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Interview mit Shah Rukh Khan: "Kapitalismus ist auch nur eine Religion"

Bollywoodstar Shah Rukh Khan hat sich weltweit einen Namen gemacht. Im FR-Interview spricht er über Spannungen zwischen westlicher Welt und Islam, über Armut und Erniedrigung.

Shah Rukh Khan ist mehr als ein indischer Bollywoodstar - er hat sich weltweit einen Namen gemacht.
Shah Rukh Khan ist mehr als ein indischer Bollywoodstar - er hat sich weltweit einen Namen gemacht.
Foto: Meros/2010 20th Century Fox

Mr. Khan, mein Name ist Schindler, und ich bin kein Terrorist.

Oh gut. Beruhigend.

Zur Person

Shah Rukh Khan wurde 1965 in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi geboren. Seine muslimische Familie stammt aus dem heute pakistanischen Peschawar. Seine Eltern starben früh: die Mutter, eine Sozialarbeiterin, 1991; sein Vater, ein Anwalt, und 1981. Der Schauspieler ist seit 1991 mit seiner aus einer Hindu-Familie stammenden Frau Gauri verheiratet. Mit ihr hat er zwei Kinder.

Seine Filmkarriere begann er Ende der 80er Jahre beim indischen Fernsehen. 1992 gab er sein Bollywood-Debüt; der Film "Deewana" wurde ein Hit. Seit der Jahrtausendwende ist er auch erfolgreicher Produzent in der Bollywood-Filmindustrie und moderiert die indische Ausgabe von "Wer wird Millionär?".

"My Name Is Khan" heißt sein neuer Film. Darin sagt er gefühlte 100 Mal: "Mein Name ist Khan und ich bin kein Terrorist." Regie führte der Erfolgsregisseur Karan Johar, der gemeinsam mit Karan Johar auch das Drehbuch schrieb.

Lassen Sie uns über Politik reden.

Ganz wie Sie wollen.

In Ihrem neuen Film spielen Sie Rizvan - ich versuche es mal richtig auszusprechen: Chan…

Ja, schon ganz gut. "CCChan", noch etwas krächzender.

Also jedenfalls spielen Sie einen Muslim mit Asperger Syndrom, der in den USA lebt, nach den Terroranschlägen vom September 2001 plötzlich unverschuldet zum Terrorverdächtigen wird und am Ende die ganze Nation zu Tränen rührt. "Mein Name ist Khan, ich bin kein Terrorist", muss er ständig sagen. Würden Sie zustimmen, dass "My Name Is Khan" Ihr politischster Film geworden ist?

Von einem internationalen Standpunkt aus betrachtet, sicherlich. Es geht hier ja nicht um indische Politik, sondern, wenn man so will, um Weltpolitik. Es gibt nun mal einen Konflikt zwischen der westlichen Welt und der Welt des Islam, der sich seit Jahren verschärft, das können wir nicht leugnen. Das ist zurzeit vielleicht der brisanteste Konflikt auf unserem Planeten. Trotzdem würde ich sagen, dass es in dem Film nicht nur um Politik geht. Es geht um Liebe, um Glaube, um Menschlichkeit.

Wobei die Politik schon im Zentrum steht.

Kann sein. Aber was ich wichtig finde: Wir stellen uns in dem Film nicht klar auf eine Seite. Wir entscheiden nicht, wer Recht hat und wer nicht. Vielleicht haben beide Seiten Unrecht, wer weiß. Böse Menschen sind frei von Religion, Herkunft, Klasse. Gute übrigens auch.

Was war der Hauptgrund für Sie, so einen Film zu machen?

Es gibt mehrere Gründe. Erstens: Ich wollte als Schauspieler mal etwas Neues ausprobieren, mich herausfordern, schauen, ob ich das kann. Wissen Sie, liebenswerte und romantische Figuren, die beherrsche ich mittlerweile ganz gut. Aber jemand mit einem psychischen Problem? Das wusste ich vorher nicht. Zweitens: Mein bester Freund Karan Johar hat den Film gemacht, und eine meiner absoluten Lieblingsschauspielerinnen, Kajol, spielt die weibliche Hauptrolle. Wir haben fünf Filme zusammen gemacht, alle waren große Erfolge - und damit meine ich nicht in finanzieller Hinsicht, sondern in künstlerischer. Drittens: Ich denke, die Zeit ist für Leute wie Karan Johar gekommen, solche wirklich anspruchsvollen Filme zu machen. Leute wie er können den indischen Film auf eine ganz neue Ebene hieven. Deswegen bin ich sehr froh, ein Teil des Projekts gewesen zu sein.

Gab es Schwierigkeiten, als Sie den Film in den USA drehen wollten?

Nein, überhaupt nicht.

Ich las, es habe Probleme gegeben, in einer Moschee zu drehen.

