"Exit" gilt in der Schweiz weithin als seriöse Organisation. Trotzdem meldet Otfried Höffe Bedenken an. Er befürchtet, dass der Giftbecher zu schnell gereicht wird. Der deutsche Moralphilosoph, der im schweizerischen St. Gallen eine ständige Gastprofessur für Rechtsphilosophie hat, steht der Nationalen Ethikkommission der Schweiz vor. "Jeder hat das Recht, sich zu töten", sagte er jüngst im Interview mit der Basler Zeitung. Doch sei die Frage berechtigt, "ob Suizidhilfe, die unter die Kategorie der Tötungsdelikte fällt, zulässig ist und in welchem Fall sie missbräuchlich ist".
Höffe plädiert für den Ausbau der aus finanziellen Gründen staatlich vernachlässigten Palliativpflege, die umfassende Sterbebegleitung unter Einsatz schmerzlindernder, im Notfall auch die Lebenszeit verkürzender Medikamente, und unterstützt die Hospizbewegung. Gegen die geplante Einschränkung des Rechts auf Sterbehilfe wird er nicht opponieren.
In der Schweiz ist der Anteil der nicht tödlich Erkrankten, denen organisierte Sterbehilfe gewährt wird, markant gestiegen. Betrug er in den 90er Jahren noch 22 Prozent, so stieg er im Zeitraum von 2001 bis 2004 bereits auf 34 Prozent. Rheuma und chronische Schmerzen wurden am häufigsten als Gründe für den Sterbewillen angeführt. Würde sich nicht in vielen Fällen bei umsichtigem Nachfragen vielleicht herausstellen, dass der Sterbewunsch vordergründig ist, dass der Patient Angst vor Einsamkeit hat oder den Angehörigen nicht zur Last fallen will? In einzelnen Fällen wurde auch psychisch Kranken Suizidhilfe gewährt. Kann aber ein Sterbegleiter entscheiden, ob ein psychisch Kranker oder jemand, der an Alzheimer leidet, urteilsfähig ist, sich autonom und nach Abwägung der Alternativen entscheidet?
Der an Demenz leidende frühere Tübinger Rhetorik-Professor Walter Jens war einst ein glühender Verfechter der aktiven Sterbehilfe. Er hat mit seiner Frau Inge zusammen eine Patientenverfügung unterzeichnet, aus der hervorgeht, dass er in seinem jetzigen Zustand nicht mehr leben will. Inge Jens berichtete jüngst in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur: "Neulich hat er gesagt: ´Nicht totmachen, bitte nicht totmachen.´ Ich bin mir nach vielen qualvollen Überlegungen absolut sicher, dass mich mein Mann jetzt nicht um Sterbehilfe, sondern um Lebenshilfe bittet."
Dass die Schweiz nun wieder über Sterbehilfe diskutiert, hat allerdings nicht so sehr mit einem neuen Problembewusstsein oder mit einer Kritik an "Exit" zu tun, sondern viel mehr mit Minelli, dem Chef von "Dignitas". Der sorgt regelmäßig für Schlagzeilen wie "Sterbehilfe auf dem Parkplatz!" oder "Asche in den Zürichsee gekippt!" Zudem wird ihm vorgeworfen, dass er möglichst viele Leute möglichst schnell aus der Welt schaffe, um sich daran zu bereichern. Die Beihilfe zum Suizid "aus selbstsüchtigen Beweggründen" ist auch in der Schweiz strafbar. Allerdings wurde Minelli in einem Gerichtsverfahren, bei dem er lukrativer Geschäfte bezichtigt wurde, freigesprochen - aus Mangel an Beweisen.
An seinem schlechten Image ist Minelli nicht unschuldig. "Dignitas hat zwei aktive Mitglieder", sagt er, "das eine bin ich, das andere will anonym bleiben, was ich respektieren muss." Die Buchhaltung legt er nicht offen. "Ich muss dauernd in Prozessen verteidigen", klagt er, "ich komme gar nicht dazu, eine ordentliche Buchhaltung zu führen."
