Das Meer ist für ihn seit zweieinhalb Jahren Sperrzone, doch an diesem Morgen schert sich Abdel Basset Zenzeri nicht darum. Bei Sonnenaufgang, die Aufpasser der Regierung schlafen noch, stiehlt sich der Kapitän auf einen geliehenen Kutter. Er will auf See erzählen, was passiert ist. Der hagere Mann lehnt an der Reling und raucht hastig. "Ich bin ruiniert, unsere Familien sind entehrt", sagt er und spuckt ins Meer.
Kapitän Abdel Basset Zenzeri und Kapitän Abdel Karim Bayouth sind im November 2009 im sizilianischen Agrigent zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Die Kapitäne und die Crew ihrer zwei Fischerboote retteten am 7. August 2007 vor der italienischen Küste 44 afrikanische Flüchtlinge. Die Seeleute bargen Migranten aus dem Sudan, Eritrea, Äthiopien und Marokko 30 Seemeilen vor Lampedusa aus einem sinkenden Gummiboot. Nachdem die Fischer die Küstenwache angefunkt hatten, schickten die Italiener eine Korvette. Dem Kriegsschiff, das die zwei Fischkutter auf der Fahrt Richtung Lampedusa blockieren wollte, seien die Kapitäne mit riskanten Manövern ausgewichen, argumentierte das Gericht, das den Hauptvorwurf der Menschenschlepperei fallen ließ. Es verurteilte die Fischer wegen "Widerstands gegen die Staatsgewalt". Die Fischer sagen, das Kriegsschiff habe sie abgedrängt, als die Küstenwache sie Richtung Festland eskortierte. Der Verteidiger legte Berufung ein, im Frühjahr soll entschieden werden.
Kapitän Zenzeri geht ins Führerhäuschen des geliehenen Kutters und stellt den Notruffunk ein. An diesem Morgen kommt nur Knistern aus der Box und unverständliches Gemurmel. Am Morgen des 7. August 2007 ertönten Hilferufe. Zenzeri erinnert sich, während der Flaschenzug das Netz kreischend ins Meer entlässt und Möwen kreisen, um Sardinenreste zu erhaschen. "Die See war aufgewühlt. Ein Kollege hörte den Funk, sah die Flüchtlinge und hat mich geweckt. Ich habe dem Kollegen zuerst gesagt, lass sie weiterfahren, Flüchtlinge fahren doch täglich an uns vorbei." Zenzeri spricht leise und gepresst. "Aber dann hörte ich Schreie, sah Kinder und eine schwangere Frau. Zwei Flüchtlinge gingen über Bord. Zwei von uns sprangen hinterher, um sie zu retten."
"Nur Europa kann uns helfen"
Der Fall der tunesischen Fischer ähnelt jenem des deutschen Hilfsschiffs Cap Anamur, dessen Crew vor fünf Jahren 37 Flüchtlinge im Mittelmeer rettete. Auch gegen den damaligen Chef der Hilfsorganisation, Elias Bierdel, und Cap-Kapitän Stefan Schmidt war in Agrigent wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung prozessiert worden. Vier Jahre Haft und je 400.000 Euro Geldstrafe für Bierdel und Schmidt hatte die Staatsanwaltschaft beantragt. Im Oktober 2009 wurden die Deutschen freigesprochen.
Wie die Deutschen sind auch die Tunesier zwischenzeitlich mit viel Anerkennung bedacht worden. Cap-Kapitän Schmidt reichte die an ihn verliehene Carl-von-Ossietzky-Medaille, die unter anderen auch Heinrich Böll und Günter Grass erhalten haben, im Dezember 2009 in Berlin an Zenzeri und Bayouth weiter. "Sie haben die Auszeichnung mehr verdient als wir, sie haben ihr Leben riskiert", sagte Schmidt. Zenzeri war gerührt, als er die Urkunde in Berlin in seinen Händen hielt. Die Hoffnung des Kapitäns ähnelt inzwischen jener der Flüchtlinge, die sich Jahr für Jahr zu Tausenden aufmachen, um übers Mittelmeer auf den Kontinent der Verheißung zu gelangen. Zenzeri sagt: "Nur Europa kann uns helfen." Auf Deutschland setzt Zenzeri nach seinem Besuch in Berlin besonders. Das Bildungswerk der Heinrich-Böll-Stiftung und die Liga für Menschenrechte haben Überbrückungsgeld gesammelt, ein Spendenkonto eröffnet und versprochen, "alles in ihrer Macht Stehende" zu tun.
Der italienische Verteidiger, mit dem er sich nicht verständigen kann, hat Zenzeri versichern lassen, die Chancen auf einen Freispruch stünden jetzt, da der Schleppereivorwurf vom Tisch sei, gut. Zenzeri kann mit solchen Einschätzungen nichts anfangen. Wichtig ist ihm, was am Ende eines Tages im Netz ist. "Und das ist seit zweieinhalb Jahren nichts." Die Aussicht, am Ende tatsächlich ins Gefängnis zu müssen, ist ihm nur ein Schulterzucken wert. "Lächerlich."