Ja, aber das hat nichts mit den USA zu tun. Wissen Sie, wir Filmleute machen jede Menge Dreck. Waren Sie mal an einem Filmset, nachdem dort gedreht wurde? Das ist kein schöner Anblick. Und gerade in einer Moschee ist das natürlich ein Problem. Davon abgesehen: In Indien dürften Sie an keinem religiösen Ort einfach so drehen. In keiner Kirche, keiner Moschee, keinem Hindu-Tempel - das muss immer alles aufwendig von Kulissenbauern hergestellt werden.

Sind Sie religiös?

Ich glaube an Gott, ja. Ich habe mein halbes Leben damit zugebracht, traurig zu sein, weil meine Eltern früh gestorben sind. Also habe ich in meiner Trauer gebetet und um Beistand gefleht. Das ging etwa, bis ich 25 war. Dann kam allmählich der Erfolg als Schauspieler. Also habe ich die andere Hälfte meines Lebens Gott in meinen Gebeten dafür gedankt, dass er mir so unheimlich viel gegeben hat. Insgesamt habe ich also den Großteil meines Lebens auf die eine oder andere Weise in tiefem Glauben verbracht.

Politik und Religion: Kann man die noch voneinander trennen?

Man braucht darüber nicht groß nachzudenken, man merkt es doch auf Schritt und Tritt, wie eng beides zusammenhängt. Besonders in Indien und in anderen sich entwickelnden Ländern. Politik wird vor dem Hintergrund von Religion ausgefochten.

Was meinen Sie damit?

Nun, ich denke, es gibt einfach sehr viele Menschen, die so mittellos sind, dass sie in ihrem Leben nicht besonders viel Erziehung genossen haben. Diese Menschen haben oft nichts anderes als ihre Religion, an die sie sich klammern. Und wenn dann jemand kommt und gut über ihre Religion spricht und schlecht über eine andere, dann sind sie vielleicht schnell bereit, solchen Lehren - vielleicht sollte man sagen: Irrlehren zu folgen.

So hetzt man Menschen gegeneinander auf.

Für politische Zwecke, ja. Und so kommt es immer wieder zu Spaltungen und Konflikten. Die Methode ist Angst. Man schürt die Angst vor dem Anderen, Fremden. Jede Glaubensrichtung funktioniert so, und damit meine ich nicht nur den Islam oder das Christentum.

Sondern?

Schauen Sie sich den Kommunismus oder den Kapitalismus an. Der Kapitalismus ist doch auch nichts anderes als eine Geld-Religion, die die Angst von Menschen ausnutzt.

Mr. Khan, Sie sind Moslem. Als Rizvan Khan verlieben Sie sich in Ihrem Film in eine Hindu-Frau. Zufall oder nicht: In Ihrem richtigen Leben haben Sie auch eine Hindu-Frau geheiratet. War Religion jemals ein Streitthema in Ihrer Ehe?

Nein, nicht wirklich. Wir leben ja in der Mega-City Delhi, da sind so viele Kulturen und Religionen auf engstem Raum versammelt, das ist kein besonders großes Problem. Auf dem Land wäre das sicher etwas anderes.

Sie haben selbst gesagt, "My Name Is Khan" drehe sich um die Spannungen zwischen der westlichen Welt und dem Islam. Haben Sie eine Idee, wie der Konflikt entschärft werden könnte?

Ich denke, zunächst einmal sollten beide Seiten damit aufhören, ständig neue Unwahrheiten zu erzählen. Ich habe gehört, ich weiß nicht, ob das stimmt, dass jungen Menschen in manchen Islamschulen bisweilen ein völlig falscher Dschihad-Begriff gelehrt wird. Andererseits muss man der westlichen Welt auch Vorwürfe machen, weil sie oft verallgemeinert, was 20 oder 200 oder 2000 Muslime Falsches tun. Es ist ein Problem, wenn ein ganzes Land bombardiert wird, weil einige Extremisten dort Hass predigen. Was also sollen wir tun? Ich denke, der erste Schritt müsste sein, dass beide Seiten der jeweils anderen erklären, wie und was sie denken und glauben. Muslime sollten dem Westen ihren Standpunkt klarmachen. Sie sollten erklären, dass Dschihad nicht meint, Menschen zu töten. Wir brauchen mehr Verständnis füreinander. Deswegen sollten bekannte Persönlichkeiten auf beiden Seiten aufstehen und sagen: Lasst uns miteinander reden.

Von welchen Persönlichkeiten reden Sie?

Nicht Politiker, die werden die Sache nur wieder missbrauchen. Vielleicht Religionsführer, Leute, die in ihrer jeweiligen Gesellschaft geachtet sind oder…

Schauspieler?

Vielleicht. Oder nein, besser nicht. Seien wir ehrlich: Filme können die Welt nicht ändern. Schauspieler auch nicht.

Aber ist es nicht genau das, was Sie mit "My Name Is Khan" vorhaben? Allen zu zeigen, wie irre wir uns verhalten?

Ja, natürlich. Aber Filme können doch nicht wirklich in die Tiefe gehen. Zwei Stunden reichen nicht aus, um einem komplexen Problem halbwegs gerecht zu werden.

Ihr Film ist schon missionarisch.

