Sieben Zeitzonen von Deutschland entfernt denkt Joachim Guilliard darüber nach, wie er am besten sein Leben beenden könnte. Ein Buch liegt neben seiner Pritsche auf dem Nachttisch, "Lexikon merkwürdiger Todesarten". Die Gedanken in seinem Kopf fahren Achterbahn, drehen sich ständig um Gerechtigkeit und Unrecht, und um Rettung. Joachim Guilliard plant seinen Selbstmord als letzte Station auf einem Weg, der ins Paradies führen sollte - und dann in einer Hölle endete.
Seit neun Monaten nun sitzt er hier fest, sein Leben hat sich auf zehn Quadratmeter Einzelzelle reduziert. Darin befinden sich ein Hock-Klo, eine Dusche, eine Küchenzeile mit Herd und Kühlschrank, ein Bistrotisch und zwei Holzregale. Auf den Regalen stehen Bücher und zwei Packungen Fertig-Knödel. Es ist eine gute Zelle, für philippinische Verhältnisse. Dennoch: "Mit jedem Tag hier verliere ich ein bisschen mehr von meiner Kraft", sagt Joachim Guilliard. Inzwischen erwarte er nicht mehr viel, von niemandem. Er legt sich auf sein Bett starrt an die Decke, seine Daumen trommeln auf seiner Brust. Seine Gedanken kreisen um die Anklage: Menschenhandel. Er soll minderjährige Mädchen zur Prostitution gezwungen haben. "Hab´ ich nicht", sagt er wie nebenbei.
Sein Gesicht ist freundlich, ein bisschen blass. Die graublonden langen Haare hat er zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er wirkt, trotz allem, viel jünger als 60. Ruhig, ganz leise erzählt Guilliard seine Geschichte, eine Geschichte von falsch verstandener Freundschaft und Verrat, von Naivität und dem Irrglauben, dass man anständig behandelt wird, wenn man sich anständig verhält.
Die meisten sitzen zu Recht
Die Philippinen sind der tropische Traum vieler deutscher Geschäftsleute, Aussteiger und Touristen. Einige bleiben für immer. Und manche von ihnen landen im Gefängnis - aus Ahnungslosigkeit, Dummheit, selbstverschuldet. Die meisten sitzen zu Recht. Aber einige sind unschuldig, wurden von ihren Geschäftspartnern oder der philippinischen Ehefrau übers Ohr gehauen. Oft warten sie monate-, manchmal jahrelang auf einen Prozess und müssen sich am Ende ihre Freiheit für viele tausend Euro von korrupten Richtern und Anwälten erkaufen.
Es regnet, über der Ferieninsel Cebu hängen dichte Wolken wie ein nasses Tuch. Das Stadtgefängnis von Mandaue ist eine Festung aus Stacheldraht und Beton. 680 Gefangene hausen hier zusammengepfercht in schmalen Zellen, die sich jeweils 14 Häftlinge teilen. Nur Guilliard hat eine Einzelzelle. Deckenventilatoren verquirlen die Januarhitze über den Häftlingen: Mörder, Vergewaltiger, Betrüger, Menschenhändler, Diebe und ein Haufen armer Schlucker, die sich keinen Anwalt leisten können und von denen niemand so genau weiß, warum sie eigentlich eingesperrt sind. Und ein Deutscher: Die Beweislage spricht für ihn, Zeugen entlasteten ihn. Aber das interessiert niemanden hier, nicht die Richterin, nicht seine Anwälte. Er soll seine Unschuld beweisen, heißt es. Wie? Keine Ahnung. So etwas, sagt er, ist kaum auszuhalten, seelisch nicht, körperlich nicht. In den Zellenblocks riecht es nach Urin, altem Schweiß und Dreck. Die meiste Zeit liest er, manchmal guckt er Maischberger oder Beckmann über Satellit, lernt Englisch und Filipino. Guilliard will, dass sein Leben endlich weitergeht. Mandaue ist ein Schwebezustand.
Vor fünf Jahren kam Joachim Guilliard auf die Philippinen, weil er das kalte, enge Deutschland satt hatte. Der Verkauf seiner Firma hatte ihn reich gemacht. Den Herbst seines Lebens wollte er in den Tropen verbringen, mit seiner Leidenschaft Tauchen, in seiner schicken Villa mit Privatstrand und Schwimmbad, sorgenfrei. Vielleicht in eine Ferienanlage investieren, nur so zum Spaß. Die Insel Cebu schien das Gegenteil von Deutschland zu sein, ein Aussteiger- und Rentnerparadies. Sonne im Überfluss, weiße Sandstrände, schöne Mädchen, die in Bars flanieren, Kokospalmen. Hier traf er Gleichgesinnte, andere Auswanderer, die sich ein wenig Deutschland in die Fremde holten. Einer von ihnen wurde Guilliards Freund. Gemeinsam zogen sie um die Häuser, tranken Cocktails in den Bars, grillten Fisch auf Guilliards Veranda. Der Freund wollte Restaurants und Bars eröffnen, aber ihm fehlte Geld, viel Geld.