Es war kurz nach der Jahrtausendwende. Mit der Zeitverschiebung rollte damals die Welle der Millenniums-Feiern von Ostasien über Europa nach Amerika. Deutlich wurde daran, wie dem globalen Kapitalmarkt die Stunde schlägt: Die Börsen-Profis schauen sich morgens an, was in der Nacht in Fernost passiert ist, ziehen daraus ihre Schlüsse für den heimischen Markt und reichen die Impulse weiter Richtung Wall Street.
So weit, so gut. Der letzte Crash lag über ein Jahrzehnt zurück. Der Dax hatte seither die Höhe des Mont Blanc erreicht, der Neue Markt war als Spielfeld für Zocker und Gründer geschaffen worden. Junge Firmen aus der Rubrik Informationstechnologie holten sich allein schon wegen der futuristisch anmutenden Branchenbezeichnung zig Millionen von wagemutigen und zugleich vertrauensseligen Anlegern.
Ich weigerte mich zunächst auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Der Boom der Bullen war eher etwas für ökonomisch unbedarfte Rentner und Hausfrauen. Dummerweise waren die gerade dabei, Zigtausende mit Aktien abzusahnen, während mein vermeintliches Insiderwissen keinen müden Cent in die Kasse spülte.
Ein ganzes Dorf in Bayern erlebte inzwischen mit dem Namen EM.TV den Aufstieg zur Gemeinde der Millionäre. Modisch präsentierte Werte wie Telekom oder Infineon lockten Hunderttausende von Aktienlaien neu an den Markt der (Un-) Möglichkeiten. Für mich schien das nichts Anderes zu sein, als eine Mischung aus Herdentrieb, kollektiver Gier und Schauspielkunst.
Der Dax war inzwischen auf die Höhe des Aconcagua geklettert. Die neuen Telekom-Aktien wanderten zielstrebig vom Ausgabekurs um die 30 Euro auf die Hundert-Euro-Marke zu. "Verdammt, warum bin ich nicht eingestiegen?" Bei der nächsten Telekom-Emission musste ich jedenfalls mit dabei sein. Mittlerweile hatte der Dax den Gipfel des Mount Everest erreicht.
Um beim "Roulette-Spiel" der Neuemissionen mitmachen zu können, musste man Kunde bei der richtigen Bank sein. Meine biedere Sparkasse hatte bei der Verteilung der chancenreichen Start-ups jedoch meist das Nachsehen. Aber meine Stunde kam mit Trius. Der Name klang wie "Try us" - "führe uns in Versuchung".
Zwei junge Informatiker hatten im Vortaunus-Städtchen Friedrichsdorf eine neue Software entwickelt, um billiges Telefonieren per Computer zu ermöglichen. Die Idee erschien mir einleuchtend, war doch auch der Erfinder des Telefons, Philipp Reis, ein Kind aus Friedrichsdorf.
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