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Homosexualität in der Kirche: "Ich darf nicht länger schweigen"

Ob ich nun eine Petition zugunsten des Zweiten Vatikanischen Konzils und gegen die Rehabilitierung des Holocaustleugners Richard Williamson unterschrieb oder ob ich einen Artikel veröffentlichte, der nicht ins neokonservative Weltbild passte - ich wurde nun immer zu einem ernsten Gespräch einbestellt. Zur Sicherheit waren immer zwei Geistliche anwesend, und immer fielen in diesen Gesprächen Bemerkungen zur Homosexualität. Oft ergaben sie sich gar nicht aus dem Zusammenhang, sondern wurden verschämt eingestreut.

So etwa in einem Gespräch mit zwei Dogmatikprofessoren. Es fiel recht kurz aus, die geistlichen Herren waren hungrig, und wir beschlossen, zum Essen zu gehen. Mein Vorschlag, irgendein Lokal am nahe gelegenen Rudolfplatz in Köln aufzusuchen, löste enorme Bestürzung aus: Das gehe nun gar nicht, dort würden auch sehr oft Schwule einkehren. Wir landeten stattdessen in einem kölschen Brauhaus. Die beiden Kellner, die uns bedienten, kannte ich. Beide sind schwul. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass wenigstens der Koch, der den geistlichen Herren das Essen zubereitete, heterosexueller Orientierung sein könnte.Seit diesem Vorfall konnte ich die Mitglieder der Fördergemeinschaft nicht mehr wirklich ernst nehmen. Die Zusammenarbeit mit ihnen bedeutete für mich nur noch ein Katz-und-Maus-Spiel. Parallel zur sektenhaften Zunahme homophober Tendenzen im Katholizismus, die ihren vorläufigen Höhepunkt in den Äußerungen von Kardinal Bertone und Bischof Overbeck gefunden haben, stieg auch meine Abneigung gegen jede Form von Unehrlichkeit und gegen die Mechanismen, die sich auf diese Unehrlichkeit stützen. Die Erkenntnis, dass ich selbst Teil der Maschinerie war und sie durch meine Arbeit am Laufen hielt, war ein schmerzhafter Prozess.

Auf dem Weg dorthin half mir meine Beschäftigung mit dem mittelalterlichen Kirchenlehrer Thomas von Aquin, über den ich in den vergangenen Jahren zahlreiche Studien verfasst habe. Das Neue, für das 13. Jahrhundert geradezu Revolutionäre in der Philosophie des Thomas besteht in einer positiv bejahenden Hinwendung zur "Welt", zur realen Wirklichkeit. Thomas betrachtet Wissenschaft und Vernunft unter dem Einfluss einer klugen Aristoteles-Rezeption nun nicht mehr einseitig als Gefahren für den Glauben oder als dessen "Dienstmägde", sondern erkennt ihren Eigenwert.

Angewandt auf das Verhältnis zur Homosexualität, heißt das: Wer Thomas von Aquin, den immer noch maßgeblichen Philosophen der katholischen Tradition, nicht auf periphere Ansichten festlegt, in denen er einfach Kind seiner Zeit ist, sondern sich an den Leitmotiven seines Denkens orientiert, der wird sich ein kluges Urteil über Homosexualität mit Hilfe der modernen Humanwissenschaften bilden. So widersprüchlich es konservativen Katholiken zu sein scheint, so gut wird es vor diesem Hintergrund möglich: Man kann sich als Christ auf Thomas stützen - und zugleich schwul sein.

Mit dieser Thomas-Rezeption verband sich für mich ein neues Verständnis des Begriffs "Tradition": Papst Johannes Paul II. hat dem exkommunizierten Erzbischof Marcel Lefebvre, dem Gründer der Piusbruderschaft, zu Recht ein unzureichendes Traditionsverständnis vorgeworfen, das die Lebendigkeit der Tradition übersieht. Meine ausgiebige Beschäftigung mit theologiegeschichtlichen Fragen ließ in mir die Erkenntnis Raum greifen, dass die katholische Tradition noch viel lebendiger ist, als ich bisher angenommen hatte: Was hat sich in Leben und Lehre der Kirche nicht alles verändert, das über Jahrhunderte als absolut unveränderlich galt? Wenn es möglich ist, in einer ehemaligen Kernfrage der Sittenlehre wie dem Zinsnahmeverbot die kirchliche Lehre komplett zu ändern; wenn zentrale dogmatische Inhalte unter dem Einfluss ökumenischer Beziehungen modifiziert werden - warum sollte dies dann nicht auch möglich sein für die Bewertung der Homosexualität? Warum sollte die Kirche nicht die Ergebnisse der Humanwissenschaften anerkennen, die die Rechtsprechung der zivilisierten Welt ebenso grundsätzlich verändert haben wie den Glaubenssinn der großen Mehrheit der Katholiken?

Wäre dies - auch angesichts der vielen homosexuell veranlagten Priester - nicht ein Zeichen jener neuen Ehrlichkeit, die sich Papst und Bischöfe im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal vorgenommen haben? Was spricht dagegen, in Anlehnung an das Zweite Vatikanische Konzil zu sagen: "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der homosexuellen Menschen von heute sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi"? Der hier zitierte Anfang der bedeutenden Konzilskonstitution "Gaudium et Spes" ist übrigens ein Lieblingstext des heutigen Papstes, Benedikts XVI. Der Katechismus der katholischen Kirche von 1992 ist vorbildlich einen wichtigen Schritt der vom Konzil propagierten Öffnung gegangen.

Wovor hat die Kirchenführung Angst, dass sie jetzt wieder zurückfällt in Ausgrenzung und Aversion, statt mit dem Mut des Glaubens und der Vernunft voranzuschreiten?

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Autor:  David Berger
Datum:  23 | 4 | 2010
Seiten:  1 2 3
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