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Leitartikel

15. September 2015

Milchpreise: Irrweg Weltmarkt

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Die wachsende Milcherzeugung sorgt für einen desaströsen Preis.  Foto: dpa

Die Existenz vieler Landwirte ist bedroht, weil sie für Milch immer weniger Geld bekommen. Brüssel und Berlin fördern weiter die Produktion großer Mengen, statt sie zu begrenzen. Der Leitartikel.

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Lidl überrascht Bauern und Kunden mit einer netten Geste. Fünf Cent soll die Milch im Discounter von 1. Oktober an teurer werden. Fünf Cent, um den Bauern aus der Klemme zu helfen. Aber nutzt die Offerte, die man auch als Entschuldigung für den sonst üblichen Preisdruck lesen kann, überhaupt? Weniger die frische Trinkmilch bestimmt den Erzeuger-Preis, sondern vielmehr all jene Bestandteile, die als industrielles Produkt weltweit handelbar sind. Milch ist ein austauschbarer Rohstoff geworden. Es sind die Fette, die Eiweiße, das Milch- und Molkepulver, auch Käse und weltweit verkaufbare H-Milch, die über den Preis bestimmen. Nur 30 Prozent der Milch gehen als Frischeprodukt in den Handel. Damit ist der große Rest ein industrietaugliches Massenprodukt geworden, das den internationalen Kräften ausgesetzt ist.

International aber ist kein Geld mehr zu verdienen mit Milch. Chinas Appetit auf die Milch der Welt ist Vergangenheit. Länder wie Neuseeland und die USA schütten ihre Überschüsse auf den Weltmarkt und treffen dort auf Europäer, die mit einem durch das russische Embargo verstopften, einst wesentlichen Absatzkanal kämpfen.

Zusammen mit einer wachsenden Milcherzeugung in Europa ist der Milchpreis auf einem Level angekommen, der selbst für völlig durchrationalisierte Höfe ökonomisch desaströs wirkt. Spätestens jetzt machen alle Miese. Seit Monaten schon legen Agrar-Berater ihren Bauern ans Herz, doch mal mit der Bank über eine „langfristige Nachfinanzierung“ zu sprechen. Mehr noch: Die Berater bereiten ihre Klienten schonungslos aufs Ende vor: Wer nicht „quersubventionieren“ könne, der müsse „ernsthaft über eine Einstellung der Produktion“ nachdenken.

Das sind Katastrophenszenarien, doch weder in Brüssel noch in Berlin kommen sie an. Als wäre ihnen der Ausstieg vieler Milchbauern recht. Die EU-Agrarminister, die gestern in Luxemburg über die Verteilung von 500 Millionen Euro an die krisenerprobten Milchbauern berieten, denken nicht daran, das Ruder rumzureißen.

Die Hoffnung der Bauern ist begrenzt

Nicht Mengenbegrenzung oder Ökologisierung der Produktion sind das Ziel der EU-Agrarpolitik, sondern der Ausbau einer so gerade eben gestrandeten Weltmarkteroberung. Ungerührt favorisiert Brüssel mehr Freihandelsabkommen, will mehr Geld für die Milch-Werbung auf internationalen Bühnen ausgeben und denkt, das wenigstens steht zu befürchten, am Ende sogar darüber nach, Instrumente wie die Exportförderung aus der Mottenkiste zu holen. Falls das europäischen Bauern überhaupt helfen könnte, so wird eine Folge sofort absehbar. Eine solche Politik zerstört bäuerliche Existenzen in anderen Regionen der Welt. Ein völlig falsches Signal, nicht nur in dieser Zeit.

Wie reagieren die Bauern hierzulande? Erzeugen sie weniger, um Kosten zu senken und – angesichts verringerter Mengen – auf bessere Preise zu hoffen? Davon geht der Bauernverband aus. Doch diese Hoffnung ist begrenzt. Näher liegt, dass die Landwirte Gas geben. Um am Ende die alte Euro-Summe auf dem Milchzettel zu haben – nur dass sie dafür erheblich mehr produziert haben. Dafür sprechen auch die jüngsten Zahlen zur Erzeugung. Immer noch steigt auch in der EU die Produktion, und dass sie in Deutschland in diesem Sommer leicht zurückgegangen ist, das ist allein der extremen Trockenheit in einigen Landesteilen geschuldet. Jetzt, wo das Gras wieder sprießt, springen auch die Melkkarusselle wieder an.

Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) fällt in dieser Stunde nichts anderes ein, als seinen europäischen Kollegen eine makabre Verteilung der EU-Krisen-Millionen vorzuschlagen: Er will die Milch-Hilfen je nach der bisherigen Produktion der Bauern verteilen. Damit belohnt Schmidt genau jene, die für die Krise mitverantwortlich sind.

Statt aus dem Topf von 500 Millionen Euro für jeden nicht gemolkenen Liter einen Ausgleich an die Bauern zu zahlen, wie das die „Rebellen“ vom Bund Deutscher Milchviehhalter verlangen, wird die Erzeugung auf altem Niveau finanziell gestützt. Eine fatale Politik, die keine steigenden Preise im Sinn hat. Dabei werden im Norden Deutschlands örtlich nur noch 23 Cent gezahlt. Das ist weniger als die Hälfte dessen, was Biomilch-Bauern zur Zeit von ihren Molkereien bekommen. Biomilch ist – anders als konventionelle – rar.

Spätestens an diesem Punkt zeigt sich, dass eine am inländischen Bedarf orientierte Produktion erfolgreich sein kann. Statt den Markt mit austauschbaren Basis- oder Billig-Produkten zu überschwemmen, müssen Landwirte auf Qualität setzen. Das steigert den Wert ihrer Produkte, das schont ihre Kühe vor Ausbeutung, reduziert die Milchflut. Weniger Tiere auf dem Hof, eine Rückkehr zur Weidehaltung. Weg von der Höchstleistung, Verzicht auf Kraftfutter aus Übersee, hin zu mehr Tierwohl, das der Bauer seinem Kunden mittels Etikettierung vermittelt. Nur so kommen die Milcherzeuger aus der Krise. Nicht aber mit einer Politik, die den Irrweg Weltmarkt weiter anheizt.

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