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08. April 2010

Contergan-Opfer: "Keiner dachte, dass wir so lange leben"

 Von Petra Pluwatsch
Bis zu 12.000 Kinder in rund 50 Ländern kamen missgebildet zur Welt, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft das als harmlos geltende Schlafmittel Contergan nahmen. Foto: Getty

Eine Allianz von Contergan-Opfern kämpft für mehr Geld - und gegen die Zeit: Der körperliche Abbau im Alter trifft sie besonders heftig. Von Petra Pluwatsch

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Es wird viel gelacht an diesem Nachmittag. Das Zimmer, in dem wir mehrere Stunden beisammen sitzen und reden, ist klein. Wir müssen eng zusammen rücken, der Rollstuhl von Udo Herterich blockiert die Tür. Herterich ist 49 Jahre alt, und er hat keine Beine. Die Füße sitzen eng am Körper und sind ein wenig nach innen gebogen. Claudia Schmidt-Herterich (48), seiner Ehefrau, fehlen beide Arme. Die Hände mit den wenigen Fingern sind an den Schultern angewachsen. Sie sehen aus wie blasse, kleine Flügel, und bei der ersten Begegnung fragt man sich bange, ob man sie wohl anfassen und vorsichtig schütteln darf zur Begrüßung. Der Körper von Angelika Tilsner (50) scheint auf den ersten Blick intakt, doch wenn sie ihre Hände zeigt, dann sieht man, dass die Daumen merkwürdig verkürzt und verbogen sind. "Typischer Contergan-Schaden", sagt sie, als konstatiere sie eine simple Beule im Autoblech.

Contergan - darüber wollen wir reden. Über jenes Mittel aus dem Hause Grünenthal also, das vor mehr als 50 Jahren den wohl größten Medikamentenskandal aller Zeiten auslöste. Bis zu 12.000 Kinder in rund 50 Ländern kamen missgebildet zur Welt, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft das als harmlos geltende Schlafmittel nahmen. Allein in der Bundesrepublik wurden zwischen 1958 und 1962 etwa 5000 contergangeschädigte Babys geboren. Denn eines war das Mittel sicher nicht: harmlos.

Udo Herterich und Claudia Schmidt-Herterich (re.),  Angelika Tilsner (li.).
Udo Herterich und Claudia Schmidt-Herterich (re.), Angelika Tilsner (li.).
Foto: Max Grönert

Inzwischen sind diese Kinder in die Jahre gekommen - noch etwa 2700 Betroffene leben in Deutschland. Sie sind zwischen 48 und 52 Jahre alt, und sie haben angefangen, laut darüber nachzudenken, wie man sie für das Unrecht, das ihnen schon vor ihrer Geburt widerfuhr, entschädigen könnte. 40 Jahre sind an diesem Samstag vergangen seit jenem 10. April 1970, als sich die Herstellerfirma Chemie Grünenthal aus Stolberg bei Aachen mit den Eltern der betroffenen Kinder auf die Zahlung einer einmaligen Entschädigungssumme von 100 Millionen D-Mark einigte - und sich damit, wie die Opfer sagen, für alle Zeiten aus der Verantwortung schlich für die irreparablen Schäden, die das Schlafmittel in ihren Körpern angerichtet hatte.

Achillessehnen operativ verlängert

"Kein Mensch hat damals damit gerechnet, dass wir überhaupt so lange leben. Die dachten, wir sind spätestens mit 18 Jahren tot, und alle Probleme haben sich erledigt", sagt Claudia Schmidt-Herterich sarkastisch. Sie lebt ohne Arme und mit einem missgebildeten Rückgrat, weil ihre Mutter während der Frühphase ihrer Schwangerschaft ein paar Tropfen Contergan-Saft vom Löffel leckte. Die ersten drei Jahre ihres Lebens verbrachte sie im Krankenhaus. Auch die Füße wiesen erhebliche Fehlbildungen auf. Unter anderem mussten die Achillessehnen operativ verlängert werden. "Ich lag im Bett, festgebunden an ein Stück Holz wie Jesus am Kreuz, damit sich alles schön streckt", erinnert sich Schmidt-Herterich. "Angeblich war das erste Wort, das ich sprach, Fieberthermometer." Bis heute muss sie über diese Anekdote lachen. Wie viele Contergangeschädigte begegnet sie inzwischen der eigenen Geschichte mit einer gehörigen Portion Selbstironie.

14 Jahre sollten vergehen, ehe sie das erste Mal "stolz wie Oskar" ohne Hilfe eine Restaurant-Toilette benutzen konnte. Heute fürchtet die 48-jährige Diplom-Psychologin, dass sie diese Fähigkeit - und auch manch andere - wieder verlieren könnte. "Wir Contis entwickeln uns rückwärts, und wir wissen wohin", sagt sie mit einem Hauch von Bitterkeit. "Das macht uns Angst." Contis - wieder stößt sie ihr heiseres Lachen aus. Ein Wort, das nur Betroffene verwenden dürfen.

In absehbarer Zeit wird Claudia Schmidt-Herterich zwei neue Hüftgelenke brauchen. Ihre Hüftpfannen sind, wie bei vielen Contergan-Geschädigten, nicht normal ausgebildet. "Wie soll ich wieder laufen lernen, wenn ich keine Gehhilfen benutzen kann?", fragt sie. "Also beiße ich die Zähne zusammen und harre der Dinge, die da kommen." Die frühzeitig verschlissenen Bandscheiben bereiten zusätzliche Schmerzen, die sich inzwischen nur noch mit Hilfe von morphinhaltigen Medikamenten niederkämpfen lassen. "Knochentechnisch bin ich 75", umreißt Schmidt-Herterich den Kern des Problems.

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