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08. April 2010

Zehn Jahre Babyklappe: Spätes Mutterglück

 Foto: Isadora Tast

Sarah verbirgt ihre Schwangerschaft. Nach der Geburt legt sie ihren Sohn in eine Babyklappe, er passt nicht in ihr Leben. Aber dann holt sie ihn zurück. Sebastian Gehrmann hat die junge Mutter getroffen.

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Babyklappen in Deutschland

Am 8. April 2000 öffnete in Hamburg die erste Babyklappe in Deutschland. Inzwischen gibt es rund 100 solcher Einrichtungen. Wie viele Kinder bundesweit in die Klappen gelegt wurden, zählt keine Statistik; Stand November 2009 ging die Bundesregierung von 143 Fällen aus. Informieren kann man sich über die bundesweite Notrufnummer 0800-4560789 oder im Internet: www.sternipark.de

60 Prozent der Frauen, die bei der Organisation Findelbaby Hilfe suchen, entscheiden sich für ihr Kind. Von den Frauen, die ihr Kind in eine Babyklappe legen, holen rund 30 Prozent ihr Kind innerhalb einer Acht-Wochen-Frist zurück.

Der Deutsche Ethikrat empfahl 2009, Babyklappen abzuschaffen, da sie das Grundrecht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft und auf Beziehung zu seinen Eltern verletzen. Befürworter der Babyklappe bestreiten dieses Recht nicht, argumentieren aber, ein Kind müsse zunächst gesund auf die Welt kommen, um dann nach seiner Herkunft fragen zu können.

Umstritten ist auch die achtwöchige Frist, in der Mütter sich für oder gegen das Kind entscheiden können, bevor es zur Adoption freigegeben wird. Kritiker dieser Frist berufen sich auf Paragraf 24 des Personenstandsgesetzes (PStG). Darin heißt es: "Wer ein neugeborenes Kind findet, muss dies spätestens am folgenden Tag der Gemeindebehörde anzeigen. Diese stellt die erforderlichen Ermittlungen an." Die Polizei würde nach der Mutter suchen.

Das Projekt Findelbaby indes beruft sich auf den Paragrafen 25 PstG, wonach Babyklappenkinder "Personen unbestimmten Personenstandes" sind und von den Müttern überlassen werden. In diesem Fall ermittelt die Polizei nicht. Eine Überlassung an einen Dritten ist nach dem Sozialgesetzbuch für eine Dauer von bis zu acht Wochen zulässig. Rechtssicherheit jedoch besteht nicht.

Der schwarz-gelbe Koalitionsvertrag sieht vor, die rechtlichen Grundlagen zu prüfen. Die Ergebnisse eine bundesweiten Studie zum Thema sollen im Sommer 2011 vorliegen. (geh)

Als sie keinen anderen Ausweg mehr sieht, geht sie die Stufen einer kleinen Treppe hinunter, in ihren Armen hält Sarah Soltau ihren Sohn Darren. Am Ende der Treppe ist eine Tür. Es ist früher Nachmittag, ihr Gesicht spiegelt sich im Glas der Tür. Sie sieht sich an und ist sich sicher. In der Mitte der Tür befindet sich eine Klappe, Sarah zieht an dem Griff, die Klappe öffnet sich.

Sie legt ihren schlafenden Sohn hinein, seine kleine Hand drückt sie in ein Stempelkissen, das neben ihm liegt, und danach auf ein Blatt Papier. Sie nimmt das Blatt, auf dem eine Telefonnummer steht, darunter Darrens Handabdruck, dann schließt sie die Klappe. Sie braucht jetzt Zeit. Sarah nimmt ihr Telefon und wählt die Nummer. Am anderen Ende meldet sich eine Frauenstimme, Sarah spricht kurz mit ihr, dann legt sie auf und geht.

Kümmert sich jetzt sehr um ihn: Sarah mit Darren.
Kümmert sich jetzt sehr um ihn: Sarah mit Darren.
 Foto: Isadora Tast

Es dauert keine zehn Minuten, dann kommt die Frau, mit der Sarah telefoniert hat, und holt Darren aus der Klappe.

Rückblick. Das Kind in ihrem Bauch ist so groß wie Sarahs Hand. Seine Organe sind vollständig ausgebildet, es kann mit den Augen blinzeln, die Stirn runzeln, es hört Geräusche, als Sarah "realisiert, dass sich in meinem Körper etwas verändert". Ihre Periode bleibt aus. Sie glaubt, es liege am Stress, aber es ist nicht der Stress. Sarah ist schwanger, seit vier Monaten schon, vielleicht seit fünf. Sie hat die Pille genommen, doch auf die Pille war so wenig Verlass wie auf Darrens Vater. Sarah ist nicht mehr mit ihm zusammen. Sie ist allein. Sie sollte mit ihrer Mutter reden, aber sie kann es nicht. "Ich wollte sie nicht enttäuschen", sagt Sarah. "Ich habe mich so geschämt."

