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Leitartikel

27. Dezember 2015

Tierschutz: Tiere richtig schützen

 Von 
Der Tierschutzorganisation Peta ein Dorn im Auge: das Duhner Wattrennen.  Foto: Imago/Archiv

Das Verhältnis des Menschen zum Tier muss neu bestimmt werden. Dabei sollten heilige Tierschützer nicht gegen gierige Fleischfresser antreten. Quasireligiöse Motive helfen nicht. Der Leitartikel.

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Wenn Menschen in Wassernähe gefiederte Tiere erblicken, bewaffnen sie sich regelmäßig mit Toastbroten. Was dann folgt, darf als Teil ihrer eigenen Unterhaltung angesehen werden. Nicht selten sind Kinder dabei, denen das putzige Treiben der Tiere im Kampf um ein paar Bissen Nahrung veranschaulicht werden soll. Dabei würden die Brotträger den Vorwurf weit von sich weisen, ihr seltsames Tun als eine Art Tierversuch zu beschreiben. Vielmehr betrachten sie die kaum artgerechte Versorgung als besonderen Ausdruck ihrer Tierliebe.

Man kommt dem fremden Wesen nahe, tut ihm vermeintlich Gutes, aber hält es durch das Zuwerfen der Krumen doch auf angemessene Distanz. Mehr als zoologische Neugier ist es die Hoffnung auf einen Moment erlebter Niedlichkeit, die Menschen zum Füttern von Tieren als bloßen Zeitvertreib veranlasst. Das Toastbrot kann allerdings nicht als verdienstvoller Beitrag zur Naturpflege gelten. Der Gesundheit des Tieres ist es eher abträglich.

Das Verhältnis des Menschen zum Tier ist von Missverständnissen geprägt. Und so ist Tierliebe nicht selten ein Ausdruck menschlicher Selbstliebe, in der man, wenn es darauf ankommt, bereit ist, sich rebellisch über eine Obrigkeit hinwegzusetzen, die Füttern für verboten erklärt. Wer es trotzdem tut, macht sich so schnell zum Aktivisten in eigener Sache.

Die Tierschutzorganisation Peta ist dafür bekannt, öffentlichkeitswirksam Protest auszuüben, wie hier vor dem Frankfurter Zoo.  Foto: christoph boeckheler*

Kaum weniger auf ihr eigenes Tun versessen treten mitunter Tierschützer auf, die auf der Suche nach Missverhältnissen zwischen Mensch und Tier auf besonders spektakuläre Aktionen aus sind. So machte unlängst die Tierschutzorganisation Peta gegen das einmal im Jahr bei Cuxhaven stattfindende Duhner Wattrennen mobil. Bei der langsam zurückkehrenden Flut spritzt am Ende kräftig Wasser auf, wenn Pferde darin mit und ohne Wagen um die Wette laufen. Schon möglich, dass die Menschen dabei mehr Spaß empfinden als die Pferde. Mit spektakulären Fotos und Berichten von Sachverständigen glaubt Peta beweisen zu können, dass die Pferde zu einer derart unnatürlichen Bewegungsart gefügig gemacht werden. Und gewiss kann man von einer besonderen Stresssituation sprechen, denen die Tiere beim Wettlauf durch den Schlick ausgesetzt sind.

Aber ist das schon Tierquälerei? Die Hunderttausendfache private Haltung von Reitpferden dürfte täglich weit mehr grenzwertige Situationen zwischen Mensch und Tier hervorbringen als das Wattrennen am Strand. Peta hat es hier insbesondere darauf abgesehen, dekadente Reiche beim Schinden der Kreatur zum persönlichen Lustgewinn zu ertappen. Zur effektvollen Wirkung politischer Kampagnen bedarf es nun einmal verlässlicher gesellschaftlicher Reflexe, die immer wieder neu bedient werden müssen. In das gleiche Schema passen auch Aktionen des Deutschen Tierschutzbüros, die die Kunden von Pelzhändlern mit einiger Aggressivität davon abhalten, deren Filialen zu betreten. Öffentlich praktizierter Tierschutz kommt nicht selten im Aggregatzustand gesteigerter Erregung daher.

Ehrenwertes gesellschaftliches Anliegen

Dabei ist das Motiv des Tierschutzes ein ehrenwertes gesellschaftliches Anliegen. In diesem Sinne wirkt auch das brandenburgische Volksbegehren gegen Massentierhaltung aufklärerisch, weil es darauf aus ist, auf die eklatanten Missstände der industriellen Haltung und Tötung von Tieren hinzuweisen. So ist auch der jüngste Tierschutzbericht der Bundesregierung darauf aus, auf die permanente Bedrohung des Tierwohls aufmerksam zu machen. Tatsächlich wäre schon einiges gewonnen, wenn sich moderne Gesellschaften ihres konsumptiven Umgangs mit Tieren überhaupt bewusst würden.

Die Branchen, in denen Tiere getötet, verarbeitet und verbraucht werden, wissen nur zu genau um die emotionale Schwachstelle ihrer Produktionskette. Um den Zusammenhang von Fleischverzehr und der notwendig vorausgehenden Tierschlachtung soweit wie möglich zu kaschieren, wird einiger werblicher Aufwand betrieben. Zu dem, was auf den Tisch kommt, passt nun einmal nicht die Vorstellung vom qualvoll erlittenen Tod der Kreatur.

Dabei dürfte es zu einer der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben der nächsten Zeit gehören, das Verhältnis des Menschen zum Tier neu zu bestimmen. In den Lebensweisen der Tiere spiegelt sich auch das kulturelle Vermögen der Menschen, und es käme einer unverzeihlichen Selbstbeschränkung des Menschen gleich, zu den Tieren ein bloß instrumentelles Verhältnis zu unterhalten.

Die Chancen zu einer solchen Neuformulierung stehen günstig. Nie zuvor waren die Möglichkeiten einer ausreichenden und nahrhaften Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln derart reichhaltig wie heute. Ein fleischloses Leben ist möglich, und wo das Verzehren von Fleisch einer vegetarischen oder veganen Ernährung noch vorgezogen wird, sollte es auch als bewusste Konsumentscheidung vertreten werden. Die Frage, wie wir mit Tieren leben werden, sollte nicht mit der Inbrunst quasireligiöser Motive beantwortet werden, mit der heilige Tierschützer gegen gierige Fleischfresser antreten.

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