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20. Dezember 2012

70. Geburtstag von Reinhard Mey: Reinhard Mey - der gute 68er

 Von Elmar Kraushaar
Reinhard Mey unterhält sein Publikum seit mehr als vierzig Jahren mit Geschichten. Foto: dpa

Reinhard Mey wird 70. Vorher hat er sein berühmtes Wolkenlied in einen Baumarkt voller Männer verlegt.

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Reinhard Mey wird 70. Vorher hat er sein berühmtes Wolkenlied in einen Baumarkt voller Männer verlegt.

Als Stefan Raab am vergangenen Sonnabend in seiner „Schlag den Raab“-Show wieder einmal gegen einen Unbekannten antrat, war neben allerlei körperlicher Ertüchtigung auch das Gedächtnis gefragt: Wer nennt die meisten Substantive aus Reinhard Meys „Über den Wolken“? Soweit hat es der Sänger gebracht, sein größter Erfolg gehört inzwischen zum Quiz-Repertoire der populären Unterhaltung. Übrigens, 25 Substantive zählt das Lied, von „Freiheit“ über „Motoren“ bis hin zur „Luftaufsichtsbaracke“, und diese Fülle der Worte auf gerade mal drei Minuten führt direkt zum anhaltenden Erfolg des Sängers: Gute Geschichten erzählen.

Denn Geschichten sind es, mit denen Reinhard Mey seit mehr als vierzig Jahren sein Publikum unterhält, Geschichten über die großen und kleinen Dinge des Lebens wie Liebe, Kinder und Familie, Alltag und Politik, Lächerliches und Komisches. Alles aus seinem Leben gegriffen oder aus einem Leben, das ein anderer so oder ähnlich lebt. Seine erste Frau kommt in seinen Liedern vor und seine zweite, der Flugschein und die Nachbarn, die Empörung über Krieg und Gewalt.

Er lobt den Klempnerberuf, wettert gegen Casting-Shows, kritisiert den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan, und auf seinem vorerst letzten Studioalbum „Mairegen“ von 2010 widmet er „Drachenblut“ seinem Sohn Maximilian, der seit 2009 infolge einer verschleppten Lungenentzündung im Wachkoma liegt. „Lieder sind meine Chronik“, schreibt Mey im Begleitheft zu „Mairegen“, „Sie sind Erlebtes und Erdachtes, aus Hoffnungen und Ängsten entstanden, aus Beobachtungen, Glück und Unglück gemacht.“

Deshalb gehört Reinhard Mey zu denen, die sie in Italien Cantautori nennen, Singer/Songwriter im Angelsächsischen und Auteurs-Compositeurs-Interprètes in Frankreich. Nur im Deutschen gilt das doofe Wort vom Liedermacher – als genüge ein angehängtes Hilfsverb, das besondere Talent zu beschreiben. Diese Kunstfertigkeit hat sich Mey, der 1963 das Abitur am Französischen Gymnasium in Berlin absolvierte, abgeguckt von seinen Vorbildern Jacques Brel, Georges Brassens und Leo Ferré.

"Ich glaube, ich bin der gute 68er"

Die Studentenrevolte von 1968 erlebte er gleichermaßen in Paris und Berlin, und hätte so gut dazu gepasst mit seinen wachen Liedern, immer nur mit der Gitarre begleitet. Doch die Linken mochten ihn nicht, machten sich nur lustig über die vermeintliche Idylle in seinen Texten. „Kleinkarierte Schlagermusik“ urteilten sie, nannten ihn einen „nichtssagenden Schnurrenerzähler“ oder „Heintje für geistig Höhergestellte“. „Wenn man 1971 eine goldene Schallplatte bekam, war eben klar, dass man nur ein kommerzielles Schwein sein konnte“, kommentierte Mey Jahrzehnte später in der Zeit die Fronten von einst. Und sagt trotz allem noch 2011 von sich: „Ich glaube, ich bin der gute 68er.“

Aber das große Publikum liebte ihn. Jene, die eine Alternative suchten zu einfältigen Schlagertexten, die eine neue Bürgerlichkeit lebten jenseits von Spießertum und Ignoranz, die Ruhigen im Land, die aber wissen, wann es Zeit ist, sich zu wehren. Sie besuchen heute noch seine Konzerte und kaufen seine Alben.

Und Reinhard Mey ist fleißig, fast im Zweijahresrhythmus erscheint eine neue Platte, 25 sind es inzwischen, dazu 13 Mitschnitte von Live-Konzerten und diverse Best-Of-Zusammenstellungen. Aber auch in Frankreich, wo er – wegen der besseren Aussprache – Frédérik Mey heißt, hat er seine Aufgaben gemacht, sieben Alben und zwei Live-LPs seit 1968, dazu Tourneen durchs ganze Land und Auftritte auf den legendären Pariser Konzertbühnen Olympia und Bobino. Und in den Niederlanden hat er sich auf Flämisch versucht und dafür die einzige Doppel-Platinauszeichnung seiner Karriere bekommen.

Nie weggezogen aus Frohnau

Der Erfolg hat den Berliner, der nie weggezogen ist aus Frohnau, selbstbewusst gemacht, ganz ohne Arroganz und Überheblichkeit. So selbstbewusst, dass er auch mal Nein sagt, wenn es notwendig wird. Wie 1996, als er beim Bayerischen Rundfunk einen Moderatorenjob hinschmiss, weil er sein Lied „Sei wachsam“ mit der Kritik an Politik und Kirche nicht mehr spielen durfte. Oder 1999, als er für den „Echo“ nominiert wurde in der Kategorie Schlager/ Volksmusik – und diese Nominierung ausschlug. Oder 2002, als er anwaltlich die „Verbreitung von Informationen zu seiner Person“ im Internet untersagte. Oder wenn er Anfragen bekommt, aus seinen Liedern lukrative Karaoke-Versionen oder Klingeltöne zu machen.

Aber lachen über sich, das kann er auch. Wie bei seiner ganz neuen Version von „Über den Wolken“: „Männer, im Baumarkt / muss die Freiheit wohl grenzenlos sein! / Alle Nägel, alle Schrauben sagt man, / man muss ganz fest dran glauben und dann / würde, was uns klein und wacklig erscheint, / riesengroß – und bricht ein.“

Dass Reinhard Mey jetzt siebzig wird, will ihm nicht viel bedeuten. „Ein Uhrzeiger, der eine Ziffer weiter springt, das ist alles“, lässt er seine Fans auf seiner Homepage wissen. Und klärt, wonach ihm nicht ist am heutigen Tag: „Keine Mega-Party, kein Aufriss, kein Fernsehen, kein Radio, keine Interviews. Ich habe euch mein Leben in meinen Liedern erzählt, ihr wisst alles von mir. Ich will unsere kostbare Zeit nicht mit Wiederholungen vergeuden, ich möchte in Ruhe schreiben.“

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