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Leitartikel

10. März 2016

Leitartikel: Die richtige Lehre aus Fukushima

 Von 
Die Gegend um Fukushima ist noch immer verseucht.  Foto: AFP

Tschernobyl und Fukushima haben gezeigt: Die Atomkraft ist nicht beherrschbar. Einige Regierungen wollen das nicht wahrhaben, trotzdem ist die Bundesrepublik mit dem Ausstieg der Trendsetter.

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Das Jahr 2016 ist das Super-GAU-Gedenkjahr. Vor 30 Jahren versetzte Tschernobyl die Welt in Angst und Schrecken, vor fünf Jahren geschah dasselbe durch Fukushima. Beidesmal ereigneten sich Katastrophen, die laut den Apologeten der „friedlichen Kernkraft“ nie hätten passieren dürfen. In Tschernobyl war ein fahrlässiges Experiment der Reaktorfahrer die Ursache, in Fukushima der unzureichende Schutz der AKW-Blöcke vor Erdbeben und hohen Tsunami-Wellen.

In beiden Fällen kannten die Betreibern der Anlagen die Risiken. Maßnahmen, um die Gefahren einzudämmen, unterblieben. Erst nach den Katastrophen ordneten die Aufsichtsbehörden Veränderungen im Reaktorbetrieb beziehungsweise bauliche und technische Nachrüstungen des Kraftwerksparks an. Eine Garantie, dass andere, aber ähnlich schwerwiegende Katastrophen in den Atommeilern ausgeschlossen sind, können sie trotzdem nicht geben. Tschernobyl und Fukushima haben gezeigt: Die Atomkraft ist nicht beherrschbar. Es gab zwar, kurzfristig betrachtet, positive ökonomischen Effekte, doch diese werden im Falle eines Super-GAU durch unermessliches menschliches Leid und gigantische Folgekosten erkauft.

In Tschernobyl muss für über zwei Milliarden Euro ein neuer Sarkophag gebaut werden, um die bröselnde Strahlenruine abzuschotten. Die Sperrzone um den explodierten Reaktor bleibt auf Jahrzehnte, womöglich Jahrhunderte unbewohnbar. In Fukushima werden die Aufräum-Arbeiten und Abbrucharbeiten noch mindestens bis 2050 dauern, und bisher ist unklar, ob die Sanierung des AKW-Geländes überhaupt gelingen kann. Noch immer wohnen rund 100 000 Menschen, die aus der Region evakuiert wurden, in Notunterkünften. Es bleibt fraglich, ob ihre Rückkehr in angeblich „dekontaminierte“ Gebiete in der Fukushima-Umgebung, wie die Regierung in Tokio sie plant, wirklich sicher ist. Eine Gesamtschätzung der Kosten existiert nicht, bekannte Einzelposten summieren sich jetzt auf umgerechnet 96 Milliarden Euro.

Merkel: "Das war's"

Die Reaktion von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nach dem Fukushima-GAU war die einzig richtige. Mit dem von ihr verbürgten Spruch „Das war’s“ revidierte die studierte Physikerin ihre Pro-Atomkraft-Politik und kehrte in etwa zu dem Ausstiegsplan zurück, der – als politische Spätfolge von Tschernobyl – von der rot-grünen Bundesregierung bereits 1999 mit den Stromkonzernen ausgehandelt worden war. Die Atomstrom-Produktion in Deutschland endet nun laut Plan 2022 – und wenn die bisher unerwartet erfolgreiche Energiewende von der Regierung nicht aus Rücksicht auf die Interessen der Stromkonzerne abgebremst wird, liefert die Bundesrepublik damit eine Blaupause für den Umbau des Energiesystems auch in anderen Industrie- und Schwellenländern.

Deutschland kann so die Vorteile des Vorreiters ernten. Durch den Atomausstieg sinken nicht nur das Super-GAU-Risiko für die Bevölkerung und die Menge des zu entsorgenden Atommülls, die Bundesrepublik beschreitet damit auch den ökonomisch vorteilhafteren Pfad. Andere Länder, die an der Atomkraft festhalten wollen, haben nur zwei problematische Optionen. Entweder sie verlängern die Laufzeiten ihrer Reaktoren über das früher angepeilte 40-Jahre-Limit hinaus.

Durch die Alterung steigt die Gefahr, dass es zu Unfällen mit schweren Schäden kommt. Oder sie ersetzen die Altmeiler durch Neubauten mit höherem Sicherheitsniveau. Deren Baukosten sind explodiert, wie die beiden im Bau befindlichen Projekte das französischen Reaktorbauers Areva in Frankreich und Finnland sowie die Kalkulationen für den ersten von Großbritannien geplanten neuen Reaktor belegen. Die Neubau-AKW erfordern staatliche Subventionen, gegen die etwa die Umlagen für Ökostrom in Deutschland Peanuts sind. Ein Zukunftsmodell ist das nicht.

Der Bedeutungsverlust der Atombranche schreitet voran, auch wenn einige Länder dagegen ankämpfen. Wirklich relevant sind bei den AKW-Neubauten nur noch China und – mit Abstrichen – Russland, beides Länder, in denen die Energiepolitik stark staatlich gesteuert wird. Selbst bei ihnen ist nicht ausgemacht, dass die nukleare Expansion nach Plan läuft. Peking lenkt seit Jahren deutlich mehr Investitionen in die immer billiger werdenden erneuerbare Energien als in den Atomsektor, dessen Kosten tendenziell steigen. Und Russland baut und plant zwar viele Reaktoren im eigenen Land und für den Export, allerdings ist bei vielen der Bau verzögert, und die Finanzkrise des Landes bedroht die Projekte.

Die Hochzeit der zivilen Kernspaltung liegt fast 15 Jahre zurück. Die meisten Reaktoren wurden weltweit im Jahr 2002 betrieben, damals waren 438 Anlagen aktiv, danach ging es bergab. Der Anteil am Strommix ist von knapp 18 auf unter elf Prozent gesunken. Er wird weiter abnehmen, weil immer mehr alte Reaktoren vom Netz gehen und zuwenig neue Reaktoren gebaut werden, um das auszugleichen. Das belegt, die Bundesrepublik ist nicht Außenseiter in der Energiepolitik, sondern Trendsetter. Gut zu wissen.

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