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Leitartikel

27. Oktober 2015

Sterbehilfe: Das Recht, zu gehen

 Von 
In wenigen Tagen entscheidet der Bundestag über die Sterbehilfe.  Foto: dpa/Symbolbild

In wenigen Tagen entscheidet der Bundestag über die Sterbehilfe. Der Gedanke, dass Schwerstkranke am besten selbst entscheiden können, gewinnt Anhänger. Das ist auch gut so. Der Leitartikel.

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In wenigen Tagen entscheidet der Bundestag über die Sterbehilfe. Der Gedanke, dass Schwerstkranke am besten selbst entscheiden können, gewinnt Anhänger. Das ist auch gut so. Der Leitartikel.

Vor einem Jahr schied Brittany Maynard aus dem Leben. Die junge Amerikanerin, bei der die Ärzte einen Tumor im Gehirn entdeckt hatten, trank einen tödlichen Medikamentencocktail, den ihr ein Arzt zusammengestellt hatte. Um so sterben zu können, war sie in den Bundesstaat Oregon gezogen. Denn in ihrer Heimat Kalifornien ist Sterbehilfe verboten.

Nicht mehr lange: Der kalifornische Gouverneur Jerry Brown hat kürzlich ein Gesetz unterschrieben, das – angelehnt an die Rechtslage in Oregon – schon bald eine ärztliche Suizidhilfe erlaubt. Der Katholik hatte sich damit schwer getan. „Am Ende musste ich darüber nachdenken, was ich im Angesicht meines eigenen Todes wollen würde“, schrieb er in seiner Begründung. Er fand keine Antwort, aber eine Gewissheit: Im Fall einer qualvollen, unheilbaren Krankheit wäre es eine Beruhigung für ihn, um die Optionen zu wissen, die das neue Gesetz eröffnet. Und diese Möglichkeiten wollte er auch anderen nicht verweigern.

Der Gouverneur hat Brittany Maynard ihren letzten Wunsch erfüllt. Die 29-Jährige hatte in den wenigen Monaten, die sie nach der Diagnose noch zu leben hatte, für eine Legalisierung der Suizidassistenz in Kalifornien gekämpft. Nicht nur sie stritt mit Leidenschaft. Religiöse Gruppen stemmten sich mit schwerem moralischen Geschütz gegen eine Liberalisierung. Es war die emotionalste legislative Schlacht des Jahres, meint die „Washington Post“.

In Deutschland ist diese „Schlacht“ noch in vollem Gange: Am 6. November will der Bundestag über mehrere Gesetzentwürfe zur Sterbehilfe abstimmen – Ausgang offen. Parlamentspräsident Norbert Lammert spricht von dem „vielleicht anspruchsvollsten Gesetzgebungsprozess dieser Legislaturperiode“. Kritiker meinen, angesichts der wenigen Fälle organisierter Sterbehilfe in Deutschland sei es eher das überflüssigste Vorhaben. Weitaus gravierender dürfte sein: Es droht eine Verschärfung der Rechtslage, also neue Hürden auf dem Weg zu mehr Patientenautonomie am Lebensende.

Allerdings sind Nachdenklichkeit und Unsicherheit bei vielen Bundestagsabgeordneten zuletzt eher gewachsen – und mit ihnen der berechtigte Zweifel: Tut ein Staat wirklich gut daran, im sensiblen Grenzgebiet zwischen Leben und Tod die Keule des Strafrechts zu schwingen und Suizidhelfer zu kriminalisieren?

Diskussion hat an Tiefe gewonnen

Auch die Diskussion unter den Ärzten hat an Tiefe und Differenziertheit gewonnen. Mit einer guten Schmerztherapie könne man allen unheilbar Kranken helfen, so dass ein Sterbewunsch gar nicht erst aufkomme, hatten anfangs viele Palliativmediziner unwidersprochen behauptet. Mittlerweile weiß jeder, dass das nicht stimmt. Und dass derjenige, der sich am Willen und Wohl von todkranken Menschen orientiert, den Ausbau der Palliativ- und Hospizversorgung nicht gegen die Hilfe zum Sterben ausspielen sollte.

Jeder dritte deutsche Arzt äußert im Schutz anonymer Umfragen, er sei bereit, einem Sterbewilligen mit Medikamenten zum Tod zu verhelfen. Auch in der Öffentlichkeit haben viele Mediziner ihr Schweigen gebrochen, damit es nicht länger als Zustimmung zum konservativ-autoritären Kurs von Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery gedeutet werden kann. Der erntet mittlerweile weithin Kopfschütteln ob seiner verbalen Ausfälle. So hatte er gewettert, der Gesetzentwurf der Abgeordneten Karl Lauterbach und Peter Hintze „zielt ganz klar auf Euthanasie ab“. Das ist, mit Verlaub, barer Unsinn. Es sagt mehr über Montgomery und seinen ideologischen Furor aus als über den Vorschlag von Lauterbach und Hintze. Dieser beinhaltet ein Regelwerk für die ärztliche Beihilfe zum Suizid nach dem Muster des Dignity Acts von Oregon.

Leben darf nicht zum Zwang werden. Wer sich der Logik, die der Idee der Selbstbestimmung innewohnt, nicht verschließt, darf den frei gewählten Tod nicht tabuisieren, suizidwillige Menschen nicht entmündigen und ihre Helfer nicht kriminalisieren. Zu Ende gedacht, muss das auch für die bei den meisten Bundestagsabgeordneten verpönten Sterbehilfeorganisationen gelten. Denn wer die Option eines begleiteten Suizids zwar nicht gänzlich verbieten, aber doch so „unorganisiert“ wie möglich haben will, der erschwert es Menschen in größter Not, Gesprächspartner und Hilfe zu finden. Das ist jetzt schon so schwierig, dass sich manche auf die beschwerliche Reise in die Schweiz machen, andere einen Ausweg in einem einsamen und gewaltsamen Tod etwa auf den Gleisen einer Bahn suchen.

Dagegen kann Sterbehilfe – in einem klaren rechtlichen Rahmen – auch Hilfe zum Weiterleben sein. (Nicht nur) Oregon zeigt: Für viele Menschen mit Sterbewunsch macht die Option zu gehen das Bleiben erträglich.

In wenigen Tagen wollen die Abgeordneten abstimmen. Dann müssen sie sich entscheiden: „Was würde ich im Angesicht meines eigenen Todes wollen?“ Und sich fragen, welche Freiheitsrechte sie anderen nicht verweigern dürfen.

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