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"Hugo Cabret": Ben Kingsley: Ein echter Sir

Ben Kingsley am 29. Januar in Los Angeles bei den Annual Screen Actors Guild Awards.
Ben Kingsley am 29. Januar in Los Angeles bei den Annual Screen Actors Guild Awards.
Foto: AFP/Kevin Winter

Der britische Schauspieler Ben Kingsley spricht im Interview über seine Rolle als "George Meliès" in "Hugo Cabret. Außerdem erzählt er über seine Schauspielmethoden, die Arbeit mit Kindern und 3D-Kameras.

Nach vielen Jahren auf den Theaterbühnen seiner britischen Heimat spielte Ben Kingsley 1982 in „Gandhi“ seine erste große Filmrolle – und würde für die Darstellung des legendären Friedensaktivisten prompt mit dem Oscar ausgezeichnet. Seither hat der rastlose Schauspieler sich dem Kino verschrieben. Derzeit spielt er den legendären Filmemacher George Méliès in „Hugo Cabret“, seinem zweiten Film mit Martin Scorsese. Wir trafen den 68-Jährigen, der sich stets mit seinem Adelstitel anreden lässt, zum Interview.

Sir Ben Kingsley, Sie spielen in „Hugo Cabret“ einen Visionär des Kinos. Wie bereitet man sich darauf vor?

Zur Person

Sir Ben Kingsley wurde 1943 in Yorkshire als Krishna Bhanji geboren. 1966 hatte er sein Theaterdebüt in London, sein Durchbruch im Kino kam 1982 mit dem Film „Gandhi“. Seither war er in unterschiedlichen Filmen wie „Schindlers Liste“ oder „Oliver Twist“ zu sehen.
Der Sohn eines Arztes indischer Abstammung und einer Mutter, die Model und Schauspielerin war, war viermal verheiratet und hat vier Kinder. Er ist derzeit im Kino in Martin Scorseses Film „Hugo Cabret“ zu sehen, wo er den Filmemacher George Méliès verkörpert.

Eigentlich musste ich nicht viel recherchieren, ich hatte Méliès die ganze Zeit vor Augen. Im übertragenen Sinn, für mich war Martin Scorsese das ideale Vorbild. Auch er ist am glücklichsten und am kreativsten solange er hinter der Kamera am Set steht und sich seiner Leidenschaft für den Film hingeben kann.

Also eine Traumrolle?
Ich finde es immer enorm spannend, Künstler zu spielen. Méliès’ Geschichte ist besonders inspirierend. Dieser Mann hatte eine solche Freude, wenn er seine Filme drehte. Eines Tages war er gezwungen, alles aufzugeben und verlor seinen Lebensmittelpunkt. Doch am Ende findet er zu seiner Kunst und seinem Glück zurück.

Im Film wirken Sie, mit Verlaub, viel älter als in Wirklichkeit...
Selbstverständlich, Méliès war in dieser Phase seines Lebens älter als ich es bin. Der Schauspieler durfte wiederum nicht zu alt sein, er musste ja auch die jüngeren Jahre des Regisseurs verkörpern. Beides empfand ich darstellerisch nicht als schwierig. Eine Herausforderung war für mich seine Gebrochenheit, die innerliche Zerstörung, die er erlitten hatte. Das hat mich mitgenommen.

Wie sehr haben Sie sich in ihn hineinversetzt? Haben Sie sich vorgestellt, wie es wäre, wenn Sie gezwungen wären, Ihre Kunst aufzugeben?
Das konnte ich nicht. Und wollte es nicht. Das war mir zu persönlich. Ich bin nicht er, er ist nicht ich. Als Schauspieler braucht man Objektivität, die nicht ins Subjektive umschlagen darf. Trauer, Verlust, Furcht – diese Emotionen kann man spielen, aber man darf nicht seine eigenen Erfahrungen mit ins Spiel bringen. Wenn diese Grenzen verwischen, kann das fatale Folgen haben.

