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12. September 2012

«Hannah Arendt» begeistert in Toronto

Barbara Sukowa (l) und Margarethe von Trotta zeigen «Hannah Arendt» in Toronto. Foto: Warren Toda 

Ihr Begriff von der «Banalität des Bösen» prägte die Erinnerung an den Prozess gegen Adolf Eichmann, löste Wut, Hass ...

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Toronto. Ihr Begriff von der «Banalität des Bösen» prägte die Erinnerung an den Prozess gegen Adolf Eichmann, löste Wut, Hass und Unverständnis aus. Doch wer war Hannah Arendt (1906-1975) wirklich? Arrogant und ignorant wie sie von ihren Kritikern oft bezeichnet wurde?

Was steckte hinter der Fassade der nach außen so selbstsicheren Philosophin? Margarethe von Trottas (70) neuer Film «Hannah Arendt» schafft es einfühlsam das Innenleben einer Denkerin darzustellen, ohne dabei in Kitsch oder Rührseligkeit abzurutschen. Die Weltpremiere des Streifens wurde beim 37. Toronto International Film Festival (TIFF) am Dienstagabend stürmisch gefeiert.

Von Trottas Drama ist großes Kino: echt, bewegend und voller Bewunderung für eine Frau, die ihren Weg ging und fest an die eigenen Werte glaubte. Der deutsche Kinostart ist für den 17. Januar angekündigt.

Von Trotta, bereits zum sechsten Mal beim TIFF dabei, war sichtlich gerührt von der Reaktion des Publikums. «Es war mein schwierigster Film und einer meiner wichtigsten», gestand die Regisseurin, bevor sie sich bei ihrer «"Schwester", Freundin, meiner allerliebsten Schauspielerin Barbara Sukowa» bedankte. Ohne sie wäre «Hannah Arendt» nicht zustande gekommen, sagte von Trotta.

Sukowa ist es, die der Philosophin menschliche Tiefe gibt und zeigt: Jene sarkastische Frau, die von Büchern und Manuskripten umgeben ist und von Studenten angehimmelt wird, trägt Dunkles mit sich herum. Die Abgründe werden behutsam aufgedeckt, in den stillen Momenten des Filmes, in denen Arendt sinnierend an einem Glas Wein nippt oder sich mit ihrem Mann Heinrich an ihre Flucht aus Deutschland und dem französischen Internierungslager erinnert. Sukowas Mimik ist so vielschichtig wie Arendts Gedankenwelt. «Das war die größte Herausforderung für mich. Eine Denkerin zu spielen, und ohne Worte viel zu sagen», sagte Sukowa.

Kaum trifft sie auf Freunde, wie die mit Janet McTeer perfekt besetzte Mary McCarthy, ist wieder die Intellektuelle da, stets bereit für eine Diskussion. Zu denen kommt es immer wieder als Arendt beschließt, für den Prozess gegen Adolf Eichmann, einen zentral Mitverantwortlichen des Holocaust, nach Israel zu reisen. Ihre Berichte zeigen bald, dass sie Eichmann nicht für ein Monster hielt, sondern für einen Schreibtischtäter.

Unter die Haut gehen vor allem die Szenen im Gerichtssaal, in die schwarz-weiße Originalaufnahmen des echten Eichmann-Prozesses eingestreut werden. «Wir haben uns bewusst dafür entschieden, Eichmann nicht von einem Schauspieler darstellen zu lassen», erklärte von Trotta in Toronto. «Nur so kann der Zuschauer - wie Arendt früher - die Mittelmäßigkeit Eichmanns spüren und begreifen, was sie sah», so die Regisseurin.

Eichmann sei der Bürokrat eines totalitären Staates gewesen, schrieb Arendt als Prozessreporterin für das US-Magazin «The New Yorker» aus Jerusalem. Er habe ohne ideologischen Eifer gehandelt und sei kein fanatischer Antisemit gewesen. Arendt sprach «von der furchtbaren "Banalität des Bösen", vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert». Mit ihren Worten löste die Autorin eine Welle der Empörung aus, ihre Ansichten wurden geächtet und angefeindet. Jüdische Organisationen sahen in ihrer Darstellung eine Verharmlosung des Holocaust.

Die Philosophin blieb ihrer These treu, auch nachdem sich enge Freunde von ihr abwendeten. Sukowas Arendt versucht sich zu erklären, redet aber gegen Wände. Wenn sie alleine ist, verdeutlichen der rasche Griff zur nächsten Zigarette und der unruhige Blick ihrer melancholischen Augen inneren Aufruhr und Einsamkeit.

«Mit ihrem Denken zu verschmelzen hat lange gedauert. Am Anfang legten wir noch Wert darauf, sie so genau wie möglich zu verkörpern», sagte Sukowa. Bis irgendwann klar gewesen sei, dass es nicht darauf ankomme, Arendts Aussehen, Gang oder Stimme zu kopieren. «Es geht darum, ihre Gedanken, ihre Ängste und Schwächen zu sehen, die Seite, die man nicht kannte.» (dpa)

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