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26. Januar 2010

Mitgliederentwicklung: Krise trifft die Gewerkschaften

 Von Eva Roth
Steigt die Arbeitslosigkeit, macht sich das auch in den Gewerkschaftskassen bemerkbar. Foto: dpa

Mehr Arbeitslose, interne Querelen, umstrittene Fusionen: Die Gewerkschaften verlieren wieder mehr Mitglieder - und damit auch Einnahmen. Doch es gibt auch Gewinner in den Reihen der DGB-Organisationen. Von Eva Roth

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Sind die Jobs zu retten?

Die "eigentliche Bewährungsprobe" für den Arbeitsmarkt ist noch nicht bestanden, sie steht uns vielmehr noch bevor. Das meint IG-Metall-Chef Berthold Huber. "Wir gehen von bis zu 700.000 bedrohten Arbeitsplätzen in unseren Branchen bis Ende 2012 aus." Der drastische Jobabbau könne verhindert werden, wenn alle Akteure weiter aktiv gegensteuern.

Seit Dezember redet die Gewerkschaft mit den Arbeitgebern darüber, wie Jobs zu sichern sind. Am 9. Februar will der IG-Metall-Vorstand entscheiden, ob formelle Tarifverhandlungen aufgenommen werden. Die Arbeitgeber wollten Beschäftigungssicherung und Entgelt zusammen verhandeln, sagte Huber. Er signalisierte, dass er sich das vorstellen kann. In diesem Fall könnten die regulären Lohnverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie vorgezogen werden.

Eine generelle Nullrunde bei den Löhnen lehnte IG-Metall-Chef Huber am Montag klar ab. In Sachen Jobsicherung fordert die Gewerkschaft zweierlei: Firmen sollen so lange wie möglich Kurzarbeit fahren. Denn dann erhalten Beschäftigte Zuschüsse von der Bundesagentur für Arbeit. Erst wenn das nicht mehr geht, sollen tarifliche Regeln greifen. Schon jetzt können Betriebe die Arbeitszeit auf 30 Wochenstunden senken, die Löhne sinken entsprechend. Künftig könnten die Arbeitszeiten noch weiter sinken, dann sei aber ein Teillohnausgleich nötig, so die IG Metall.

Gemeinsam mit den Arbeitgebern setzt sich die IG Metall dafür ein, dass für den Lohnausgleich keine Sozialbeiträge fällig werden. Dabei hoffen sie auf die neue CDU-Arbeitsministerin: Er habe den Eindruck, dass auch für Ursula von der Leyen die Jobsicherung ganz oben auf der Tagesordnung stehe, so Huber.

Frankfurt. Die Industriegewerkschaft Metall war so stolz, als sie vor einem Jahr den Mitgliederschwund fast gestoppt hatte. Doch nun macht sich die Wirtschaftskrise auch bei der größten Gewerkschaft der Republik bemerkbar: Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Mitglieder um 1,6 Prozent gesunken, 2,26 Millionen Menschen waren im Dezember noch bei ihr organisiert.

Bei den Mitgliedsbeiträgen - der Haupteinnahmequelle - verbuchte die IG Metall ein Minus von 0,5 Prozent. In diesem Jahr dürfte es schlimmer werden: "Wir planen mit Beitragseinnahmen von 428 Millionen Euro", sagte Hauptkassierer Bertin Eichler in Frankfurt. Das wären rund drei Prozent weniger als 2009.

Im vorigen Jahr war das Beitragsminus noch relativ gering, weil die Tariferhöhung recht ordentlich war, heißt es bei der Gewerkschaft. Und mit dem Tariflohn steigt der Beitrag. Ein Prozent vom Brutto verlangt die IG Metall, wie viele andere Gewerkschaften, von Beschäftigten. Die Kurzarbeit habe sich dagegen noch nicht so stark bemerkbar gemacht.

Das, fürchtet Kassierer Eichler, wird im laufenden Jahr anders sein. Dann dürften viele Kurzarbeiter ihre Beiträge an den geringeren Lohn anpassen. Zudem rechnet die Gewerkschaft mit einem Jobverlust in der Metall- und Elektroindustrie: Wahrscheinlich werde die Zahl arbeitsloser Mitglieder steigen, sagte Eichler - und die müssten nur rund 1,50 Euro im Monat zahlen.

Bei der Mitgliederentwicklung ist bemerkenswert, dass die IG Metall im vorigen Jahr sogar weniger Austritte registrierte als 2008. Woran es haperte, waren Neu-Mitglieder. Die IG Metall erklärte das damit, dass im Krisenjahr 2009 kaum neue Leute eingestellt wurden.

Auch andere DGB-Gewerkschaften haben Federn gelassen. Transnet und IG BAU haben prozentual am meisten Mitglieder verloren. Aber auch die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi schnitten relativ schlecht ab.

Die Gründe sind vielfältig: Jobabbau in Branchen wie Steinkohlebergbau, bei Transnet dürften die Querelen um den Bahn-Börsengang eine Rolle gespielt haben und die Konkurrenz durch die Lokführer-Gewerkschaft. Und Verdi, die aus dem Zusammenschluss von fünf Gewerkschaften entstanden ist, hat seit der Fusion einen relativ hohen Schwund.

Insgesamt haben die DGB-Gewerkschaften mit 1,7 Prozent mehr Mitglieder verloren also 2008, als es 1,1 Prozent waren. Damit hat sich der Mitgliederschwund zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder beschleunigt.

Gegen den Trend gewachsen sind die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und die Gewerkschaft der Polizei (GdP). Vielleicht ist das ein Indiz, dass kleine Spezial-Gewerkschaften besser ankommen als Großverbände. Zudem hat die GEW offenbar einen niedrigeren Mitgliedsbeitrag als Verdi.

Die Frankfurter Rundschau hat alle DGB-Gewerkschaften gefragt, wie hoch ihre Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen in den vergangenen zwei Jahren waren. Doch nur drei Gewerkschaften verraten ihre aktuellen Einkünfte: IG Metall, Verdi und Transnet. Verdi habe im vorigen Jahr rund 415 Millionen an Beiträgen eingenommen, Transnet 41,6 Millionen, teilten die Sprecher mit.

Beide Organisationen verbuchten ein leichtes Einnahmeplus - trotz Mitgliederschwunds. Verdi begründet das mit den guten Tarifabschlüssen und dem steigenden Anteil erwerbstätiger Mitglieder. Transnet spricht von einer "Angleichung" der Beiträge an DGB-Niveau.

Die anderen Gewerkschaften verschweigen ihre jüngsten Einnahmen. Daraus könne man Rückschlüsse auf "unsere Kampfesstärke" ziehen, begründet das die IG BAU. Verdi und andere wagen da mehr Transparenz.

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