Aber machen nicht viele Ihrer Kollegen genau das, um sich in eine Figur einzufühlen?
Vermutlich. Jeder von uns hat seine eigenen Methoden. Ich würde so nie arbeiten und mein emotionales Gedächtnis anzapfen.

Klingt alles nicht so, als würden Sie sich eines Tages freiwillig aufs Altenteil zurückziehen.
Mache ich auch nicht. Man müsste mich schon erschießen, damit ich mit der Schauspielerei aufhöre.

Sie haben mit „Hugo Cabret“ Ihren ersten 3D-Film gedreht...
In der Tat. Diese Technik macht wirklich einen Unterschied, auch für uns Schauspieler. Man muss meiner Meinung nach sein Spiel viel mehr als sonst von allen Manierismen und jeglichem Schnickschnack befreien. Diese 3D-Kamera hat etwas von einem Röntgengerät, so scharf ist ihr Blick. Deswegen ist Schauspielerei in ihrer pursten Form von Nöten, was ich nicht immer einfach fand. Aber es schärft den Blick auf die eigene Arbeit. Genau wie die Arbeit mit unserem jungen Hauptdarsteller Asa Butterfield.

Warum das?
Weil er als Kind etwas Pures und Reines mit ans Set bringt. Kinder reagieren vor der Kamera in der Regel ganz intuitiv, er hat keine Technik, auf die er sich verlässt. Daran muss man sich anpassen, sonst funktioniert das nicht.

Sagt man nicht immer, die Arbeit mit Kindern sei schwierig?
Ich kann guten Gewissens sagen, dass das totaler Unfug ist. Ich liebe es, mit Kindern zu arbeiten.

Erinnern Sie sich noch daran, welcher Film der erste war, den Sie im Kino gesehen haben?
Es war eine britische Produktion namens „The Small Miracle“. Der Film spielte in Italien der Nachkriegszeit und handelte von einem Waisenjungen, der in einem kleinen Dorf seinem geliebten Esel das Leben rettet. Mit diesem Jungen habe ich mich stark identifiziert. Vermutlich war das der Moment, an dem ich entschieden habe, Schauspieler zu werden. Es war kein Kinderfilm, sondern ein Film über ein Kind, so wie „Oliver Twist“ oder „Hugo Cabret“.

Wo Sie gerade mit „Oliver Twist“ einen weiteren Ihrer Filme erwähnen: Blicken Sie gerne zurück auf Ihre früheren Arbeiten?
Ich liebe die Filme, die ich gedreht habe, und sehe sie mir auch immer wieder gerne an. Mir gefällt diese Chronologie, die ich an ihnen ablesen kann. Denn einen solch nachvollziehbaren Verlauf habe ich nur in meiner Karriere, nicht in meinem Privatleben. Das verlief immer sehr viel sprunghafter und alles andere als chronologisch. Allerdings mache ich natürlich auch keinen Hehl daraus, dass ich auch ein paar schlechte Filme gedreht habe, die ich mir nicht noch einmal angucken würde. Aber ich verrate Ihnen nicht, welche das sind.

Sie haben schon mit zahlreichen großen Filmemachern zusammengearbeitet. Fehlt Ihnen noch jemand, für den Sie gerne vor der Kamera stehen würden?
Das hoffe ich sehr! Aber in der Regel weiß man das nicht vorher, sondern erst wenn man diese Menschen kennenlernt. Von Jonathan Glazer etwa, in dessen Regiedebüt „Sexy Beast“ ich mitgespielt habe, hatte ich vorher natürlich noch nie etwas gehört. Die Arbeit mit ihm war dann allerdings eine der besten Erfahrungen meines Lebens. Also konnte ich erst im Rückblick sagen, dass er auf meiner Liste gefehlt hatte. Ich würde mich sehr freuen, wenn irgendwo da draußen noch viel mehr junge Männer und Frauen sind, die mich so überraschen werden.

Das Interview führte Patrick Heidmann.

Datum:  14 | 2 | 2012
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