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Skurrile Debatte: Kulturkampf ums "Café Kinderfrei"

Ein Berliner Café richtet einen Raum ein, in dem Kinder nicht erlaubt sind - damit Kinderlose in Ruhe Zeitung lesen können. Seitdem tobt ein weltweiter Streit: Dürfen die das? Die Wirte fühlen sich missverstanden. Von Steven Geyer

Kinderfreie Zone
Kinderfreie Zone
Foto: FR

An manchem Morgen hatte er fast Angst, das Café aufzuschließen. "Ich dachte echt, mich begrüßt eine Demo", sagt Klaus Schulte und wischt sich die Spülhände an der roten Schürze ab. Er schüttelt den Kopf. All die Hetze, die Hysterie, ja der Hass: wegen einer ganz und gar gut gemeinten Geste, die ihn, Vater einer vierjährigen Tochter, zum Kinderfeind Nummer 1, zum umstrittensten Cafébesitzer Deutschlands machte.

Schulte, 49, Outdoorhose und navifarbener Sweater, Bartstoppeln und Zopf, setzt sich mitten in den Ort des Anstoßes, neben seine Geschäftspartnerin und Mitinhaberin des "Café Niesen": Christine Wick, 41, kurze Haare, graue Strickjacke, auch sie: Mutter, der Sohn ist neun. Klaus und Christine, wie sie sich vorstellen, haben in letzter Zeit mit vielen Journalisten gesprochen, und obwohl selten rauskam, was sie sich erhofften, sind sie auch heute freundlich. Sie glauben an das Gute.

Mit einer kinderfreien Zone in ihrem Café sorgten die Kaffeehaus-Wirte Christine Wick und Klaus Schulte bundesweit für Aufruhr.
Mit einer "kinderfreien Zone" in ihrem Café sorgten die Kaffeehaus-Wirte Christine Wick und Klaus Schulte bundesweit für Aufruhr.
Foto: A. Labes

Das sollte man auch ihrem Café anmerken, aber wie sich zeigte, ist das nicht so leicht. Wenn das gut Gemeinte schief läuft, verpassen dir die Boulevardzeitungen fiese Spitznamen wie Café Kinderfrei, vermeintlich seriöse Medien drehen dir das Wort im Mund herum, bis du der Erfinder der "ersten kinderfreien Café-Zone der Stadt" bist. Politiker reden vom "Verbot" deines Ladens, und eine moralische Autorität wie der Kinderschutzbund sieht dich als Symbol der pervertierten Gesellschaft. Dich! Obwohl du selbst Kinder hast, obwohl dein Café seit Jahren eine Spielecke mit Gratiskeksbüchse hat, obwohl du dich hier täglich durch eine Kinderwagen-Armada schlängelst.

"Wir dachten an Joseph Beuys"

So ging es Schulte und Wick und ihrem Café. Sie sprechen davon noch immer wie von einem Autounfall. "Ich hab versucht, alle Artikel zu sammeln", sagt Wick mit brüchiger Stimme. "Irgendwann kommst du nicht mehr nach." Die Frühlingssonne schiebt sich auf Blümchentapete, gemixte Omasessel und fünf Minitische in der berüchtigten Nische des Cafés, in der die beiden nun sitzen.

Das Niesen ist eine Oase am immer noch bröckelnden Rand des sonst hippsanierten Prenzlauer Bergs in Berlin. Holzfußboden, Sofas, Sessel, Stehlampen, in der Mitte eine hellgrüne Theke, aus den Boxen Jazz. Die Wände in der Nische sind pink gefliest. "Hier war vorher eine Eisdiele", erklärt Schulte. "Es gehört zu unserem Konzept, dass wir den Raum so lassen. Um zu zeigen, wie sich alles organisch verändert. Wir wollten stets mehr, als Kaffee und Kuchen verkaufen: Wir dachten an Joseph Beuys, die soziale Skulptur, wir wollten offen für alle sein. Spiegel der Gesellschaft."

Schulte und Wick sind Künstler. In den 80ern kamen sie nach Westberlin, dann fiel die Mauer und zeigte, dass das Gute wahr wird, wenn man nur dran glaubt.

Vor fünf Jahren eröffneten sie ihr Café, als zweites Standbein. Schnell lief es so gut, dass sie kaum noch zum Malen kamen. Aber sie wollten Künstler bleiben. Im Sinn von Beuys, wonach jeder, der formend in die Gesellschaft eingreift, zu einem Kunstwerk beiträgt. Sie organisierten Lesungen und Kulturevents, boten sich als Kieztreff an, verweigerten sich dem W-Lan, legten lieber Zeitungen aus und den Kaffeepreis auf einen Euro fest, "damit auch sozial Schwache kommen". Das Konzept kommt an. "Stundenlang einnisten" könne man sich hier, loben die Stadtmagazine; der Apfelkuchen sei traumhaft, schwärmen die Lokalseiten. Doch der Prenzlberg hat sich gewandelt. Aus dem Künstlerkiez ist die Hochburg junger Akademiker mit gutem Einkommen geworden, 60 Prozent der Frauen sind im gebärfähigen Alter, die Geburtenzahl übertrifft den Bundesschnitt weit.

Schulte und Wick reagieren darauf, das Café soll Spiegel all dessen bleiben, offen für alle. Woanders wird schief angeguckt, wer Kinder im Schlepptau hat; freie Tische stellen sich plötzlich als besetzt heraus. Im Niesen locken Himbeereis und Kuchen immer mehr Stamm- und Laufkundschaft samt Nachwuchs an; die Wirte besorgen Wimmelbücher, Malstifte, fürs Klo ein Pissoir auf Knirpshöhe. Sie bitten ihre Kundschaft sogar, draußen zu rauchen. Ein Jahr, bevor die Stadt ein Rauchverbot erlässt! Das Niesen ist damit nicht nur eines der wenigen rauchfreien Cafés, vor der Tür sind auch eine autofreie Straße, ein Park, ein Kinderbauernhof. Nachmittags, wenn die Kitas schließen, schwappt die Kita-Atmosphäre an die Kaffee-Tische.

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Autor:  Steven Geyer
Datum:  20 | 4 | 2010
Seiten:  1 2
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