Wirtschaftsbeziehungen, ihre sozialen Strukturen. Diese Debatte hat noch nicht einmal begonnen.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


 

Talkshow-Kritiken auf einen Blick