Babyklappe.
Babyklappe.
 Foto: dpa

Sarah ist 18 Jahre alt, macht eine Ausbildung in einer Hamburger Bank und nun ist sie schwanger. Sie hat eine genaue Vorstellung davon, wie ihr Leben einmal verlaufen soll: "Schule, Ausbildung, Beruf, Familie". Sie nennt das ihr "Idealbild", aber ein Kind in der Ausbildung ist alles andere als ideal. Sie verdrängt die Schwangerschaft. An keinem einzigen Tag wird sie ihren Bauch streicheln, in Gedanken mit dem Baby reden. Ihr Bauch wird kaum wachsen, nicht wie bei Schwangeren, die ihn mit Stolz vor sich her tragen. Es ist ein medizinisches Rätsel, dessen Lösung tief in Sarahs Psyche liegt.

Niemand darf etwas merken. Nicht einmal sie selbst. Hat sie Bauchschmerzen, ist es eine Magenverstimmung, wächst der Bauch, hat sie zu viel gegessen. Für fast alles gibt es eine Ausrede. Was sie nicht erklären kann, verbirgt sie unter weiten Pullovern. Das Versteckspiel funktioniert "erstaunlich gut".

Sie verstrickt sich in immer abenteuerlichere Geschichten, in immer mehr Lügen. "Es war wie in einem Theaterstück", sagt Sarah. Sie führt glänzend Regie. "Doch was habe ich mein Leben verflucht." Es gibt in dieser Zeit nur einen einzigen Menschen, den sie nicht täuschen kann. Es ist ihr Chef. Sie gesteht ihm die Schwangerschaft, er setzt einen Auflösungsvertrag auf, es wäre das Beste, sagt er. Sarah ist naiv genug, zu unterschreiben. Während andere Frauen in den gleichen Umständen in Mutterschutz gehen, muss Sarah in den letzten Wochen vor Darrens Geburt nicht nur so tun, als wäre sie nicht schwanger, sondern auch, als hätte sie Arbeit.

Es sind nur noch wenige Tage. Sarah spürt das, gerät in Panik und tippt das Wort "Babyklappe" in eine Internetsuchmaschine. In der Trefferliste taucht der eingetragene Verein Sternipark und sein bundesweites Projekt Findelbaby auf. Sarah schreibt eine E-Mail, "ich wusste, mein Zeitfenster schließt sich". Die Antwort kommt prompt: "Mach Dir keine Sorgen. Wir werden uns um Dich kümmern." Am Ende steht eine Adresse.

Ihrer Mutter sagt Sarah, sie mache mit einer Freundin ein paar Tage Urlaub. Dann fährt die junge Frau allein nach Satrup, in die Nähe von Flensburg. Sternipark betreibt dort in einem alten Gutshof eine Mutter-Kind-Einrichtung und Findelbaby betreut darin Frauen wie Sarah. Sie können nach Satrup kommen, ein Zimmer beziehen, die Geburt vorbereiten, ihr Kind kriegen. Innerhalb von acht Wochen nach der Geburt muss sich die Mutter entscheiden - für oder gegen das Kind. In dieser Zeit lebt es meist in einer Pflegefamilie. Ist die Frist abgelaufen, wird es zur Adoption freigegeben.

Die Fruchtblase platzt zuhause

"Wenn sich eine Hochschwangere in den Zug setzt und zu wildfremden Menschen aufs Land fährt, erkennt man, wie groß ihre Not ist", sagt Leila Moysich, 30, die das Projekt Findelbaby leitet. Vor elf Jahren ist das Projekt gegründet worden. Fünf Kinder waren zuvor in Hamburg ausgesetzt worden. Drei starben, eines davon wird auf dem Förderband einer Recyclinganlage entdeckt. "Wir wollten Leben retten", sagt Moysich, "wenigstens ein einziges."

Am 20. Dezember 1999 richtet Findelbaby eine Notrufnummer für Schwangere ein. Im Januar meldet sich die erste Mutter und übergibt die kleine Anna auf einem Parkplatz im Hamburger Süden, von Autotür zu Autotür, wie in einem Krimi. Am 8. April 2000 wird die erste deutsche Babyklappe eingeweiht, sechs Wochen später liegt darin Ronja. Seitdem haben über 400 Frauen mit Hilfe von Findelbaby und nicht selten anonym ihr Kind zur Welt gebracht. 38 Babys lagen allein in den zwei Hamburger Babyklappen.

Sternipark ist ein anerkannter freier Träger der Jugendhilfe, 20 Jahre Erfahrung, zwölf Kindertagesstätten allein in Hamburg. Seit es die Babyklappen gibt, führen Befürworter und Gegner eine leidenschaftliche Diskussion. "Wir haben nie gesagt, wir verhindern alle Aussetzungen und Kindstötungen", sagt Leila Moysich. "Das wäre utopisch." Aber seit zehn Jahren wurde kein Kind mehr in Hamburg ausgesetzt.

Doch spätestens seit sich der Deutsche Ethikrat 2009 für die Schließung von Babyklappen aussprach, schwindet die öffentliche Unterstützung. Spendengelder werden weniger, der Verein Sternipark muss seinem Projekt Findelbaby Jahr für Jahr aus den roten Zahlen helfen. "Wir haben kein Problem damit, dieses Modellprojekt für eine wissenschaftliche Analyse zu öffnen", sagt Leila Moysich, man hört, dass sie solche Sätze öfter sagt. Sie hat gelernt, sich zu verteidigen.

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