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Skurrile Debatte: Kulturkampf ums "Café Kinderfrei"

Spätestens da kippt die Sache. Erste Gäste murren. Nichts gegen Kinder, aber ins Café geht man ja auch, um sich von seinen zu erholen. Und denen könnte man verbieten, zwischen fremder Leute Füßen Fangen zu spielen. "Wenn eine Mutter ihr Baby auf dem Tisch windelte, bin ich schon mal eingeschritten", sagt Schulte. Er verwies dann höflich auf die Wickelkommode beim WC. "Aber manchen stört auch, wenn fünf Mütter einer Stillgruppe am Nebentisch ihre Babys stillen."

Es wurde immer schwerer, ein Café "für alle" zu betreiben. "Ohne einen Paul oder eine Zoe fühlt man sich illegal im Niesen", frotzelte die taz schon vor zwei Jahren, und auf Gastro-Plattformen im Internet las man Einträge wie "Leckerer Kuchen. Leider zu viele Kinder." Schulte schüttelt den Kopf: "Das fand ich auch scheiße."

Schulte und Wick hätten es beim Scheißefinden bewenden lassen können. Sie hätten auf die Mauer gegenüber zeigen können, auf die jemand in Lila "Schwaben raus" gesprüht hat. Sie hätten sich sagen können, dass der Prenzlberg umkämpft ist und Anonyme öfter mal Poster gegen "Kaputtsanierung" und zugezogene Westler kleben. Aber so sind sie nicht. Sie wollten das Richtige tun.

"Zone, klingt wie Ostzone!"

Also beschließen sie im Januar 2010, die Eisdiele, die sie im Nebeneingang betreiben, mit dem Café zu vereinen. Sie reißen die Wand zu Bar und Küche ein, sodass ein großer Raum mit Bar-Küche in der Mitte entsteht. Wo bisher das Café mit all den Kinderwagen und -geräuschen war, soll sich nichts ändern. Das neue Séparée aber, wo man die Kinder nur noch gedämpft lachen oder quengeln hört, soll für Zeitungsleser oder Berufstätige in der Pause sein. An die Eingangstüren zum Séparée hängen sie kleine Schilder: "Neu - für Ältern ohne Kinder".

Die Schilder sollten sie berühmt machen: Das Lokalfernsehen entdeckt sie - und macht eine Geschichte über die neue "kinderfreie Zone". "Schon das Wort ist schrecklich", grummelt Schulte noch heute. "Zone, klingt wie Ostzone!" Eben. Berlin, Zone, Kinder - der Sturm bricht los. Tagelang überschlagen sich die Boulevardblätter. "Einmal Kaffee ohne Kind", titelt die BZ und "Café Kinderfrei: Politiker entsetzt". Bild trommelt eine aufgeregte Kritikerschar zusammen: "Nicht akzeptabel", findet SPD-Jugendexpertin Stefanie Winde das Ganze, Grünen-Politiker Bendikt Lux bringt "ein Verbot dieser Kinderausgrenzung" ins Spiel. Der Gaststättenverband findet die Idee "grenzwertig", FDP-Landeschef Markus Löning ruft zum "Boykott" des Cafés auf.

Als Welt.de ein klärendes Interview anbietet, steht am Ende über Schultes Richtigstellungsversuch: "Berliner Szeneviertel: Warum Kinder im Café nicht erwünscht sind." Das Niesen ist kurz davor, zum Textbaustein in einer Westerwelle-Rede zu werden. Sogar der Präsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, geißelt das Café als "Symbol einer kinderentwöhnten Gesellschaft". Die Meldung schafft es in die Regionalzeitungen, dann auf News-Sites aus der Schweiz, Holland, den USA, Osteuropa. "Children are Berlin´s new dividing line", titelt die Irish Times. Kinder als neue Grenzlinie - diese Deutschen! Vor den Kameras fühlen sich prompt ein paar junge Mütter diskriminiert und besetzen samt Nachwuchs das Séparée. "War aber eine Ausnahme", sagt Schulte.

Tatsächlich reagieren die Gäste gelassen. "Die Politiker sollen sich lieber um ausreichend Betreuungsplätze kümmern", sagt Heidi Mottl, 37, Freiberuflerin in Erziehungszeit, die händeringend einen Krippenplatz für ihren bald Einjährigen sucht. Klaus Schulte hat den Politikern und Kinderschützern geschrieben, sie eingeladen. Keiner antwortet, keiner entschuldigt sich. SPD-Frau Winde sagt, sie wurde falsch zitiert; der Grüne Lux will alles nicht so konkret gemeint haben, FDP-Mann Löning ist jetzt Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung. Keine Zeit mehr für Lokalpossen. Der Chef des Kinderschutzbundes nimmt nichts zurück. "Mir ging es ja um den gesamten Trend", sagt Hilgers der FR, "nicht um das einzelne Café."

In dem einzelnen Café sitzen Klaus Schulte und Christine Wick und gucken, als sei ihnen ihre soziale Skulptur gerade über dem Kopf zusammengestürzt. Ein Café als Stellvertreterkriegsschauplatz für Kämpfe zwischen Kaffeetrinkern und Kinderlobby, zwischen Frischzugezogenen und Alteingesessenen, den Anti-Autoritären und der Lass-deine-Kinder-keine-Tyrannen-werden-Fraktion, als Spiegel des Kampfs Kiez gegen Gentrifizierung - das war dann doch zu viel.

"Die SPD-Frau hat uns gesagt, wir sollen abwarten", sagt Wick, "sowas erledigt sich von selbst." Also warten sie ab, während ihr Geschäft im Web als "Café Kinderfrei" archiviert bleibt; während sich auf Gastro-Portalen unter ihrer Adresse Kinderhasser aus Köln und Kinderhasserhasser aus Nürnberg beschimpfen; während Stammgäste besorgt fragen, ob ihr Kind nun daheim bleiben müsse. Und während die Geburtenrate weiter fällt. Schulte seufzt.

Drinnen sitzen nach wie vor an fast jedem Tisch ein bis zwei Kinder, draußen schiebt ein Cafégast seinen Kinderwagen zurück auf den Gehweg. Wenn er nach rechts zur S-Bahnstation läuft, kommt er vorbei an der Mauer, an der "Yuppies fuck off" steht, dann an der Jugendfarm Moritzhof, wo ein Banner fordert: "Mehr Spielraum in Berlin! - Landesverband Abenteuerspielplätze & Kinderbauernhöfe", davor sieht er das Schild "Geschützte Grünanlage, Ballspielen verboten", daneben einen Spielplatz. Bis er, kurz hinter Aldi, das Graffito am Brückenpfeiler lesen würde: "Realität abschaffen!", steht da. Auch ein Fußweg kann eine soziale Skulptur sein.

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Autor:  Steven Geyer
Datum:  20 | 4 | 2010
Seiten:  1 2
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