Huch, was ist denn jetzt los? In Deutschland sind die Reallöhne fünf Jahre lang gesunken, obwohl die Wirtschaftsleistung kräftig gestiegen ist. Dann ist die Wirtschaft 2009 so stark eingebrochen wie seit den 1930er Jahren nicht mehr - und die realen Stundenlöhne der Beschäftigten sind um satte 2,5 Prozent gestiegen. Wie ist das möglich?
Zunächst mal ist festzuhalten: Inzwischen herrscht Konsens darüber, dass Arbeitnehmer hierzulande lange Zeit Lohnzurückhaltung geübt haben - und zwar stärker, als ihre Kollegen in anderen europäischen Ländern. Deshalb sind die Reallöhne, also die Einkünfte abzüglich des Preisanstiegs, gesunken.
Im Krisenjahr 2009 haben sich die Löhne höchst ungewöhnlich entwickelt. Je nach Betrachtungsweise ging es rauf oder runter.
Die Bruttolöhne pro Stunde sind um 2,9 Prozent gestiegen, berichtet das Statistische Bundesamt. Berücksichtigt man den Preisanstieg, blieb real ein Plus von 2,5 Prozent.
Die monatlichen Bruttolöhne je Arbeitnehmer sind dagegen um 0,4 Prozent gesunken, so die Statistikbehörde. Real betrug das Minus sogar 0,8 Prozent.
Der Hauptgrund für diese seltsame Entwicklung: Die Arbeitszeiten sind wegen der Krise stark gesunken. Das Kurzarbeitergeld ist in den Bruttolöhnen noch nicht enthalten.
Im jüngsten Aufschwung haben es die Gewerkschaften dann allmählich geschafft, den Arbeitgebern höhere Lohnabschlüsse abzuringen. In einigen Branchen wurden 2008 schon die Zuschläge für 2009 vereinbart. Auch die jüngsten Vereinbarungen waren noch ganz okay.
Das ist ein Grund für das Plus bei den realen Stundenlöhnen im vorigen Jahr. Hinzu kommt: Weil der Preisanstieg mit 0,4 Prozent extrem gering war, blieb real mehr übrig.
Die Monatsverdienste
Schaut man sich an, was Arbeitnehmer pro Monat verdient haben, sieht die Sache anders aus: Die monatlichen Bruttolöhne pro Kopf sind im vorigen Jahr real um 0,8 Prozent gesunken. Das zeigen Daten des Statistischen Bundesamts.
Der Grund: Die Arbeitszeiten sind stark gesunken, weil Betriebe Kurzarbeit gefahren und Arbeitszeitkonten abgebaut haben. Im Schnitt haben Beschäftigte drei Prozent weniger gearbeitet, heißt es beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.
In den Bruttolöhnen ist das Kurzarbeitergeld noch nicht enthalten. Diese Zuschüsse von insgesamt 4,7 Milliarden Euro haben die Einkünfte von mehr als einer Million Kurzarbeiter stabilisiert.
Unterm Strich kommt der Arbeitsmarktexperte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zu dem Schluss: "Die Lohnentwicklung hat dazu beigetragen, dass der private Konsum gestützt wurde."
Was 2010 zu erwarten ist
Und was ist im laufenden Jahr zu erwarten? Wirtschaftsforscher gehen davon aus, dass die Tarifabschlüsse wieder bescheidener ausfallen. Zu viel Bescheidenheit wäre allerdings schlecht für die Wirtschaft, warnt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger: "Nullrunden im öffentlichen Dienst oder eine flächendeckende Lohnsenkung würde den Aufschwung gefährden", sagt das Mitglied des Sachverständigenrats der Frankfurter Rundschau. "Denn dann könnte der private Konsum keinen positiven Wachstumsbeitrag leisten." Und genau davon würden zurzeit alle Prognosen ausgehen.
Der Arbeitsmarkt-Experte Brenke plädiert für eine mittelfristig ausgerichtete Lohnpolitik, die sich an der Inflation und der Produktivität orientiert. Im Schnitt seien Lohnzuschläge von zwei Prozent, vielleicht auch etwas mehr, verteilungsneutral. Damit sei gemeint: Wenn die Gehälter so stark steigen, ändert sich an der Verteilung der Gewinne und Löhne nichts.
Andere Wirtschaftsforscher plädieren vom Prinzip genauso wie Brenke, sie beziffern den Spielraum aber höher - etwa, weil sie die Zielinflationsrate der EZB von knapp unter zwei Prozent zugrunde legen. Sie kommen dann auf drei bis 3,5 Prozent.
Deutschland steht nach Brenkes Ansicht in Sachen internationale Wettbewerbsfähigkeit inzwischen relativ gut da. Deswegen spreche nichts gegen eine verteilungsneutrale Lohnpolitik.
Aber können sich Unternehmen solche Zuschläge zurzeit leisten? Brenke plädiert für eine differenzierte Betrachtung: Von der Krise betroffen sei vor allem die Exportindustrie. In anderen Branchen sei ein "verteilungsneutraler" Lohnzuschlag möglich. Dies gelte etwa für konsumnahe Dienstleistungen wie den Einzelhandel - oder die Hotellerie.