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24. März 2010

FR-Gespräch: "Ich glaube an die Ideale dieser Schule"

Adrian Koerfer, Regina Bappert, Joachim Unseld  Foto: Alex Kraus

Die Journalistin Regina Bappert, der Kunstsammler Adrian Koerfer und der Verleger Joachim Unseld über ihre Erfahrungen an der Odenwaldschule, über Lügen und über die Zukunft der Bildungseinrichtung.

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Frau Bappert, Herr Koerfer, Herr Unseld, Ihnen allen war wichtig, dass dieses Gespräch über die Odenwaldschule unter Beteiligung mehrerer Personen stattfindet. Warum?

Adrian Koerfer: Ich würde nie denken, dass eine Stimme das Ganze wiedergeben kann. Es braucht dazu mehrere.

Kennen sich seit knapp 40 Jahren:  Adrian Koerfer (links), Regina Bappert (sitzend) und Joachim Unseld.
Kennen sich seit knapp 40 Jahren: Adrian Koerfer (links), Regina Bappert (sitzend) und Joachim Unseld.
 Foto: Alex Kraus

Joachim Unseld: Darum geht es uns, ein möglichst vollständiges Bild dieser unserer Schule zu zeichnen.

Beginnen wir mit dem, was Sie selbst und wie Sie die Schule erlebt haben.

Regina Bappert, geboren 1960, lebt in Köln und arbeitet als Journalistin. Sie war von 1971 bis 1978 an der Odenwaldschule und hat dort Abitur gemacht. Bereits 1999 hat sie intensiv an der Aufklärung der Missbrauchsfälle gearbeitet.
Regina Bappert, geboren 1960, lebt in Köln und arbeitet als Journalistin. Sie war von 1971 bis 1978 an der Odenwaldschule und hat dort Abitur gemacht. Bereits 1999 hat sie intensiv an der Aufklärung der Missbrauchsfälle gearbeitet.
 Foto: Alex Kraus

Koerfer: Ohne mich hier als Held stilisieren zu wollen, kann ich behaupten, dass ich im Zentrum des Taifuns war. Dort wo es, im Bett nämlich, ganz still war. Ich war sowohl beim Schulleiter Gerold Becker, beim verstorbenen Musiklehrer Wolfgang Held und bei V., einem im übrigen hochinteressanten Kunstlehrer, der vor kurzem gestorben ist und ebenfalls was von mir wollte, in den Häusern. Ich war dann auch der 17-Jährige, der mit der Englischlehrerin geschlafen hat. Ich sah damals auch nicht ganz schlecht aus und war einfach mittendrin. Ich glaube, dass ich alles mitgemacht habe, was auf dieser Schule gut und schlecht war.

Regina Bappert: Er war schon so ein kleiner Star an der Schule. Auf der Beliebtheitsskala bei Schülern stand Adrian ganz weit oben.

Adrian Koerfer, 1955 geboren, ist Verlagskaufmann. Er hat die Odenwaldschule von 1968 bis 1975 besucht. Nach einer Verlagslehre bei Klett-Cotta studierte er bis 1984 Germanistik an der FU und TU in Berlin. Dann arbeitete er als Werbeleiter beim Suhrkamp/Insel-Verlag, wo er 1993 ausschied. Seitdem beteiligt er sich am Aufbau Ost. Seit 1982 baut er auch seine Kunstsammlung auf.
Adrian Koerfer, 1955 geboren, ist Verlagskaufmann. Er hat die Odenwaldschule von 1968 bis 1975 besucht. Nach einer Verlagslehre bei Klett-Cotta studierte er bis 1984 Germanistik an der FU und TU in Berlin. Dann arbeitete er als Werbeleiter beim Suhrkamp/Insel-Verlag, wo er 1993 ausschied. Seitdem beteiligt er sich am Aufbau Ost. Seit 1982 baut er auch seine Kunstsammlung auf.
 Foto: Alex Kraus

Herr Koerfer, Sie sagen, Sie haben alles mitgemacht, das hört sich positiv an, gleichzeitig sagen Sie, dass Sie Opfer waren.

Koerfer: Ich will es auch so stehen lassen. Es ist mir passiert, ich habe es aber auch mitgemacht. Irgendwann habe ich damit aufgehört, das war bei Becker. Bei Held hatte ich noch das Gefühl, dass das sozusagen zu meiner Sozialisation dazugehört. Sexualaufklärung kannte ich nicht.

