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Baumwolle-Anbau in Indien: Tödliche Felder

Gentechnik statt Bio in der Baumwolle: Die Berichte über falsch beworbene Mode bei H&M, C&A und Tchibo lenken den Blick auf indische Bauern. Die Industrie dreht ihnen Dünger und Gentechnik an, treibt sie so in die Verzweiflung. Und nicht selten in den Tod. Aus Indien berichtet Christine Möllhoff

Baumwollen-Ernte .
Baumwollen-Ernte .
Foto: Bilderberg

Sie sind die Stiefkinder der Globalisierung, die Baumwollbauern in Indien und den Entwicklungsländern. Auf den Weltmärkten konkurrieren sie mit den hoch subventionierten und technologisch hoch gerüsteten Farmern des Westens in Europa und Amerika. Und können mit ihnen kaum mithalten. Zwar nennt man die Baumwolle auch weißes Gold. Aber in Indien sehen viele Bauern schwarz. Sie sind schlicht verzweifelt.

Fast jeder Deutsche und Europa dürfte ein T-Shirt im Schrank haben, das aus indischer Baumwolle gefertigt wurde. Nach China ist Indien der weltgrößte Produzent und nach den USA der größte Exporteur von Baumwolle. Hochburgen sind die indischen Staaten Maharashtra, Gujarat, Andhra Pradesh und Madhya Pradesh. Doch Baumwolle ist längst ein Billigstprodukt. Das kommt den Kunden zugute, doch den bitteren Preis zahlen die Bauern.

Ihre Erträge schrumpfen, die Kosten steigen dagegen. Viele Familien leben von der Hand in den Mund. Wenn die Weltpreise für Baumwolle fallen oder eine Ernte mager ausfällt, kämpfen sie ums nackte Überleben.

Baumwolle braucht große Mengen an Düngemitteln und an Pestiziden. Viele von Indiens Baumwollbauern enden in einer tödlichen Schuldenspirale. Um Saatgut, Kunstdünger und Schädlingsbekämpfungsmittel kaufen zu können, nehmen sie Kredite auf - meist bei skrupellosen Geldhaien, die astronomische Wucherzinsen fordern.

Am Ende sehen viele überschuldete Bauern keinen anderen Ausweg mehr, als sich das Leben zu nehmen, um der Schande und der Schuldenfalle zu entkommen. Jedes Jahr berichten Indiens Zeitungen über neue Selbsttötungen. Nach Angaben der Regierung sollen allein zwischen 1997 und 2007 fast 183.000 Bauern in den Freitod gegangen sein. Andere Quellen schätzen die Zahl noch höher. Die meisten schlucken Pestizide, weil ihnen anderes fehlt - ein grausamer Tod. Zurück bleiben meist hilflose Mütter mit ihren Kindern.

Auch in Indien haben viele Baumwoll-Bauern in den vergangenen Jahren entdeckt, dass mit Bio- oder Öko-Baumwolle mehr Geld zu machen ist. Unterstützt werden sie nicht selten von westlichen Initiativen. Dabei lernen sie, wie man Kompost und natürliche Pestizide herstellt. Unter der Etikette Bio vermarkten sie ihre Ware als Baumwolle aus ökologischem Anbau.

Der Markt für Öko-Baumwolle ist zwar noch vergleichsweise klein, aber Indien ist inzwischen auch der größte Produzent von organischer Baumwolle. Professionelle Zertifizierfirmen geben dabei der Ware das Öko-Gütesiegel. Ob dabei immer alles mit rechten Dingen zugeht, steht auf einem anderen Blatt. Auf dem riesigen Subkontinent mit seiner über eine Milliarde Einwohner spielt sich vieles in einer wenig einsehbaren und kontrollierbaren Dunkelzone ab.

Und auch viele Bauern wissen nur zu gut, dass gentechnisch veränderte Saat kurzfristig höhere Erträge verspricht. So können ab und an auch windige Betriebe im Öko-Geschäft mitmischen. So sollen zwei europäische Zertifizierer Baumwolle das Bio-Siegel an Baumwolle vergeben haben, bei der die Bauern auch Gentech-Saat verwendet hatten. Ob die Zertifizierfirmen dies wissentlich oder unwissentlich taten, ist unklar. Die indische Aufsichtsbehörde Apeda schritt ein und belegte die Sünder mit Strafgeld.

Der Skandal könnte allerdings nur die Spitze eines Eisbergs sein. Tatsächlich beherrscht gentechnisch veränderte Baumwolle längst den Markt. Seit 2002 ist sie in Indien zugelassen, heute wächst sie auf über 66 Prozent der Anbaufläche. Fünf Millionen indische Bauern sollen 2008 bereits die Hightech-Saat ausgesät haben.

Hochaggressiv bewerben die Hersteller ihre Produkte als Wunder-Baumwolle, die nicht nur mehr Ertrag verspricht, sondern Schädlingen von alleine trotzt. Und damit den Bauern die Kosten für teure Pestizide spart.

Die Bauern tappen damit oft in eine neue Falle. Kritiker monieren, dass die vermeintliche Wunder-Saat nicht nur sechs Mal so teuer ist, sondern auch oft nicht hält, was die Anbieter versprechen. Sie ist obendrein eine Einmalsaat. Jedes Jahr müssen die Bauern also neue Saat kaufen und brauchen wieder Geld.

Dennoch sind die verzweifelten Bauern leichte Beute für die schönen Versprechungen. Auch ein Bewusstsein für die möglichen Risiken solcher Gentech-Produkte gibt es kaum. Anders als im Westen wird über gentechnisch veränderte Produkte in den Medien und in der Öffentlichkeit wenig diskutiert.

Datum:  22 | 1 | 2010
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