Natürlich habe er die Asche in den See schütten lassen, sagt Minelli, das sei der letzte Wunsch des Sterbewilligen gewesen. Ja, da sei tatsächlich einer auf dem Parkplatz in seinem Auto gestorben. "Aber wenn es im Hotel geschieht, gibt es ja auch Schlagzeilen. Wer will schon in einem Hotel nächtigen, in dem einige Zimmer weiter jemandem Gift bereitgestellt wird?" Das Problem ist, dass 90 Prozent der Patienten, die sich an "Dignitas" wenden, im Ausland wohnen. Sie können also nicht zu Hause sterben. Die Wohnung, die er in Schwerzenbach angemietet habe - "übrigens just über einem Puff" -, sei ihm gekündigt worden, klagt der Sterbehelfer.
Nun glaubt Minelli, eine Lösung gefunden zu haben. Er zeigt sein neues Sterbehaus am Rand einer Industriezone von Pfäffikon, einem Dorf im Zürcher Hinterland. Im Teich des Gartens schwimmen Goldfische. Das Sterbezimmer, in das von zwei Seiten Licht hereinströmt, ist spartanisch, aber doch freundlich eingerichtet: ein Bett, wie man sie in Krankenhäusern findet, zwei Stühle, ein Tisch, ein Blumenstrauß, alles sehr sauber.
"Wir stellen dem Sterbewilligen Dosen von 15 Gramm Natrium-Pentobarbital und 60 Milliliter Wasser zur Verfügung", erklärt der "Dignitas"-Chef, "wir fragen immer ein letztes Mal: "Wollen Sie wirklich?' Nach drei bis fünf Minuten schlafen die Leute mitten im Satz ein. Dann wird das Atemzentrum außer Betrieb gesetzt, absolut schmerzlos." Aber es komme schon vor, dass man einen Patienten auf die Seite legen müsse, "damit es voran geht".
Seine Organisation habe mehr Menschen gerettet als in den Tod begleitet, behauptet Minelli. Viele, die zu ihm gekommen seien, hätten vom Suizid Abstand genommen, nachdem sie die Sicherheit hatten, notfalls Sterbehilfe in Anspruch nehmen zu können. "Wenn es uns nicht gäbe", sagt er, "müsste man noch viel öfter Reste von Leuten zusammenkratzen, die sich vor einen Zug werfen". Der "Dignitas"-Chef gebraucht gern derbe Ausdrücke.
Wenn Minelli aber davon berichtet, wie seine Großmutter gelitten habe, wie er selbst keine Gelegenheit hatte, sich von seiner Mutter zu verabschieden, wenn er von den Menschen spricht, mit denen er zu tun hatte, von Situationen, die ihm sehr nah gegangen sind, glaubt man ihm sofort, dass er nicht der geldsüchtige Todesengel ist, als den ihn die Medien so oft hingestellt haben.
Andererseits schreckt er vor keiner Provokation zurück. "Im Zweiten Weltkrieg haben wir (Schweizer) an der Grenze Juden abgewiesen, die später in KZs gestorben sind", erklärte er dem britischen Guardian, "jetzt zwingen wir Menschen, die ihr Leben in der Schweiz beenden möchten, weiterzuleben. Was ist grausamer?" Sagt dies der ehemalige Journalist, um die Menschen zum Nachdenken anzuregen oder um Schlagzeilen zu machen?
Dass das eidgenössische Parlament ein Gesetz verabschiedet, das die Sterbehilfe erschwert, glaubt Minelli nicht. "Exit" und "Dignitas" würden dann eine Volksabstimmung erzwingen. Fast drei Viertel der Schweizer sind laut einer Umfrage für die Beibehaltung der geltenden Gesetze, 56 Prozent würden selbst auch Sterbehilfe annehmen.
Und wie denkt Minelli über sein eigenes Lebensende? "Für mich ist der Tod nichts Schreckliches", sagt der streitbare Mann, der so viel Leute hat sterben sehen, "ich habe keine Angst vor ihm. Es ist einfach wieder der Zustand vor meiner Existenz. Und in der kurzen Zeit dazwischen will ich etwas hinterlassen haben."