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Leitartikel

25. Januar 2016

Verkehrsgerichtstag: Symbolisch aufgeladenes Autofahren

 Von 
Sind Senioren eine Gefahr für die Sicherheit im Straßenverkehr?  Foto: dpa

Sollen alte Menschen noch Auto fahren dürfen? Jetzt soll geprüft werden, ob sie sich zukünftig einem Test bezüglich ihrer Fahrtauglichkeit unterziehen sollen. Dabei kommt es darauf an, sie verlässlich am Verkehr teilnehmen zu lassen. Der Leitartikel.

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Kaum etwas versetzt die Deutschen mehr in emotionale Wallungen als die Auseinandersetzung über richtiges und falsches Verhalten im Straßenverkehr. Wer als Fußgänger, Rad- oder Autofahrer unterwegs ist, befindet sich in einer Art mentalen Kriegsstellung gegen den jeweils anderen. Die einfache Option, eine Frage der Ehre oder der Vorfahrt doch einmal anders zu sehen, ist dauerhaft ausgesetzt. Am Lenkrad herrscht der Ausnahmezustand, Vernunft und Gelassenheit haben Pause.

Da scheint es ein höherer Segen zu sein, wenn ein verkehrspolitischer Vorschlag auf die Straße fällt, dem gegenüber man sich aufgrund seiner offensichtlichen Plausibilität kaum verschließen kann. Ältere Autofahrer, so heißt es nun passend vor dem Verkehrsgerichtstag in Goslar, sollen sich künftig einer Prüfung unterziehen, ob sie noch in der Lage sind, ihren PKW sicher von hier nach da zu manövrieren. Die Rede ist von freiwilligen Tests, die Alten sollen nach Möglichkeit selbst herausfinden, ob sie noch fit genug sind, ihr meist leistungsstarkes und voluminöses Fahrzeug konfliktfrei durch Stadt und Land zu bewegen.

An einer statistischen Begründung für die forcierte Alterskontrolle mangelt es nicht. Wenn Senioren über 75 Jahren in Unfälle verwickelt sind, so hat die Unfallforschung herausgefunden, haben sie diese zu rund 75 Prozent auch schuldhaft selbst verursacht. Alte fahren weniger sicher, wird daraus gefolgert, und die Jüngeren haben passend dazu Familien- und Nachbarschaftsgeschichten parat, in denen in einer Mischung aus mildem Spott und Mitleid vom prekären Fahrverhalten der Alten berichtet wird. Der Lack ist ab, das gilt gleichsam für das Auto und die fortgeschrittene Lebensphase des Schadenverursachers.

Aber was da wissend und schmunzelnd als Beleg für das dringliche Gebot einer Fahrtauglichkeitskontrolle jenseits der 70 daherkommt, suggeriert die Möglichkeit, die unaufhaltsame Entwicklung hin zu einer alternden Gesellschaft kurzerhand per Verkehrsverordnung sinnvoll regulieren zu können.

Gepanzert und mit einiger Übersicht

Der vernünftige Vorschlag ist so gesehen nur eine weitere Verdrängungsvariante des drohenden Autonomieverlustes, den alte Menschen von einem gewissen Zeitpunkt an unweigerlich erleiden. Und nichts fürchten sie mehr als das. Das Eingeständnis, diesem Zeitpunkt bereits sehr nahe zu sein, ist es ja, was die Alten dazu bringt, sich so lange es geht, ans Lenkrad zu klammern. Und wenn es tatsächlich bereits zu einem gravierenden Verkehrsvergehen gekommen ist, schreckt nicht der Unfall oder das Begleichen der fälligen Strafe, sondern der lebenslänglich drohende Führerscheinentzug.

Wer einfach weiter fährt, erhält sich nicht nur seinen alltäglichen Aktionsradius. Der rüstige Fahrer steht darüber hinaus noch immer für den allseits geachteten Bürger, den man im Vollbesitz seiner Kräfte wähnt. Dieses Gefühl einer rundum gültigen gesellschaftlichen Anerkennung ist es wohl auch, was die automobilen Angebote in den letzten Jahren immer größer und PS-stärker hat werden lassen. In einem übertragenen Sinn hält das protzige SUV eben auch an der Geländetauglichkeit seines Lenkers fest. Man kommt hinreichend gepanzert und mit einiger Übersicht durchs Leben.


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Die anhaltende Freude am Fahren ist eben auch der sichtbare Beweis dafür, dass man noch vollintegriert am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann. Leichte Aussetzer während der Fahrt vermag die serienmäßige Technik der Müdigkeitserkennung zu beheben, und den übertriebenen Schadstoffausstoß sind die älteren Wagenlenker zum Ende ihres Lebens geneigt, einfach auch mal zu vernachlässigen. Der Autoindustrie dürfte es denn auch nur bedingt recht sein, dass die Klientel ihre gehobenen Produktklassen zu einer vernunftgesättigten Einschätzung ihrer eigenen Schwäche gebracht werden sollen. Motor- und Designentwicklung tun ansonsten ja nahezu alles, um genau das kunstvoll zu überspielen.

Jenseits dessen, was auf dem Verkehrsgerichtstag besprochen und verhandelt werden kann, dürfte das gesellschaftliche Wohlbefinden der kommenden Jahrzehnte entscheidend davon abhängen, wie alte Menschen sich in unserem Alltag bewegen können und ob sie am Ende überhaupt darin vorkommen. Bevor sie nachhaltig aus dem Verkehr genommen werden, käme es also darauf an, sie weiter verlässlich teilnehmen zu lassen.

Mag sein, dass es keine gute Idee ist, dass das vielfältig symbolisch aufgeladene Autofahren auch für ein selbstbestimmtes Leben im Alter herhalten muss. Einstweilen aber ist kaum etwas anderes zu erkennen, das dem Bedürfnis, sein Leben in Würde ausklingen zu lassen, einen angemesseneren Ausdruck verleiht.

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