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Reportage aus Lacoste: Zu Tode saniert

Modedesigner Pierre Cardin hat das halbe Dorf Lacoste in Frankreich gekauft und aufwändig renoviert. Doch wohnen will dort niemand. Die angestammten Bürger sind empört. Von Ingrid Müller-Münch

Willkommen in Lacoste: das Dorf war  einst die Heimat des Marquis de Sade.
Willkommen in Lacoste: das Dorf war einst die Heimat des Marquis de Sade.
Foto: dpa

Im Haus von Geneviève Recubert im französischen Dorf Lacoste krachte es im Gebälk. Und das nicht zu knapp. Jahrelang wurden in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft Hausfassaden neu verputzt, Wände rausgerissen, Dächer abgedeckt und Anwohner genervt. Die sich verwinkelt durch den Ort schlängelnde Rue Basse mit ihrem grob-mittelalterlichen Straßenpflaster, mit blühendem Oleander vor schamhaft in putzige Ecken geschmiegte Haustüren ist längst nicht mehr die Idylle, deretwegen sich die Lehrerin vor 40 Jahren in dieses provenzalische Dorf verliebte. Statt des mittäglichen Balzgesangs der Zikaden begleitete Baulärm die herumschlendernden Touristen. "In den vergangenen zwei Sommern konnte ich nachmittags keine Siesta mehr halten. Eines Tages waren die vier Etagen meines Hauses vier Zentimeter dick mit weißem Staub bedeckt." Der Dreck war so dominant, dass sie für einige Tage in ein Hotel flüchtete.

Nun ist wieder Ruhe eingekehrt. Die Handwerker sind abgezogen. Doch die seit kurzem eingetretene Stille lastet schwer auf Geneviève Recubert. Sie verheißt nichts Gutes, weiß die Lehrerin. Seitdem der französische Modeschöpfer Pierre Cardin vor etwa acht Jahren Lacoste zum Alterssitz erkor, das oberhalb des Ortes liegende ehemalige Schloss des Marquis de Sade und immer mehr Häuser im Dorfzentrum erwarb, hat sich hier einiges verändert. Cardin habe - so erzählen es Dorfbewohner - nur so mit den Geldscheinen gewedelt. Manch einem Hausbesitzer habe er dreimal mehr als den üblichen Marktpreis gezahlt. Da konnte kaum einer widerstehen. Nur wenige zeigten sich so stur wie die Eigentümerinnen des Café de France, die sich strikt weigerten, ihr gutgehendes Restaurant an Cardin zu verkaufen.

Pierre Cardin blickt vom Schloss De Sade auf das Dorf.
Pierre Cardin blickt vom Schloss De Sade auf das Dorf.
Foto: afp

Hier sitzt Bruno Pierret bei einem café noir. Er ist Rentner, war einst Jurist bei der Banque de France, ein Mann, der sich zu wehren weiß. Außerdem ist er ein entschiedener Gegner Cardins. Über die Dorfhauptgasse, die Rue Basse, sagt er, "sie wurde von einigen Immobilienhändlern als Champs Elysées von Lacoste bezeichnet, gehört inzwischen fast komplett Monsieur Cardin, wirkt ausgestorben und hässlich." Die inzwischen aufs Edelste renovierten Häuser in dem gerade mal 480 Einwohner zählenden Dorf "sind Cardins Werk. Cardin soll an die 42 Gebäude in der unmittelbaren Umgebung gekauft haben. In Lacoste sind es sicher um die 20".

"Pour mon plaisir"

Auch die in Lacoste seit 25 Jahren lebende Schriftstellerin Anne Denois trifft man häufig im Café de France an. Sie hat mitbekommen, "wie sich das alles hier durch Pierre Cardin verändert hat." Eines Tages ist er ihr auf der Straße begegnet. Da hat sie ihn gefragt, "Monsieur Cardin, warum kaufen Sie eigentlich all diese Häuser?" "Pour mon plaisir", antwortete er ihr - alles also für sein Vegnügen. "Das heißt, er kauft wie beim Monopoly-Spiel Straßen, Häuser, Hotels." Lacoste ist eines der schönsten "villages perchés" des Luberon. So heißen die Dörfer, die wie angeklammert am Nordhang dieses Bergzuges liegen. Dem inzwischen 87-jährigen Pariser Modeschöpfer hatte es vor allem der Panoramablick vom Schloss aus angetan: über das Tal des Calavon mit Weinfeldern und Kirschbaumplantagen, linker Hand der Bergzug der Alpilles, schräg dahinter die Silhouette des Mont Ventoux, rechts die Konturen von Bonnieux. In früheren Gesprächen mit Journalisten erklärte Cardin gerne, er habe vor, aus Lacoste ein Saint-Tropez der Kultur zu machen. "Ich habe hier mehr als 22 Millionen Euro investiert, ein halbes Dutzend Firmen eingespannt, Arbeitsplätze geschaffen." Mehr will er derzeit zu dem Thema nicht sagen.

Gabriel Sobins Eltern gehörten zu jenen Künstlern, die in den 60er Jahren nach Lacoste kamen, weil man hier billig wohnen kann, weil hier die Sonne scheint, das Licht an Cézanne und Van Gogh erinnert. Sobin ist Bildhauer und hat sich in einem verschwiegenen Eckchen von Lacoste, mit Blick auf den Mont Ventoux, eine japanisch angehauchte Gartenenklave angelegt, eine Idylle, wie geschaffen für seine Skulpturen und Objekte. Der Künstler ist heilfroh, etwas außerhalb des Dorfes zu wohnen. "Daher musste ich nicht den Lärm der Umbauarbeiten ertragen. Aber auch die schrecklichen und schwierigen Konflikte bekomme ich nicht hautnah mit."

Inge Boesken-Kanold, eine Künstlerin, die mit aus Schnecken gewonnenem Purpur arbeitet, lebt seit fast 30 Jahren in Lacoste. Ein Teil ihres Gartens gehört zu den Steinbrüchen, in denen der Modeschöpfer seit einigen Jahren im Sommer vier Wochen lang sein Festival abhält, über das er im französischen Fernsehen schwärmte: "Wir haben dieses Festival vor acht Jahren ins Leben gerufen. Haben große Opernaufführungen gehabt, große Stars hierhin geholt. In dieser Richtung wollen wir weiter machen, auch mit anderen Musikarten, mit Theater und Tanz."

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Autor:  Ingrid Müller-Münch
Datum:  31 | 5 | 2010
Seiten:  1 2 3
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