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24. April 2010

Missbrauch: Elisas Not

 Von Peter Hanack
Der Lehrer zwang Elisa zur Abtreibung.  Foto: dpa

Elisa war 14, als ihr Sportlehrer sie schwängerte. Er schickte sie zur Abtreibung, eine Lehrerin begleitete sie. Der Direktor vertuschte den Fall. Elisa schwieg viele Jahre. Nun redet sie. Von Peter Hanack

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Elisa* will das Schweigen durchbrechen. Zum Gespräch in der Kanzlei ihrer Anwältin hat sie eine Freundin mitgebracht. Noch heute, 15 Jahre danach, fällt es ihr schwer, ihre Geschichte zu erzählen, eine Geschichte, die an einem Gymnasium in Hessen spielt, in die Lehrer auf eine Weise verwickelt sind, die sie sich heute vielleicht selbst nicht mehr erklären können. Sie schweigen weiter.

Elisa aber erzählt. In den fast vier Stunden fällt "sein" Name kein einziges Mal - Ralf S.* ist der Unaussprechliche. Im Januar dieses Jahres hat Elisa ihn bei der Schulaufsicht angezeigt.

Elisa beginnt ihre Geschichte mit dem 11. November 1995. An diesem Tag wird sie 15 Jahre alt. Den Geburtstag feiert sie zu Hause im Kreis der Familie. Elisa ist schwanger, in der achten Woche. Der Termin zum Abbruch steht fest. Zum Zeitpunkt ihres Geburtstags ist Elisa seit zwei Monaten mit Ralf S. zusammen. Er ist 30 Jahre älter als sie - und ihr Sportlehrer. Ihre Eltern wissen von all dem nichts.

Elisa: "Unser Verhältnis entwickelte sich aus einer Schwärmerei heraus. Und weil er mich sportlich förderte. Als er mir dann auch noch anbot, mich persönlich zu trainieren und mir von meinen Chancen bei Olympia vorschwärmte, schienen alle meine Träume vom großen sportlichen Erfolg zum Greifen nah zu sein. Es war eine pubertäre Verliebtheit. "

Ralf S. trainiert Elisa auch nachmittags nach Schulschluss. Elisa ist ein Ausnahmetalent, Leichtathletin. Ende September bleibt ihre Monatsblutung aus.

Elisa: "Er fuhr mit mir zu seinem Schwager, der Gynäkologe ist. Der sollte die Abtreibung vornehmen. Aber der Schwager weigerte sich."

Am 9. November besucht Elisa das Pro-Familia-Zentrum ihrer Stadt. Für einen Abbruch braucht sie den Beratungsschein. Sie ist nicht allein. Frau G.*, Lehrerin an Elisas Schule, begleitet sie. Nach der Beratung geht Lehrerin G. mit Elisa in ein Café. Dort wartet Ralf S. Die beiden setzen sich an seinen Tisch.

Elisa: "Warum Frau G.* sich um mich kümmerte, weiß ich nicht. Als Lehrerin hatte ich sie nicht. Wahrscheinlich hat er gedacht, eine Frau könne das besser, und hat sie gebeten, mit mir zu reden. Sie hat mich dann an einem Morgen aus dem Unterricht rausgeholt. Wir sind in die Lehrerbibliothek gegangen, Frau G. hat das Telefon genommen, die Nummer von Pro Familia gewählt, und ich habe den Beratungstermin ausgemacht. Sie hat sich so als große Freundin gegeben. Ich war hilflos. Und sie war da."

Der 14. November 1995 ist ein trüber Tag. Frau G. begleitet Elisa in die Frauenarztpraxis. Auf der Einverständniserklärung zum Abbruch wird sie als Begleitung benannt. Der Arzt notiert: "Eltern wissen nicht Bescheid! 9. Klasse, will Abitur machen, sehr vernünftig".

Elisa: "Es gab nur diese eine logische Lösung. Ich kam nicht dazu, darüber nachzudenken, ob ich das wollte oder nicht. Es gab nur einen Weg."

Der Eingriff verläuft problemlos. Der Frauenarzt entlässt Elisa bei gutem Allgemeinbefinden, wie er notiert. Auf der Krankenakte hat er Namen und Adresse von Ralf S. festgehalten, an ihn soll die Rechnung gehen: 400 Mark. Elisa geht weiter zur Schule, fehlt lediglich am Tag der Abtreibung. Sie holt sich dafür im Nachhinein bei ihrem Hausarzt ein Attest über eine angebliche Erkältung.

Elisa: "Vier Tage nach der Abtreibung bin ich für meinen Verein bei einem Leichtathletikwettbewerb gestartet. Mir ging es da körperlich noch ziemlich schlecht. Ich habe immer gehofft, es merkt einer was, und ich kann nichts dafür, und die Welt wird ganz von allein wieder rosarot."

Am 22. November setzt Lehrerin G. Schulleiter H.* über die Beziehung zwischen Schülerin und Lehrer, die Schwangerschaft und den Abbruch in Kenntnis.

Elisa: "Ich kannte H., wie man halt seinen Schulleiter kennt. Hatte mal eine Vertretungsstunde bei ihm. Dann saß ich da in seinem Büro. Sein Schreibtisch stand in der Mitte, drei Meter davor mein Stuhl, wie eine Angeklagte saß ich da. Rechts daneben dann noch die Lehrerin, die eine Woche vorher mit mir bei der Abtreibung war. H. wusste gar nicht, was er tun sollte. Ich saß völlig versteinert da, fühlte mich von Frau G. verraten. Dann kam ,er´ noch dazu, hat nur geheult, ich nicht."

Elisas Schule ist ein Gymnasium in humanistischer Tradition. Schulleiter H. veranlasst, dass S. in einen anderen Schulamtsbezirk wechselt. Er macht ihm zur Auflage, jeden Kontakt mit Elisa zu vermeiden. Elisa weist er an, eine Beratungsstelle aufzusuchen. Das wird sie nur ein einziges Mal tun, dann geht sie dort nicht mehr hin. Ein Disziplinarverfahren gegen S. leitet H. nicht ein. Auch Elisas Familie informiert er auf ihr Drängen hin nicht. S. bleibt noch bis zu den Sommerferien an der Schule. Elisa hat bei ihm weiterhin Erdkundeunterricht und Sport.

Elisa: "Meinen Eltern konnte ich nichts erzählen. Ich habe mich so geschämt. Niemand sollte was wissen. Es hätte einen Riesenskandal gegeben an der Schule, das wäre ein Spießrutenlaufen geworden. Es schien mir damals leichter, mit der Scham und der Schande, die ich empfand, zurechtzukommen, indem ich schwieg. So konnte ich nicht von anderen damit konfrontiert werden."

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