Athen. Es geht schon auf Mitternacht zu, aber hinter den Fenstern der klassizistischen Villa Maximos, im Amtssitz des griechischen Premiers Giorgos Papandreou an der Athener Herodes-Attikus-Chaussee, brennt immer noch Licht. Schon wieder eine Krisensitzung? Griechenland steht auf der Kippe, es droht im Schuldenstrudel zu versinken. Das Land befinde sich "am Rand des Abgrunds", sagt der Ministerpräsident.
Kein Wunder, dass der Premier sein Kabinett mitunter sogar am Sonntagabend zusammenruft. Griechenland, so erklärte Papandreou den Ministern kürzlich, befinde sich "auf einer Odyssee". Und man wisse nicht, "welche Gefahren uns erwarten."
Erst kippen Banken - dann wackelt die Wirtschaft. Nun muss der Staat helfen. Reden Sie mit über Wege aus der Krise
Tatsächlich hat die Krise, die der Spitzenpolitiker nun zu meistern versucht, große Dimensionen: ein Haushaltsdefizit von fast 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, Staatsschulden von nahezu 272 Milliarden Euro, was 113 Prozent der Wirtschaftsleistung eines ganzen Jahres entspricht. Das sind traurige Rekordwerte in der Europäischen Union.
Das Finanzdesaster schickt den Euro auf Talfahrt, es erschüttert die Fundamente der Währungsunion. Deshalb versucht die EU gegenzusteuern: mit harten Sparauflagen für Athen und verschärften Kontrollen. Noch nie hat die EU ein Land so an die Kandare genommen. "Ich kann es nicht verschweigen: Man hat uns ein Stück unserer Souveränität genommen", gesteht Papandreou.
Von seiner Villa Maximos muss man nur die Herodes-Attikus-Chaussee überqueren, und man ist im Nationalgarten. Hohe Bäume, in denen die Vögel zwitschern, dichtes Buschwerk, idyllische Lichtungen: eine grüne Oase in der Athener Betonwüste. Hier scheint die Krise ganz weit weg. Aber dann hört man Stimmengewirr. Es kommt von einem kleinen runden Platz am Rand des Parks. Rentner bevölkern das Rund, angeregt diskutierend und gestikulierend.
Das ist die "mikri Vouli", das "kleine Parlament". Viele Sätze hier beginnen mit "Wenn ich Ministerpräsident wäre..." Jeden Tag versammeln sich die Männer hier, um die kleinen und großen Probleme des Landes zu lösen. Die meisten tragen Anzug und Krawatte, wie die richtigen Abgeordneten im großen Parlament.
"Am Ende wird uns Brüssel den Euro wieder abnehmen", jammert der 75-jährige ehemalige Bahnhofsvorsteher Nektarios, der bereits seit 20 Jahren das Rentnerdasein genießt, weil man im griechischen Staatsdienst schon mit Mitte 50 in Pension gehen kann. "Da drüben sitzen die Diebe, denen haben wir das Desaster zu verdanken", sagt der alte Sakis und schwingt erregt seinen Spazierstock in Richtung des Parlamentsgebäudes, dessen Dach hinter den Baumkronen zu erkennen ist. "Nutzlose Schufte", pflichtet einer der Männer bei, "man sollte sie alle davonjagen."
So denken jetzt viele Griechen: Zwei Drittel machen die Politiker für das Schuldendesaster verantwortlich. Da kann Papandreou von Glück sagen, dass er das Land erst seit fünf Monaten regiert. Er gehört in den Augen der meisten Griechen nicht zu den Schuften. Er ist der Retter: 74 Prozent, so melden Meinungsforscher, haben eine gute Meinung von dem Premier. "Wenn es einer schaffen kann, uns da raus zu holen, dann ist es der Giorgos", sagt der Rentner Panagiotis.
Dabei ist Papandreou eigentlich Teil des Problems. Denn er gehört zu einem der großen Polit-Clans, die sich in Griechenland seit Jahrzehnten an der Macht ablösen. Sie haben über Generationen hinweg ein dichtes Netz von Klientelbeziehungen, Gefälligkeiten und Abhängigkeiten geknüpft. Vetternwirtschaft und Korruption lähmen das Land. Das eigentliche Ziel dieses Systems ist die Ausbeutung des Staates.
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Steuerhinterziehung gilt als Kavaliersdelikt und wird geduldet - bisher jedenfalls. Über eine Anstellung im Staatsdienst entscheiden politische Beziehungen, nicht Qualifikation. Inzwischen wird jeder vierte Arbeitnehmer vom Staat bezahlt. "Wir haben Zustände wie in der früheren Sowjetunion", sagt Giannis Stournaras, Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts IOBE. Wer im griechischen Klientelsystem nicht richtig vernetzt ist, hat keine Chance.
Nicht nur immer mehr griechische Jugendliche revoltieren gegen diesen Filz. Auch Premier Papandreou weiß: In diesen Strukturen liegt die eigentliche Ursache der akuten Krise. Er mahnt deshalb seine Landsleute: "Entweder wir ändern uns, oder wir gehen alle miteinander unter."
Dass jetzt ausgerechnet er das Land vor dem Untergang retten will, ist nicht ohne Ironie. Denn sein Vater Andreas war es, der als Premier in den 1980er Jahren hemmungslos Wahlgeschenke an seine Klientel verteilte und damit jene Schuldenspirale in Gang setzte, die sein Sohn nun anzuhalten versucht.
Als ein Papandreou gehört der heutige Premier zwar einerseits seiner Herkunft nach zum politischen Establishment Griechenlands. Zugleich ist er aber ein völlig untypischer griechischer Politiker. Und deshalb trauen ihm viele zu, dass er das Land aus der Krise führen kann.
Der 58-Jährige, der sich mit täglichen Besuchen im Fitnessstudio fit hält und Fahrrad fährt, gilt nicht nur persönlich als völlig integer - eine unter griechischen Politiker eher selten anzutreffende Tugend. Der in St. Paul im US-Bundesstaat Minnesota geborene Papandreou, der in den USA, in Schweden und an der renommierten London School of Economics Soziologie studierte, hat einen ganz anderen Werdegang hinter sich, als die meisten Athener Politiker. Und er hat Charaktereigenschaften, die sich jetzt in der Krise als wertvoll erweisen könnten.
Papandreou verkündet nicht nur Sparbeschlüsse, er lebt die neue Bescheidenheit auch vor: Den dicken Dienst-Mercedes seines konservativen Vorgängers Kostas Karamanlis hat er ausrangiert. Papandreou fährt in einem Toyota Prius Hybrid mit 1,4 Liter-Motor. Auf Auslandsreisen fliegt er, wann immer möglich, mit Linienmaschinen. Worauf es aber jetzt vor allem ankommen könnte: "Giorgos kann unglaublich stur sein", sagt ein enger Freund des Premiers. "Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht er das auch durch."
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