Athen. Streik? Nicht bei Dimitris Velogiannis. Die Flugzeuge bleiben Ende Februar in Griechenland am Boden, die Fährschiffe liegen fest vertäut in den Häfen, die Behörden und viele Schulen sind geschlossen. Auch Journalisten streiken: In Radio und Fernsehen gibt es keine Informationssendungen.
Aber Dimitris schwingt sich um kurz vor acht auf sein Moped und fährt zur Arbeit. An gewöhnlichen Tagen nimmt der 25-Jährige die U-Bahn, aber die fährt wegen des Streiks nicht. "Ich kann es mir nicht leisten zu streiken", sagt der junge Mann, der als Buchhalter bei einem Großhändler arbeitet.
Die EU-Kommission verklagt Griechenland vor dem Europäischen Gerichtshof, weil der Staat von Firmen illegale Steuervorteile nicht eingetrieben hat.
Einige Unternehmen konnten 35 Prozent ihrer Gewinne aus den Jahren 2003 und 2004 von der Steuer absetzen, solange sie in ihre Modernisierung oder die Fortbildung der Beschäftigten investierten. Die Kommission hatte die Regelung im Juli 2007 für illegal erklärt. Die begünstigten Unternehmen hätten die Beihilfen aber bis heute nicht zurückgezahlt, konstatiert Brüssel. Der Steuerausfall wird auf etwa 200 Millionen Euro geschätzt. (rtr)
Erst kippen Banken - dann wackelt die Wirtschaft. Nun muss der Staat helfen. Reden Sie mit über Wege aus der Krise
Wenn er dort um fünf Feierabend macht, besorgt er noch bei einem Lebensmittelladen die Buchführung. Am Wochenende fährt Dimitris Pizzen aus. Dank seiner drei Jobs kommt er auf rund 1300 Euro netto im Monat.
Nicht nur Dimitris ignorierte am gestrigen Mittwoch den Streikaufruf der Gewerkschaften. Fast alle Geschäfte und viele Banken hatten geöffnet, in den meisten Privatunternehmen und auf vielen Baustellen wurde gearbeitet. In der Privatwirtschaft haben die griechischen Gewerkschaften keinen großen Einfluss, überdies gibt es keine Streikkassen. Wer nicht zur Arbeit kommt, muss mit Lohnabzug rechnen.
Im öffentlichen Dienst dagegen sind die Gewerkschaften stark und die Beschäftigten streikfreudig. "Es ärgert mich, dass jetzt wieder jene streiken, die ohnehin Privilegien haben", sagt Buchhalter Dimitris. Pro Jahr 16 Monatsgehälter, Unkündbarkeit, Rente schon nach 25 Dienstjahren - das gibt es nur im Staatsdienst.
Dass Ministerpräsident Giorgos Papandreou jetzt den öffentlich Bediensteten die Zulagen kürzt, die bei vielen noch einmal die Höhe des Grundgehalts ausmachen, findet Dimitris gerecht - und nicht nur er. Fast acht von zehn Griechen, so eine Umfrage, sind der Meinung, die Gewerkschaften sollten angesichts der Krise auf Streiks verzichten.
Insbesondere die Ausstände im öffentlichen Dienst finden bei vielen Griechen wenig Verständnis. "Bei denen merkt man doch gar nicht, wenn sie streiken, weil sie sowieso nichts tun", lästert Dimitris.
Dunkle Schatten auf dem Deutschlandbild
Aber nicht nur darüber ärgert er sich. Wenn Dimitris, der in Nürnberg aufgewachsen ist und vor 16 Jahren mit seinen Eltern nach Griechenland zurückkehrte, im Internet deutsche Zeitungen liest oder deutsches Fernsehen sieht, ist er "ziemlich frustriert".
Denn da kommen Griechenland und die Griechen in diesen Wochen schlecht weg. "Man stellt uns in den Medien pauschal als Trickser, Betrüger und Faulpelze hin, die es sich auf Kosten des deutschen Steuerzahlers gutgehen lassen", klagt Dimitris.
Viele Griechen finden das ungerecht. So wirft die Athener Schuldenkrise inzwischen dunkle Schatten auf das Deutschlandbild. Ohnehin haben die Griechen ein ambivalentes Verhältnis zu den Deutschen. Es wird einerseits geprägt von Respekt für deutsche Tugenden wie Fleiß und Zuverlässigkeit und von positiven Erfahrungen Hunderttausender aus Deutschland heimgekehrter Gastarbeiter.
Auch als Touristen sind Deutsche beliebt. Aber viele ältere Griechen erinnern sich auch an die bitteren Jahre der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Diese dunklen Bilder kommen nun zurück. Den Anstoß lieferte das Titelbild des Magazins Focus, auf dem die Liebesgöttin Aphrodite den Stinkefinger zeigt - nach dem Motto: Europa kann uns mal.
Selten hat eine einzelne Veröffentlichung das Deutschlandbild in Griechenland innerhalb weniger Tage so stark getrübt. "Sind die Deutschen unsere Freunde?", fragte gestern die Zeitung To Vima. Die wenig schmeichelhaften deutschen Medienberichte über die griechische Finanzmisere hätten zur Bildung einer "antideutschen Front" in den politischen Parteien geführt, so die Zeitung.
Der griechische Parlamentspräsident Philippos Petsalnikos hat für heute den deutschen Botschafter zu sich gebeten, um gegen die deutschen Medienberichte zu protestieren. "Ich kenne die Deutschen - sie neigen zur Hysterie", sagt Petsalnikos, der in Bonn studiert hat. Auch Athens Bürgermeister Nikitas Kaklamanis schaltete sich ein: "Die Deutschen schulden uns Kalavrita und Distomon" - zwei griechische Orte, die Schauplatz von Massakern der SS und der Wehrmacht waren.
Die Deutschen hätten "das griechische Gold weggenommen, das bei der Zentralbank lag, sie haben das griechische Geld weggenommen und es nie zurückgezahlt", klagte Vizepremier Theodoros Pangalos. Wenn die Deutschen das Geld nicht zurückzahlten, "sollten sie sich wenigstens bedanken".