Joachim Unseld, geboren 1953, ist Verleger. Er besuchte die Odenwaldschule von 1968 bis 1975. Nach einem Germanistikstudium und Verlagslehren in Paris und New York arbeitete er im Suhrkamp Verlag, den sein Vater Siegfried Unseld viele Jahre leitete. Seit 1994 leitet Unseld die Frankfurter Verlagsanstalt. Als Autor hat er sich insbesondere mit dem Werk Franz Kafkas auseinandergesetzt.
Joachim Unseld, geboren 1953, ist Verleger. Er besuchte die Odenwaldschule von 1968 bis 1975. Nach einem Germanistikstudium und Verlagslehren in Paris und New York arbeitete er im Suhrkamp Verlag, den sein Vater Siegfried Unseld viele Jahre leitete. Seit 1994 leitet Unseld die Frankfurter Verlagsanstalt. Als Autor hat er sich insbesondere mit dem Werk Franz Kafkas auseinandergesetzt.
 Foto: Alex Kraus

Wie alt waren Sie damals?

Koerfer: Ich war 13 Jahre alt, es ging gleich los, als ich hinkam.

Lehrergespräch: Salman Ansari (links). Er war  1999  an der Aufdeckung der Übergriffe beteiligt  und wurde deswegen angefeindet.  Wolfgang Held (Mitte) und Gerold Becker (im Norwegerpullover) sollen Schüler missbraucht haben.
Lehrergespräch: Salman Ansari (links). Er war 1999 an der Aufdeckung der Übergriffe beteiligt und wurde deswegen angefeindet. Wolfgang Held (Mitte) und Gerold Becker (im Norwegerpullover) sollen Schüler missbraucht haben.
 Foto: privat

Was genau haben Sie damals erlebt?

Koerfer: Ich kam zu Held in die Familie, dessen Spitzname "Frosch" übrigens von mir stammt. Jeden Mittag hat er sich einen geholt, der mit ihm Mittagsschlaf machen musste. Das bedeutet, wir mussten ihn befriedigen. Jeder in der Familie bekam das mit, das war ein relativ geschlossenes System, aus dem herauszukommen nicht einfach war. Und über das man nicht sprechen konnte, jedenfalls hat es niemand getan.

Auch nicht innerhalb des Systems?

Koerfer: Nein, auch nicht.

Was bedeutet für Sie System?

Koerfer: Diese Lehrer haben sich die Schule zu ihrem mafiotischen Biotop gemacht.

Lassen wir das mal so stehen. Wie war es bei Ihnen, Frau Bappert?

Bappert: Ich gehörte sicher nicht zu diesem Inner Circle. Ich war auch jünger. Ich habe mir das Ganze eher von außen angesehen. Ich war auch in anderen Familien bzw. Häusern. Es gab 1974/76 einen Versuch, Gerold Becker die Schulleitung zu entziehen, nicht wegen sexuellen Missbrauchs, das wussten die damals wirklich nicht so genau, sondern wegen pädagogischer Unfähigkeit. Zu diesen Lehrern gehörte Jutta Fensch, bei der ich in der Familie war. Wir waren also die Opponenten. Bernhard Bueb nimmt für sich übrigens in Anspruch, 1972 bis 1974, als er die Schule verließ, der Leiter des Aufstands gewesen zu sein. Die Familie, in der ich war, galt als streng. Wir waren die "Spießer". Bei uns galt die Schulordnung, es wurde kontrolliert, dass wir um zehn im Zimmer waren, und zwar nur die, die dort wohnten. Ich hatte einmal zugesagt, die Familie zu tauschen, habe dann aber Blut und Wasser geschwitzt, weil ich merkte, dass ich nicht tauschen wollte.

Sie hätten also die Familie wechseln können?

Bappert: Jederzeit. Erstmal wurde man zugeteilt. Aber am letzten Tag vor den Sommerferien war der große Umzug, vorher hatte man sich überlegt, wo man hin will.

Man konnte seiner Familie, egal weswegen, entkommen.

Bappert: Ja, eindeutig.

Sie haben also Ihre Familie verlassen können, Herr Koerfer?

Koerfer: Ich wusste irgendwann, dass ich da raus muss. Und ich wollte nicht zufällig zu dem Lehrer K., von dem ich wusste, dass er nicht auf Jungs steht. 1970 habe ich gewechselt.

Wodurch entstand dieser Entschluss?

Koerfer: Held hat nicht nur selbst missbraucht, sondern uns einem befreundeten Unternehmer regelrecht zugeführt. Wir machten Exkursionen in den Odenwald, wo wir abends zu einer Hütte kamen. Da hat dieser Freund schon gewartet. Dann hat man dort etwas getrunken und irgendwann lag jemand neben dem Unternehmer. Das war für mich der entscheidende Punkt. Ich habe aber niemandem gesagt, so geht es nicht, ich habe das nur für mich beschlossen.

Bappert: Ihr habt untereinander nicht darüber geredet?

Koerfer: Nein, überhaupt nicht. Ich habe meinen Bruder, der ebenfalls in der Odenwaldschule war, vor einem halben Jahr gefragt, ob dieser Musiklehrer ihm etwas angetan hat. Er hat nein gesagt. Erst heute fängt er an zu reden. Es dauert manchmal sehr lange, bis man sich artikulieren kann.

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