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Leitartikel

14. Oktober 2015

Pegida: Pegidas braune Parallelwelt

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Pegida, hier ein Aufmarsch in Dresden am 12. Oktober, hat ein Klima der Verrohung, Aggressivität und des Hasses geschaffen, das alles, wirklich alles befürchten lässt.  Foto: dpa

Die Hass-Bewegung aus Dresden richtet seit einem Jahr ein Zerstörungswerk an. Mit Wutbürgertum wie bei Stuttgart 21 hat das nichts zu tun. Wutbürger reden, hören anderen zu, suchen Lösungen. Der Leitartikel.

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Ein Galgen für Angela Merkel und Sigmar Gabriel? Na und! Pipifax. Die „lächerliche Bastelarbeit“, wie der Dresdner Pegida-Anführer Lutz Bachmann die Geschmacklosigkeit nannte, ist tatsächlich die Aufregung nicht wert, die sie gerade erfährt. Wen das Ding vor Empörung aus dem Sessel hebt, der hat immer noch nicht begriffen, welches gesellschaftliche Zerstörungswerk Pegida seit einem Jahr in Dresden und Sachsen anrichtet und wie weit sie damit gekommen ist.

Es geht nicht mehr um Worte und Symbole, es geht um Gewalt. Pegida hat ein Klima der Verrohung, Aggressivität und des Hasses auf Ausländer, Andersdenkende, Kirchen, Politiker, Medien geschaffen, das alles, wirklich alles befürchten lässt. Pegida ruft seit einem Jahr zu nichts anderem als Hass und Gewalt auf. Pegida setzt Hemmschwellen auf null. Wenn es dann kracht wie in Heidenau, in Meißen, in Freital oder in Dresden, als es einen Brandanschlag auf eine Schule gab und der Mob eine Notunterkunft und die sie bewachenden Polizisten angriff, dann aber will Pegida damit nichts zu tun gehabt haben.

„Wir werden von Wahnsinnigen regiert“, brüllt Pegida-Anführer Bachmann gerne auf seinen Kundgebungen und spielt sich als Retter des Abendlandes und der europäischen Kultur auf. Ein Mann, der im Gefängnis saß, verurteilt wegen Drogenhandels und mehrerer Einbrüche, jemand, der Unterhaltszahlungen für sein Kind schuldig geblieben war und auf Bewährung frei ist. Bachmann hetzt seit einem Jahr ungehindert gegen Asylbewerber, die er Verbrecher und Invasoren nennt, die „raubend, teilweise vergewaltigend und stehlend unsere Städte“ bereicherten. Erst Hass säen, dann zum Losschlagen ermuntern: „Auf die Straße, wehrt euch.“ Und wir wundern uns noch, wenn Steine, Flaschen und Böller fliegen? Oder regen uns über den albernen Galgen auf? Gewalt ist Alltag geworden in Sachsen. Und es wird immer schlimmer.

Erst Worte, dann Untaten. Pegida hat schon vor Monaten den Schalter umgelegt. In Sachsen werden systematisch Politiker, ihre Büros, ihre Autos angegriffen. Es geht gegen Flüchtlinge, Polizisten, THW-Helfer, DRK-Helfer, Feuerwehrleute, Journalisten, Andersdenkende oder auch mal Kinder und Jugendliche aus ganz Deutschland, die an einem Theaterfestival teilnehmen.

Pegida ist eine hasserfüllte, sich selbst isolierende braune Parallelwelt. Mit Wutbürgertum wie bei Stuttgart 21 hat das nichts mehr zu tun. Wutbürger reden noch, hören anderen zu, suchen Lösungen, wenn die Wut abgekühlt ist. Der Hass, den Pegida anheizt und der Pegida charakterisiert, schottet die Bewegung ab, lädt sie mit Aggression auf und macht sie zu einer Gefahr für alle. Er ist Gift für eine demokratische Gesellschaft, er zerfrisst sie.

Pegida ist eine Blase aus Anmaßung und Größenwahn. Jüngst forderte eine Rednerin ernsthaft den Austritt Sachsens aus der Bundesrepublik. Man hält sich für das wahre Volk, das eigene Tun für „Notwehr“. Alle, die nicht mitziehen, sind Volksverräter, Berliner Diktatoren, die Lügenpresse. Die gilt es zu bekämpfen, bis die nächste Revolution oder Wende da ist. Dann sind die anderen dran, wörtlicher Aufruf an alle: „Merkt euch die Namen!“

Zu Anfang hat es Gesprächsversuche gegeben. Sachsens Politik probierte den Dialog, der ehrenwerte Bürgerrechtler Frank Richter holte „besorgte Bürger“ an den Tisch, um Dampf abzulassen. Das war richtig so, aber es ist gescheitert, weil Pegida nicht mit sich reden lässt. Pegida ist nicht dialog- und kompromissbereit.

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Und Dresden? Es ist eine Tragödie für diese Stadt, denn Pegida ist und bleibt ein Phänomen Dresdens und Sachsens. Nur dort hat es nennenswerten Zulauf. Es gibt aber auch ein anderes Dresden: Tausende Menschen, die sich seit Wochen um Flüchtlinge kümmern und helfen. Hunderte, die für ein weltoffenes Dresden auf die Straße gehen, deren Führungspersonal und ihre Familienangehörigen dafür mit Bedrohung leben müssen.

Dresden hat keine selbstbewusste bürgerliche Gesellschaft, die in nennenswerter Zahl gegen den braunen Spuk aufsteht. Pegida bringt derzeit 7000 bis 9000 Anhänger auf den Theaterplatz. Dresdens Bürgertum aber lässt sich das Geschrei bieten, es hat offensichtlich kapituliert oder kein Interesse. Es gibt über 40 000 Studenten – wo sind die eigentlich? Wenn im vergangenen Jahr einmal mehr als 5000 Menschen für ein buntes Dresden demonstrierten, dann nur, weil Herbert Grönemeyer oder Roland Kaiser auf der Bühne standen.

Aus sich heraus läuft in Sachsens Landeshauptstadt erschreckend wenig, im Land ist es nicht viel anders: Ministerpräsident Tillich zeigt Anstand, verurteilt fremdenfeindliche Gewalt und wirbt für Ausländer – und seine CDU weiß nicht, ob sie ihm folgen oder mit der AfD flirten soll, deren Chefin Frauke Petry Pegida für eine richtige Bürgerbewegung hält.

Kommenden Montag feiert Pegida sich selbst. Ein Jahr Zerstörungswerk. In Dresden wird zu Gegendemonstrationen aufgerufen, es soll ein Zeichen dagegen gesetzt werden. Es ist notwendiger denn je.

Anm.der Redaktion: Das Thema scheint uns inzwischen ausdiskutiert, deshalb haben wir die Leserkommentare geschlossen.

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