Missionarisch würde ich ihn nicht nennen. Ich fand Predigten immer langweilig. Ich hoffe nicht, dass der Film langweilig ist. Ich hoffe, er ist unterhaltsam und informativ. Und vielleicht ein bisschen erzieherisch.

Interessanterweise fand das Filmthema ja ein nicht so erfreuliches Echo. Als Sie letzten August in die USA flogen, wurden Sie am Flughafen von Newark gestoppt und mehrere Stunden lang festgehalten. Für einen der bekanntesten Schauspieler der Welt sicherlich eine erniedrigende Prozedur, oder?

Nein.

Nein?

Es war unangenehm und unbequem - aber nicht erniedrigend. Wissen Sie, ich habe noch nie versucht, meinen Status als Filmstar auszunutzen. Ich bin ein normaler Mensch. Ich erwarte nicht, dass jeder mich sofort erkennt, schon gar nicht in den USA. Es schaut ja nicht jeder ständig Bollywood-Filme.

Was war der Grund für den unfreiwilligen Zwischenstopp?

Die Einwanderungsbehörde hatte in ihrem Computer wohl einen anderen Khan. Eine simple Namensverwechslung also. Das muss man akzeptieren.

Muss man?

Nun, ich verstehe nach allem, was passiert ist, dass in den USA eine gewisse - ich will nicht sagen: Paranoia herrscht. Aber doch ein vielleicht etwas übersteigertes Sicherheitsinteresse.

Ist es nicht seltsam, wenn Menschen allein wegen ihrer Haar- oder Hautfarbe festgehalten werden? Oder wegen eines Namens, der in Indien und Pakistan so geläufig ist wie - sagen wir: Smith in den USA?

Ja, mag sein. Aber Regeln sind nun mal Regeln. Und sie gelten auch für Politiker, Konzernchefs oder Schauspieler. Ich kann sie nicht ändern. Ich möchte der Sache auch keine allzu große Bedeutung beimessen. Ich war ja trotz allem besser dran als die meisten anderen, die in diesem Flughafengebäude festgehalten wurden. Ich konnte nach zwei Stunden immerhin das indischen Konsulat anrufen und da um Hilfe bitten, weil ich ein wirklich wichtiges Meeting hatte, das ich ungern versäumt hätte. Sonst hätte ich da sicher noch länger rumgesessen.

Letzten August haben Sie die Sache noch nicht so locker gesehen. Haben Sie nicht in einer ersten Reaktion von Erniedrigung gesprochen?

Nein, ach was, das Wort habe ich nie benutzt. Ich weiß noch, dass unser zuständiger Minister gesagt hat, wir würden in einer ähnlichen Situation mit einem US-Staatsbürger ähnlich verfahren. Ich habe daraufhin nur gesagt, dann will ich bei nächster Gelegenheit gerne mal den Kontrolleur spielen.

Lassen Sie uns für einen Moment überlegen, was passierte, wenn Tom Cruise am Flughafen von Delhi landen und dort mehrere Stunden lang von den Einwanderungsbehörden festgehalten würde. Wie würden wohl Politiker und Medien in den USA darauf reagieren?

Noch mal: Tom Cruise und ich sind auch nur Menschen und wir müssen uns Regeln beugen genau wie alle anderen. Ich bin einmal zum Passschalter in Mumbai Airport gekommen, da war eine wirklich lange Schlange und ich habe mich hinten angestellt. Hinter mir kam ein Gentleman, ich glaube, er war Amerikaner, und er hat mich erkannt. "Sie stehen hier in der Schlange?", hat er ungläubig gefragt. Ich habe ihn nur angeschaut und gelächelt. Wo hätte ich denn sonst stehen sollen?

Mr. Khan, Sie hatten zuletzt auch in Ihrer Heimat Indien Probleme, weil Sie dafür plädiert haben, dass pakistanische Cricket-Spieler in der indischen Premier League spielen dürfen. Einige Kinos haben daraufhin Ihre Filme aus dem Programm genommen. Sie wurden von Nationalisten als "Verräter" bezeichnet und sogar bedroht. Macht Ihnen das keine Angst?

Ehrlich gesagt nein. Ich habe immer nur dann Angst, wenn meine Filme an die Kinokassen kommen. An Donnerstagen ist jeder Schauspieler ein Feigling. Aber sonst habe ich vor nichts Angst. Sehen Sie, es gibt da draußen immer ein paar Menschen, die alles in den Dreck ziehen und jede Gelegenheit nutzen, um die Welt noch schlechter zu machen, als sie ist. Aber die Mehrheit ist ja glücklicherweise nicht so. Ich denke, die meisten Menschen in Indien lieben mich. Weil ich mit meinen Filmen ein Lachen auf ihr Gesicht zaubere. Es verletzt mich nicht, wenn bornierte Leute mich als Verräter bezeichnen. Viele Inder nennen mich "The King". Das nehme ich umgekehrt ja auch nicht zu ernst.

Interview: Jörg Schindler

Datum:  6 | 6 | 2010
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