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Leitartikel

28. Januar 2016

Russlanddeutsche : So wurde der "Fall Lisa" zum Politikum

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Demonstranten in Villingen-Schwenningen: Viele missbilligen die Berichterstattung über Russland.  Foto: dpa

Wieso fallen so viele Russlanddeutsche im "Fall Lisa" auf die russische Presse und rechte Stimmungsmacher herein? Es gibt dafür mehrere Gründe. Der Leitartikel.

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Der Strafverteidiger und Schriftsteller, Ferdinand von Schirach, stellt zu Beginn seines Buches „Verbrechen“ ein Zitat von Heisenberg voran: „Die Wirklichkeit, von der wir sprechen können, ist nie die Wirklichkeit an sich.“ Deutschland diskutiert darüber, was wirklich mit der 13-jährigen Lisa in Berlin geschehen ist, ob die Polizei etwas vertuschen wollte, was der Fall mit Flüchtlingen zu tun hat und warum angeblich viele Russlanddeutsche plötzlich gegen die Bundesregierung aufbegehren und dem Kreml glauben.

Zu jedem dieser Streitpunkte gibt es viele Wirklichkeiten. Je nachdem, wer sich dazu äußert, erscheint die junge Lisa mal als Opfer, mal als Lügnerin; die deutschen Behörden sind mal Aufklärer, mal Mittäter, weil sie schweigen und mauern; die jungen Männer werden mal individuell und mal stellvertretend für alle Migranten und Flüchtlinge an den Pranger gestellt.

Um das Mädchen Lisa soll es hier aber nicht gehen. Von Belang für die deutsche Öffentlichkeit, zu der alle hier Lebenden gehören, ist es aber zu prüfen, welche Ängste und Interessen zu den emotionalen Ausbrüchen und Demonstrationen gegen die Bundesregierung führten und wie man ihnen begegnen kann.

Rechtsextreme nutzen den Moment

In der Berichterstattung stehen nun Russlanddeutsche im Fokus. Es waren viele russisch sprechende Menschen vor dem Kanzleramt in Berlin, die nach Schutz für ihre Kinder verlangten – und dabei mehr oder weniger laut gegen „Migrantengewalt“ skandierten. Es gibt heute in Deutschland mehr als drei Millionen eingebürgerte Frauen, Männer und Kinder, die in der Sowjetunion oder Russland geboren wurden. Es gibt Hunderttausende junge Deutsche, deren Eltern aus der Sowjetunion stammen. Die Demonstranten sprachen nicht für sie alle.

Interessanter als die Gruppe der Demonstranten sind die Redner, vor allem Heinrich Groth. Er spielt sich als Sprachrohr der Russlanddeutschen auf und ist Vorsitzender des Konvents der Russlanddeutschen. Herr Groth ist ein strammer Rechter, sein Konvent faktisch bedeutungslos. Er lässt sich vom rechten Magazin „Compact“ zitieren, fordert den sofortigen Stopp des „Flüchtlingszustroms“ – wohlwissend, dass der Fall Lisa absolut nichts mit Flüchtlingen zu tun hat. Groth hat in der Vergangenheit versucht, in Deutschland mit Hilfe von rechten Kräften in politische Ämter zu gelangen. Wahrscheinlich wussten viele Demonstranten in Berlin nicht, wer da zu ihnen sprach.

Gerüchte werden zu Wahrheiten

Doch mit Stimmungsmachern wie Groth allein sind die Proteste nicht zu erklären. Viele Faktoren beeinflussen die Stimmung einer zugewanderten Gruppe, die sich gegen neue Zuwanderer stellt. Es gibt in der russlanddeutschen Gemeinschaft genauso Antisemiten und Islam-Gegner wie im Rest der deutschen Gesellschaft. Teile von ihnen leben in einer Informationsparallelwelt. Sie nehmen die Welt überwiegend durch russische und nicht durch deutsche Medien wahr und halten Gerüchte aus dem Internet für Wahrheiten – auch das ist aber nicht typisch für die gesamte Gruppe. So etwas findet sich auch unter anderen Deutschen und anderen Migrantengruppen.

Wenn Lawrow nun von „unserem Mädchen“ spricht, dann weiß er, dass er mit dieser scheinbaren Geste des Mitgefühls die Russlandstämmigen erreicht.  Foto: REUTERS

Nach der Einmischung des russischen Außenministers Sergej Lawrow in einen innerdeutschen Kriminalfall und die Propaganda in russischen Medien, wird die Angelegenheit aber zu einem Politikum. Dass Lawrows Äußerungen und die falschen Darstellungen in einigen russischen Medien bei Russlandstämmigen auf fruchtbaren Boden fallen, hat ebenso viele Gründe. Die zwei wichtigsten: der Ukraine-Konflikt und die soziale Prägung.

Geste des Mitgefühls kommt gut an

Die Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt in vielen deutschen Medien war lange undifferenziert, die Schuld für den Krieg wurde eindeutig Russland zugeschrieben – das und die üblichen stereotypen Bilder deutscher Medien über den Osten führten dazu, dass viele die Berichterstattung über Russland insgesamt missbilligen. Denn sie identifizieren sich mit denen, die ständig kritisiert werden. Wenn Lawrow nun von „unserem Mädchen“ spricht, dann weiß er, dass er mit dieser scheinbaren Geste des Mitgefühls die Russlandstämmigen erreicht. Lisa besitzt neben der deutschen auch die russische Staatsbürgerschaft.

Und dann der vielleicht sensibelste Punkt, die Prägung. Das Alter vieler Demonstranten spricht dafür, dass sie im autoritären sowjetischen System erzogen wurden. Wer dort aufgewachsen ist, lernte früh, dass man erstens der Obrigkeit nicht glaubt und zweitens gegen die Obrigkeit nicht protestiert. Diese Menschen schütteln ihre Prägung nicht ab, wenn sie nach Deutschland übersiedeln. Die Skepsis gegenüber staatlichen Organen bleibt – aber hier darf man ungestraft aufbegehren.

Diese und noch viele andere Faktoren beeinflussen die Stimmung innerhalb einer Gruppe der Russlanddeutschen. Wer dagegen etwas unternehmen will, der schenke dem tatsächlichen Vertreter der organisierten Russlanddeutschen Gehör, Waldemar Eisenbraun: „Wir müssen grundsätzlich die ganze Debatte versachlichen … Es sind viele Emotionen im Spiel und sehr viele Misstöne dabei.“

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