Ein bislang kaum beachtetes Tier paddelt durch die deutsche Medienlandschaft: der Axolotl, ein stummes, fast blindes, nachtaktives Tier, das am Grunde entlegener Tümpel nahe Mexiko-Stadt sein Zuhause hat. Allein dem Roman von Helene Hegemann, dem ebenso umstrittenen wie nun für den Leipziger Buchpreis nominierten "Axolotl Roadkill", verdankt der entlegene Molch seine neue Popularität - und da fängt´s schon an: Wie populär ist er denn wirklich hierzulande? Was soll er, was kann er?
Das muss sich neuerdings Klaus Oechsner fragen lassen, Besitzer eines Zoofachhandels im hessischen Idstein, Präsident des ZZF (Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe in Deutschland, und - selbst Halter von Axolotl. Die Bild-Zeitung, die Deutsche Presse-Agentur, viele, viele mehr bedrängen Oechsner dieser Tage mir ihren Fragen. Überschwemmen neu entflammte Aquarianer den Fachhandel mit Axolotl-Anfragen? Steigen die Verkäufe exponentiell? Wie wirkt sich "Hegemann-Effekt" (Süddeutsche) aus? Axolotl auf Nemos Spuren?
Entdeckt und klassifiziert wurde der Axolotl (aztekisch für: "Wassergeist") Ende des 18. Jahrhunderts. Sein Lebensraum ist ein verschlammter, von Austrocknung bedrohter, ehemaliger Vulkansee nahe Mexiko-Stadt. Einige hundert oder tausend der blau-grauen Tiere sollen dort noch leben.
Züchter haben den zur Ordnung der Schwanzlurche gehörenden Axolotl in unterschiedlichsten Pigmentierungen nachgezogen. Unter deutschen Aquarianern sind die so genannten "Weißlinge" beliebt, die eine weiße bis hellrosa Färbung besitzen. Bis zu sieben Jahre werden die Tiere in Gefangenschaft alt. (two)
"Das ist vielleicht eine Erwartung der Medien, aber kein messbarer Trend im Zoofachhandel." So. Das ist das nüchterne Fazit - zurzeit. Denn auch Oechsner hofft, dass sich was tut; er findet, dass sich "endlich mal was Positives für das Tier" getan hat. Und erklärt also den bereitwillig den Axolotl.
Wollte man sich wirklich hineinversetzen in das rare Tier, man müsste sich einbuddeln in den schlammigen Boden des Xochimilco-Sees, um dem Wesen des Axolotl auf den Grund zu gehen. Genau das tut dieser scheue Vertreter der Querzahnmolche nämlich in seinem überschaubaren Heimatgewässer, wenn es draußen stürmt, tost, ungemütlich wird. Und dann tut er erst einmal lange Zeit - nichts. Der bis zu 30 Zentimeter (Enthusiasten sprechen freilich von 40 und mehr Zentimetern) lange Bursche ist ein Meister des Verharrens. Zieht sich in Höhlen zurück (nicht unbedingt in die, die man ihm im Aquarium höflich zuweist, um schon mal etwas vorzugreifen), und wird erst nächtens aktiv. Dann aber richtig. Denn der Axolotl, so putzig sein Äußeres scheinen mag, ist ein Räuber erster Kajüte.
Über Krebse, kleine Fische, Weichtiere aller Art fällt der Axolotl her, blitzartig. Schnappt die Beute mit seinen seltsam abgeflachten Zähnen, schlingt sie dann auf einen Sitz herunter. Auch Larven seiner Artgenossen stehen auf dem Speisezettel. In Gefangenschaft haben erfinderische Aquarianer auch schon Kellerasseln, schwarze und rote Mückenlarven (kleingeschnitten!) verfüttert und Regenwürmer (mit der Pinzette); bequemere Zeitgenossen können auf eigens komponierte Futter-Pellets zurückgreifen. Will sagen, bei der Nahrung ist dieser Molch ein recht unkomplizierter Typ, wie auch der Betreiber der gut informierten Website tierdoku.com bestätigt: "Grundsätzlich gilt, alles, was in ihr Maul passt, wird gefressen - egal, ob es ihnen gut tut oder nicht." Was auch zur Folge hat, dass der Axolotl "zur Vergesellschaftung nicht geeignet ist", wie Aquarianer bestätigen. Der Molch kann nur unter Molchen gehalten werden, und wird selbst dann des Molchen Molch.
Die muntere Gefräßigkeit des Axolotl ist denn auch eine der Hauptattraktionen für hiesige Halter. Diverse Web-Videos zeigen Aquarianer, die ihren "Lotl" (Fan-Deutsch) beim ruckzuckartigen Verspeisen vorführen, oder zumindest vorführen wollen. Bisweilen zeigt sich das Tier nachgerade verstockt, verweigert alle Kommunikation. Kann ja auch nicht mal blinzeln: Dem Axolotl fehlen die Augenlider. Lediglich seine fransenartig abstehenden Kiemen wackeln, vom Wasser bewegt, ein wenig hin und her. Was er dann denkt, der Axolotl?
Immerhin kann der kleine Mexikaner ein Kunststück, das ihm nicht viele Verwandte nachmachen können. Beim Raufen, Räubern, Attackieren geht der Molch derartig rücksichtslos zu Werke, dass schon mal ein Zeh verlorengeht. Ein Stück vom Schwanz. Ein ganzer Fuß! Der Axolotl aber lehnt sich da ganz entspannt zurück und lässt das betroffene Körperteil - komplett - nachwachsen. Nicht nur so ein bisschen wie der Salamander, der am Schwanz ja eine Art Sollbruchstelle besitzt. Sondern die Extremität wird in Gänze nachgebildet.
Wie überhaupt alles an dem Axolotl wächst und wächst. Als einziger seiner Familie bleibt dieser Molch ein Leben lang im Larvenstadium, bildet keine voll funktionsfähigen Lungen aus - wird einfach nur größer.
Unspektakulär ist der Axolotl-Sex, um die Frage einer Kollegin zu beantworten, die sich wohl auch irgend hineinversetzen wollte. Nach Amphibienart sondert das Männchen, heftig mit dem Schwanz rudernd, ein Samenpaket auf dem Boden ab, das dann vom Weibchen ebenfalls schlöngelnd aufgenommen wird. Tage später legt Letzteres dann den Laich ab und überlässt die 100 bis 500 Eier ihrem Schicksal.
Diese potenziell in freier Wildbahn auftretende Zahl wird aber bei der Aquarienhaltung nicht wirklich zum Problem. "Innerhalb von 36 Jahren ist mir die Nachzucht erst ein Mal gelungen", berichtet der Molchfreund Oechnser. "Privathalter brauchen großes Glück, damit ihnen die Nachzucht gelingt." So kann man von einer Molchschwemme auch ganz und gar nicht reden. Die Dimensionen, in denen sich das Axolotl-Geschäft bewegt, sind überschaubar: Während der Ullstein-Verlag das Buch zum Tier in vierter Auflage und 100.000 Exemplaren auf den Markt wirft, verkauft der Spezialhändler gerade mal 20 der betroffenen Molche. Pro Jahr.
Was denkt der Axolotl da? Gräbt sich in den Urschlamm ein und verharrt.