Einer derjenigen, die den Ärger um Cardins überbordendes Engagement in Lacoste überhaupt nicht verstehen, ist Hotelier Olivier Mazel. Seit Cardins Einstieg in Lacoste gehen die Geschäfte für ihn gut. "Ich bin nun schon seit 25 Jahren Hotelier. Bis vor kurzem wussten die Leute nicht, wo Lacoste eigentlich liegt. Inzwischen rufen Gäste an und sagen, das ist doch das Lacoste, in dem Monsieur Cardin das Schloss gekauft hat."
Mazel ärgert sich am meisten über das schlechte Benehmen seiner Nachbarn dem neuen Schlossherrn gegenüber. Wie anlässlich eines von der Gemeindeverwaltung ausgerichteten Aperitifs. Da stand das Dorf beisammen, plauderte und lachte, und der alte einsame Mäzen ging auf seinem Stock gestützt vorbei. "Ganz alleine. Und niemand hat ihn gebeten, mit anzustoßen."
Wer wissen will, was Cardin nach Lacoste geführt hat, braucht derzeit nur das Hochglanzmagazin eines großen Immobilienunternehmens aufzuschlagen. Dort wirbt Cardin für den Kauf von Häusern in der Provence und spricht von der Magie, die diese Gegend auf ihn ausgeübt habe. Eine Magie die, so sagen seine Gegner, dazu führt, dass Vermögende wie er sich die schönsten Stücke aus dem Kuchen des Luberon herausschneiden. Für die Ortsansässigen bleibe dann nichts mehr übrig. Junge Leute könnten sich zum Beispiel in Lacoste keinen Wohnraum mehr leisten. Doch, so meint Hotelier Mazel, "wenn Cardin diese Häuser nicht aufgekauft hätte, dann hätten es andere getan. Monsieur Schweiz, Monsieur Deutschland, Monsieur England. So ist das nunmal hier in der Gegend".
Expansionsdrang offenbar noch immer nicht gestillt
Der Ausverkauf des Luberon findet seit geraumer Zeit statt. Wie es hierzu kommen konnte und was aus den verkauften Gehöften oder Häusern wird, weiß Oliven- und Weinbauer Dédé Devaux unten aus dem Tal zwischen Lacoste und Bonnieux genau. Er hat, um nach dem Tod der Eltern seine Schwester ausbezahlen zu können, seinen Hof an reiche US-Amerikaner verkauft. Als Erstes haben damals die neuen Besitzer alle Oberleitungen, die ihnen den Blick auf das Marquis de Sade-Schloss von Lacoste versperrten, unterirdisch verlegen lassen. Sie ließen das Haus aufwendig renovieren, jedes Zimmer mit antiken Kaminen ausstatten, einen Zypressenhain anpflanzen. Elf Monate im Jahr steht das Haus leer. "Hin und wieder kommen zwei Angestellte der Eigentümer. Damit alles parat ist, wenn die Herrschaften selbst anreisen." Überall in Dédés Umgebung gibt es inzwischen solche Zweit-, Dritt- oder Viertwohnsitze der Hautevolée aus aller Herren Länder.
Dass jedoch ein Großteil eines ganzen Dorfes von nur einer Person aufgekauft wird, ist auch im Luberon etwas Besonderes. Dass sich die Bewohner ängstigen, dass sie sich fragen, was wird aus all dem nach dem Tod ihres inzwischen 87-jährigen Mäzens, ist nur allzu verständlich. Werden die vielen Cardin-Häuser dann in den Besitz ausschließlich an Rendite orientierter Investoren übergehen? Gerüchte darüber, die Witwe Brouer habe seinerzeit im Kaufvertrag festlegen lassen, dass nach Cardins Tod zumindest das Schloss einer Kulturstiftung übertragen werden soll, halten sich zwar. Doch Geneviève Recubert, die diesen Vertrag eingesehen hat, sagt klar und deutlich: "Davon steht da nichts drin."
Inzwischen weitet sich die Bürgerfront gegen den Investor aus der Modebranche aus. Vor kurzem erst demonstrierten Bewohner aus Lacoste in trauter Harmonie mit ihren Nachbarn aus Bonnieux vor Pierre Cardins provenzalischem Wohnsitz. Aus gutem Grund, denn dessen Expansionsdrang scheint offenbar noch immer nicht gestillt zu sein. Er will nun in der Gemeinde Bonnieux genau dort einen Golfplatz anlegen lassen, wo sonst Wein angebaut wird und Olivenhaine stehen. "Das würde die Gegend endgültig komplett verändern", wettern die Bürger aus Bonnieux. Während die Lacoster sich freuen, mit ihrem Protest nicht mehr alleine da zu stehen.