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Tarifkonflikte: Warum höhere Löhne dringend nötig sind

Fünf Prozent mehr Gehalt will die Gewerkschaft Verdi erstreiten. Eine obszöne Forderung? Keineswegs unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Ein Crash-Kurs von Robert von Heusinger

So weit ist es in der aktuellen Tarifrunde noch nicht - die Gewerkschaften rechnen aber mit harten Verhandlungen und bereiten einen Warnstreik vor.
So weit ist es in der aktuellen Tarifrunde noch nicht - die Gewerkschaften rechnen aber mit harten Verhandlungen und bereiten einen Warnstreik vor.
Foto: ddp

Das überrascht: Da nimmt der Reporter des seriösen Deutschlandfunks doch tatsächlich das Wörtchen "obszön" in den Mund. Und zwar, als er den Chef des Beamtenbundes, Peter Heesen, fragt, warum die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes gerade jetzt, mitten in der Krise, höhere Löhne verlangen.

Während fast alle um ihre Jobs zitterten, mächtige Gewerkschaften wie die IG Metall Beschäftigungssicherung als Hauptziel ausgäben, verlangten ausgerechnet jene, deren Jobs sicher seien, mehr Geld. Während die Staatsverschuldung neue Höchstmarken anpeile, sattelten die Staatsdiener weitere drauf.

Ganz schön obszön, nicht wahr? Mit Sicherheit nicht unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Ein Crash-Kurs: Mitten in der Wirtschaftskrise lautet das größte Risiko Deflation, also fallende Preise. Deflation ist deshalb so schlimm, weil die Volkswirte kein Gegengift kennen, im Gegensatz zur Inflation.

Derzeit übersteigt weltweit das Angebot von Gütern, Dienstleistungen und auch Arbeitskräften die Nachfrage. Deshalb herrscht ein kräftiger Druck auf alle Preise. Würden nicht Spekulanten die Rohölpreise nach oben treiben, sähe man das den Inflationsraten noch deutlicher an. Beginnen die Löhne zu fallen, ist die Deflation nicht mehr fern. Deshalb sind Lohnerhöhungen das volkswirtschaftliche Gebot der Stunde - zumindest für jene Branchen, die es sich leisten können.

Und da gehört der öffentliche Sektor dazu. Denn der Staat hat weiter die Aufgabe, die Wirtschaft zu stabilisieren, also für Nachfrage zu sorgen, wo wegen des Einbruchs bei den Exporten keine mehr ist. Lohnerhöhungen im öffentlichen Dienst sorgen auf jeden Fall kurzfristig für einen positiven Wachstumseffekt, so viel ist sicher. "Die Beschäftigung reagiert langsamer auf Lohnänderungen als in anderen Sektoren", sagt Dirk Schumacher, Volkswirt bei Goldman Sachs. Leisten kann sich das Deutschland allemal.

Die Bonität der Bundesrepublik ist an den Finanzmärkten noch über jeden Zweifel erhaben, die Schuldenquote im grünen Bereich. Das einzige Problem sind die durch die föderale Finanzverfassung finanziell ausgehungerten Gemeinden. Sie könnten bei Investitionen sparen und damit den positiven Wachstumseffekt durch die Lohnerhöhung schmälern.

Neben der kurzfristig hochriskanten Deflationsgefahr spricht noch ein zweites Argument für Lohnerhöhungen. Deutschland gehört global zu den Überschussländern, wie auch China. Das sind die Länder, die deutlich mehr produzieren als konsumieren. Sie schuften also für jene Länder, die auf Pump leben, wie die USA oder Spanien.

Dieses makroökonomische Ungleichgewicht beginnt sich aufzulösen. Amerikaner und Spanier konsumieren weniger, weil sie ihre Schulden abzutragen beginnen. Deutschland und China bleiben deshalb auf Waren sitzen. Während die Chinesen mit gewaltigen Konjunkturprogrammen der Gefahr Herr zu werden scheinen, tut sich Deutschland mit der Umstellung seiner Wirtschaft auf mehr Binnennachfrage noch deutlich schwerer. Das Exportmodell Deutschland, aufgebaut durch jahrelange Lohnzurückhaltung, ist noch intakt.

International steht Deutschland deshalb am Pranger. Es soll mittelfristig eine ausgeglichene Leistungsbilanz anstreben. Wie das geht? Das Gros der internationalen Ökonomen argumentiert genau wie die keynesianisch angehauchten hierzulande, etwa der Wirtschaftsweise Peter Bofinger: Die Binnennachfrage wird durch höhere Netto-Löhne gesteigert.

Die Konservativen, wie etwa Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, dagegen glauben, dass erst eine noch größere Lohnspreizung die Binnennachfrage ankurbele. Ihr Argument: Der Dienstleistungssektor sei in Deutschland deswegen zu klein, der Exportsektor zu groß, weil Schuhe putzen, Wäsche waschen oder Haare schneiden immer noch zu teuer seien, um als Jobmotor zu taugen.

Doch das Argument der Konservativen hat seit den Reformen der Agenda 2010 deutlich an Strahlkraft verloren. "An zu hohen Löhnen leidet Deutschland sicher nicht", glaubt dann auch Schumacher von Goldman Sachs.

Deshalb ist eine Lohnerhöhung im öffentlichen Dienst, wenn sie das Inflationsziel der Zentralbank in Höhe von 1,9 Prozent leicht übertrifft, alles andere als obszön. Sie ist dringend geboten.

Autor:  Robert von Heusinger
Datum:  13 | 1 | 2010
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