Norrie ist ein Mann. Und Norrie ist eine Frau. Norrie ist androgyn, was ihm/ihr eine australische Behörde schwarz auf weiß bestätigte: Ein amtliches Meldedokument führt unter Geschlecht nicht männlich oder weiblich auf, sondern "sex not specified" (Geschlecht nicht festgelegt). Es dürfte eine Weltpremiere sein.
Als Norrie May-Welby vor 48 Jahren in Schottland zur Welt kam, war er ein Junge. Ein Junge, der im Spiel ein Dschungelmädchen war oder die Bezaubernde Jeannie aus dem Fernsehen. "Es kam mir nicht in den Sinn, dass ich keine Fantasien darüber haben dürfe, ein Mädchen zu sein, weil ich in Wahrheit ein Junge war. Ich dachte ja auch nicht, ich dürfe mich nicht als Supergirl fühlen, weil ich nicht vom Planeten Krypton komme."
Norrie May-Welby, Jahrgang 1962, wurde als Junge geboren. 1983 ließ er sich zur Frau umoperieren. Weil Norrie seit rund 20 Jahren keine Hormone mehr einnimmt, lässt sich das Geschlecht medizinischen Gutachten zufolge nicht mehr eindeutig bestimmen.
Als Neutrum will Norrie sich nicht verstanden wissen: Er oder sie sieht sich als sowohl männlich als auch weiblich und als Teil jener Szene, von der Filme wie Rocky Horror Picture Show oder Priscilla, Queen of the Desert einen schwachen Abklatsch zeigten. (olk)
Internet: may-welby.blogspot.com
Dann kam die Pubertät. Norrie passte seine Träume an: Er war jetzt ein Junge, der von einer Hexe in ein Mädchen verwandelt worden war. Das Mädchen musste die Hexe besiegen, um wieder zum Jungen zu werden.
Damenbluse zur Herrenjeans
An der Uni stellte Norrie den Kampf gegen die Hexe zeitweise ein, trug Spitzenblusen zu engen Männerjeans. Dann kamen der Job im öffentlichen Dienst, hämische Bemerkungen der Kollegen, ein Nervenzusammenbruch. Norrie trat in einer Travestie-Show in einem Schwulen-Club auf, genoss Applaus für sein feminines Aussehen. Er beschloss, körperlich zur Frau zu werden, ließ Penis und Hoden entfernen, eine Vagina formen. Doch ein paar Jahre nach der Operation hörte Norrie auf, Hormone zu nehmen "weil ich es vorziehe, dass mein Körper und mein Hirn so sind, wie sie von Natur aus sind". Norrie fühlt sich als "psychologischer Hermaphrodit": "Ich habe mir den Penis und die Eier abschneiden lassen. Damit hört das Geschnippel auf. Ich werde mir keine Teile meines Selbst abschneiden lassen."
Norrie spricht von sich als "zie", eine Mischung aus she und he, dekliniert als "hir" für her/him und hers/his. Die deutsche Entsprechung wäre wohl "ser" (Nominativ), "sihr" (Genitiv) und "sihm/sihn" (Dativ, Akkusativ). Als "es" sieht Norrie sich nicht: "Ich trete weiblichen Freunden als weiblich gegenüber, schwulen Freunden als eine Queen wie sie." Sihren Nachnamen benutzt ser ungern: May-Welby klinge nach "may well be", könnte sein - nämlich entweder Mann oder Frau. Norrie will als "sowohl als auch" gesehen werden, nicht als "könnte sein", und nicht als "weder noch".
Norrie lebt mittlerweile in Sydney und fühlt sich wohl im androgynen Körper. Nun geht es ihm/ihr darum, auch vom Rest der Welt so anerkannt zu werden. Denn Norrie findet, es sei im 21. Jahrhundert nicht mehr nötig, Menschen von Staats wegen in eine von zwei Geschlechteridentitäten "einzusperren". Die Unterscheidung zwischen verheirateten und unverheirateten Frauen, also Fräuleins, habe man ja auch abgeschafft.
Dass ein "androgyner Anarchist" , wie Norrie sich nennt, das so sieht, ist kein Wunder. Er/sie schreibt für mehrere Webblogs, lehnt "rein profitorientierte Konzerne, Regierungsschikane und Staatsterror" ab und engagiert sich in einer Gruppe namens Sage (Sex and Gender Education), die für die Rechte aller "geschlechtsdiversen" Menschen streitet.
Im Blog "A Eunuch´s Love Life" (Liebesleben eines Eunuchen) plaudert Norrie freimütig über ihre/seine sexuellen Erfahrungen (mit Männern, und zwar auch mit solchen, die sich selbst als heterosexuell verstehen). Auch ganz praktische Details verrät Norrie da: "Manchmal benutze ich die Damentoilette aus Bequemlichkeit, aber ich ziehe mich mit meinen schwulen Freunden in der Herrenumkleidekabine um."
Dem Einwohnermeldeamt des australischen Bundesstaates New South Wales belegte Norrie mit medizinischen Gutachten, dass sein/ihr Geschlecht nicht eindeutig ist: Norrie hat eine Vagina, aber keine nennenswerten Brüste, dafür einen ausgeprägten Adamsapfel; das Hormonsystem ist mangels Keimdrüsen weder männlich noch weiblich, und auch die psychologische Identität ist den Ärzten zufolge uneindeutig. Das Amt stellte Norrie vor wenigen Tagen ein "Registered Details Certificate" aus, das einer Geburtsurkunde entspricht und in dem nicht "m" für male, oder "f" für female steht, sondern eben "not specified".
Behörde macht Rückzieher
Die australische Menschenrechtskommission hatte 2009 in einem "Sex Files" betitelten Papier größere Rechte für Bürger gefordert, zu entscheiden, welches Geschlecht sie angeben. Auch "unbestimmtes Geschlecht" soll eine Option sein. Das entspricht den "Yogyakarta-Prinzipien", die internationale Menschenrechtler 2007 veröffentlichten.
Norries Erfolg währte nicht lange. Am Donnerstag wurde bekannt, dass die Meldebehörde das Papier zurückzieht - offenbar auf Druck vorgesetzter Dienststellen. Der Generalstaatsanwalt von New South Wales, John Hatzistergos, sagte im Parlament, sein Büro habe "rechtlichen Rat" eingeholt, nachdem Medien Norries Geschichte "ventiliert" hätten. Das Ergebnis: Das Gesetz erlaube nur männlich oder weiblich. Punkt.
Das Meldeamt teilte Norrie telefonisch die Entscheidung mit. "Ich war am Boden zerstört", sagt er/sie, "ich fühlte mich wie ermordet." Norrie will nun die Australische Menschenrechtskommission einschalten. Immerhin hat das Medieninteresse Norrie Unterstützung gebracht: Die Grünen im Parlament von New South Wales fordern eine Gesetzesänderung.