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28. Oktober 2011

125 Jahre Freiheitsstatue: Einsame Kämpferin

 Von Sebastian Moll
Stolz im Hafen von New York: Die Freiheitsstatue. Foto: dapd

Vor 125 Jahren wurde die Freiheitsstatue in New York eingeweiht. Inzwischen wird sie von den Wolkenkratzern Manhattans weit in den Schatten gestellt - doch vor allem ihre Botschaft wird oft nicht verstanden.

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Das Gedicht der Heimatlosen

Das Sonett „The New Colossus“ von Emma Lazarus hat den New Yorkern geholfen, die Bedeutung der Freiheitsstatue zu verstehen. Sie verfasste das Werk als ihren Beitrag zu einer Kunstsammlung, die Geld für den Bau des Podests der Freiheitsstatue in New York sammeln sollte.

Emma Lazarus kam 1849 in New York zur Welt und starb im November 1887 in der Metropole. Die Dichterin wurde als Kind von Privatlehrern unterrichtet, unter anderem in amerikanischer und europäischer Literatur.

Eine Bronzetafel mit dem Gedicht befand sich ursprünglich außen am Podest der Freiheitsstatue und wird jetzt im Museum innerhalb des Podests gezeigt.

Der letzte Absatz des Gedichts:

„Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,
den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
hoch halt’ ich mein Licht am gold’nen Tore!“

Wenn Lady Liberty heute von ihrem Felsen in der New Yorker Bucht aus auf Manhattan schaut, dann wird ihr wahrscheinlich ein wenig mulmig. Daran, dass sie sich einer bedrohlichen Phalanx von Wolkenkratzern unmittelbar gegenüber sieht, die sie um das Dreifache überragen, hat sie sich mittlerweile bestimmt gewöhnt. Das ist ja schon so seit den 20er-Jahren.

Aber nun kommt ein Ungetüm hinzu, dass der Dame einen Schrecken einjagen könnte. Der Freedom Tower wird, wenn er in zwei Jahren fertig ist, fast 600 Meter hoch sein, gut sechsmal höher als die Fackel der Freiheit, die Lady Liberty noch immer wacker in den New Yorker Himmel reckt.

Gesicherte Touristenattraktion

Schlimmer noch als die Wucht des Freedom Tower ist für Lady Liberty allerdings, dass der neue Turm ihr den Rang streitig machen will, den sie seit ihrer Einweihung am 29. Oktober vor 125 Jahren innehat. Der Freedom Tower soll in Zukunft im New Yorker Hafen die Freiheit und die unbegrenzten Möglichkeiten symbolisieren, die das Land verspricht.

Von Freiheit war allerdings wenig zu spüren, als vor zehn Jahren keine zwei Kilometer entfernt die Zwillingstürme weggesprengt wurden. Die Stadtoberen fürchteten damals um die Statue, machten die Aussichtsplattform dicht und ließen sie rund um die Uhr von der Wasserpolizei bewachen. Die Terroristen, so glaubten damals viele, hassen Amerika und alles wofür es steht – und da wäre die Freiheitsstatue nur das logische nächste Ziel gewesen.

Die Ängste haben sich nicht bewahrheitet. Die Freiheitsstatue ist schon lange wieder geöffnet und mit rund 15.000 Besuchern pro Tag die beliebteste Touristenattraktion der Stadt. Man hat das Gefühl, dass man nicht richtig in New York gewesen ist, wenn man nicht an der Freiheitsstatue war.

Dabei wusste New York am Anfang gar nicht so arg viel mit der Liberty Statue anzufangen. Mehr als ein Jahr lang lag sie zerteilt und in Kisten verpackt im New Yorker Hafen herum, weil ausgerechnet in der Hauptstadt des gerade erst entstehenden Weltkapitalismus nicht genügend Geld für den Sockel aufzutreiben war. Zeitungsverleger Joseph Pulitzer rief die New Yorker dann zu Spenden auf und sammelte innerhalb von fünf Monaten 100.000 Dollar – zumeist in Kleinspenden von einfachen Bürgern. Doch so richtig ans Herz wuchs die Freiheitsstatue den New Yorkern erst später.

Zwölf Millionen Einwanderer

1903 wurde an den Sockel, den die New Yorker Bürger bezahlt hatten, eine Plakette mit einem Gedicht angeschraubt. Es waren die Zeilen der New Yorker Jüdin Emma Lazarus, die sie zur Eröffnung der Statue 17 Jahre zuvor verfasst hatte. Die Enkelin portugiesischer Juden hatte darin Lady Liberty zur „Mutter aller Vertriebenen“ erklärt, welche die „Müden, die Armen, die geknechteten Massen“ mit offenen Armen in der neuen Welt willkommen heißt und ihnen ihr „Licht am goldnen Tore hoch hält“.

So konnten die New Yorker mit Lady Liberty etwas anfangen – als Gesicht einer Stadt und einer Nation, welche die Ausgestoßenen aus aller Welt mit offenen Armen empfängt und ihnen eine Chance auf ein neues Leben bietet. Und insbesondere in den folgenden Jahren bis 1917, als die Zuwanderung in die USA erstmals stark reglementiert wurde, war sie die Schutzheilige der Einwanderer.

Mittlerweile kommt im New Yorker Hafen kein Einwanderer mehr per Schiff an, es sei denn illegal in einem Container von Menschenhändlern transportiert. Die USA wissen heute nicht mehr, was sie mit ihren Immigranten anfangen sollen. Mindestens zwölf Millionen leben illegal im Land, ein neues Gesetz zur Regulierung der Einwanderung hängt seit Jahren im paralysierten Parlament. Die USA können sich nicht entscheiden, ob sie noch eine Einwanderernation sind oder nicht.

Und auch die Freiheit, die Lady Liberty einst versprach, ist dubios geworden. In seinem Roman Leviathan lässt Paul Auster seine Hauptfigur, den frustrierten Schriftsteller Benjamin Sachs, Repliken der Freiheitsstatue in den ganzen USA in die Luft sprengen. Es ist der Schmerz des enttäuschten Traums, der sich an seinem Symbol Luft macht.

Die originale Lady Liberty steht noch immer aufrecht im New Yorker Hafen. Wassertaxis und Fähren umschwirren sie, Hubschrauber brummen um ihre Krone herum. Sie wirkt etwas verloren, so, als wisse sie nicht mehr so recht, wie sie hier dazu passt und was sie hier noch soll. Und trotzdem hält sie wie und je der Welt ihr Licht entgegen.

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