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21. Juni 2010

Transsexualität und Polizei: Mindestens ein Hoden

 Von Matthias Thieme
 Foto: iStock

Was es braucht, um in Hessen Polizist zu werden: Der Fall eines Bewerbers, der an einer eigentümlichen Vorschrift scheiterte. Das Verfassungsgericht soll klären, ob erst die richtigen Hormone einen Mann diensttauglich machen. Von Matthias Thieme

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Jedes Mal wenn Thomas Dahner (Name von der Redaktion geändert) eine Polizeistreife vorbeifahren sieht, zuckt er innerlich kurz zusammen. Nicht weil er sich vor Polizisten so fürchtet, sondern weil er brennend gern selbst einer wäre. Weil er es fast geschafft hätte. Weil er auf dem besten Wege war, ein hessischer Polizist zu werden. Wenn nicht ein Polizeiarzt plötzlich die Leistungsfähigkeit von Dahners Hoden zur Schicksalsfrage gemacht hätte, an der sein ganzer Berufstraum scheitern sollte. Eine absurde Geschichte aus der hessischen Realität, für Dahner eine bis heute nicht wieder gut gemachte Ungerechtigkeit und bald vielleicht sogar ein ernsthafter Streitfall für das Bundesverfassungsgericht.

Dahner kann es bis heute nicht begreifen. Wenn er irgendwo Polizisten sieht, regt er sich auf. Längst könnte er in diesem Auto sitzen, könnte er diese Uniform tragen, könnte er in Hessen für Recht und Ordnung sorgen. "Mich könnte man sofort losschicken", sagt Dahner. "Wahrscheinlich wäre ich sogar besser als die anderen." Die Voraussetzungen hat er längst erfüllt und an der Polizeischule Wiesbaden unter Beweis gestellt: Er kann sehr lange tauchen und behände klettern, ausdauernd schwimmen und schnell rennen, er kann präzise schießen, beherrscht mehrere Kampfsportarten, weiß, wie man Personen beschützt, Gebäude bewacht und kennt viele einschlägige Rechtsvorschriften auswendig.

Was braucht es, um in Hessen Polizist zu werden?
Was braucht es, um in Hessen Polizist zu werden?
 Foto: iStock

Als Dahner 2005 Polizist werden will, hat er sich bereits intensiv auf die Prüfungen vorbereitet. Er weiß: Das Auswahlverfahren für Polizeianwärter zieht sich tagelang hin. Dahner muss im Wendelauf hin und her rennen, die Ausbilder stoppen die Zeit. Beweglichkeit und Kraft werden getestet, er muss Rollenspiele und Intelligenztests absolvieren. Er legt Bescheinigungen der DLRG vor, wie lange er die Luft anhalten kann, Atteste von Augenärzten über seine Sehschärfe, er stemmt Gewichte und besteht im Weitsprung. Das Land Hessen will nur die Leistungsfähigsten im Polizeidienst haben. 1000 Punkte kann man erreichen, Dahner gibt alles, bekommt mehr als 900, gehört damit zu den Besten des Jahrgangs.

Seit langen Jahren der Normalzustand

Die Auswahlkommission gratuliert ihm, seine Einstellung in den Polizeidienst sei damit sicher. Nur eine Formalität fehle noch, die Untersuchung beim Polizeiarzt. Dahner geht wohlgemut zu dem Termin. Doch Polizeimediziner L. entgleisen nach der Untersuchung die Gesichtszüge, wie sich Dahner erinnert. "Er sagte, das ginge nicht, das hätte ich ihm gleich sagen müssen."

15 Jahre vor seiner Polizeibewerbung hatte Dahner eine operative Geschlechtsangleichung machen lassen, war körperlich und auch rechtlich von einer Frau zu einem Mann geworden. Er nimmt seitdem Hormone, hat eine tiefe Stimme, eine Glatze und einen künstlichen Penis. Für Dahner seit langen Jahren der Normalzustand.

Doch als der Polizeiarzt realisiert, dass er es mit einem transsexuellen Bewerber zu tun hat, beginnt er hektisch in seinem Vorschriftenbuch zu blättern. Dahner erinnert sich noch genau an die befremdliche Szene: Der Arzt erklärt ihm, ein männlicher Polizist in Deutschland müsse funktionstüchtige Hoden haben. Dahner antwortet: "Das habe ich aber noch nie gehabt." Wie das denn mit den Hormonen sei, will der Arzt wissen.

Er spritze sich Testosteron und habe seit 15 Jahren keine gesundheitlichen Probleme, antwortet Dahner. Doch der Arzt lässt nicht locker. Da könne es doch zu Schwankungen kommen, da könne man doch aggressiv werden, oder? Nein, er lebe seit vielen Jahren ohne Beschwerden, sagt Dahner. "Aber Sie können doch nicht ohne funktionsfähige Hoden als Polizist nach Afghanistan", spekuliert der Mediziner. "Stellen Sie sich vor, Sie liegen da in Afghanistan und ihr Testosteron geht ihnen aus, da werden Sie doch aggressiv!" Bislang habe er sein Hormon immer bekommen, sagt Dahner und erinnert den Arzt daran, dass auch Frauen zu Verhütungszwecken dauerhaft Hormone nehmen, zeigt ihm endokrinologische Gutachten seines Facharztes - doch es hilft alles nichts.

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