Ein Mann von 67 Jahren, der einen Hilferuf nie überhört, aber Hilfe für sich selbst stets als Zeichen von Schwäche gedeutet hat, wird in Zukunft sehr viel Hilfe brauchen. Von Tag zu Tag mehr, bis an sein Lebensende, das mit einer Diagnose, mit einer unbarmherzigen Gewissheit so viel näher gekommen ist. Ein Mann von 67 Jahren, für den Schicksal immer eine durch das eigene Handeln beeinflussbare Größe war, muss in Zukunft damit klarkommen, dass sein Schicksal nun von einer unheilbaren Krankheit bestimmt wird.
Ein Mann von 67 Jahren, der sich ob seiner über Jahrzehnte hinweg uneingeschränkten Lebenskraft wiederholt über sein Geburtsdatum wunderte, wird in Zukunft ohne Hoffnung auf Besserung mit den Schwächen des Alters konfrontiert. Mit den Konzentrationsmängeln. Mit den Orientierungsproblemen. Mit den Sprachstörungen. Mit der Inkontinenz. Aber vor allen Dingen mit der Vergesslichkeit. Dieser Mann von 67 Jahren heißt Rudi Assauer.
Ein letztes Mal Tacheles
Rudi Assauer, der erfolgreiche Fußballmanager, der Pate des Revierklubs FC Schalke 04, der Macher aus dem Pott, der Macho aus der Bierwerbung, der Mann, der mal mit der Schauspielerin Simone Thomalla eine große Liebe gelebt hat, ist an Alzheimer erkrankt. Eine Volkskrankheit, welche die Lebensqualität und die Lebenserwartung drastisch schmälert, die Schätzungen zufolge im Jahr 2030 etwa 2,5 Millionen Deutsche betreffen wird.
Spätestens seit gestern, als die Bild-Zeitung und die Münchner Abendzeitung mit Assauers Leid titelten, ist das bekannt. Er wollte das so, seine Familie wollte das so. Nicht verstecken, noch einmal in die Offensive gehen, wie er erklärte. Und das am besten gleich mit einer Autobiografie, die er zusammen mit dem Münchner Sportjournalisten Patrick Strasser verfasst hat und die ab dem 6. Februar erhältlich sein wird. „Rudi Assauer. Wie ausgewechselt – verblassende Erinnerungen an mein Leben“, lautet der Titel.
Nichts will er darin beschönigen, noch ein letztes Mal Tacheles reden, so wie man ihn kannte. Noch ein letztes Mal das Innere nach außen stülpen, noch einmal dem exhibitionistischen Drang folgen, noch einmal Thema sein. Und so ist dort Folgendes zu lesen: „Wenn es eine Sache in meinem Leben gibt, vor der ich immer Angst hatte, so richtig Schiss auf gut Deutsch, dann Alzheimer. Bloß nicht diese Nummer. Bloß nicht dement werden im Alter, das schwirrte mir oft im Kopf herum (…) Es gibt künstliche Knie, neue Hüftgelenke, andere freuen sich des Lebens mit einem Herzschrittmacher, aber der Kopf, die Birne. Schlimmer geht’s nicht.“
Rudi Assauer weiß, was ihn erwartet. In seiner Familie gibt es offensichtlich eine Alzheimer-Disposition. Die Mutter litt. Der Bruder, mittlerweile 80 Jahre alt, leidet in einem Pflegeheim. So sehr, dass Rudi Assauer über Jahre hinweg nicht zum Besuch fähig war. Assauer ahnt, dass diese Krankheit sein Selbstverständnis, ja das Bild, das er von sich gemacht hat, zerstören wird. Das Bild vom ganzen Kerl, schlagfertig, potent.
Rudi Assauer wurde 1944 geboren und begann mit acht Jahren seine Fußball-Karriere. 1964 engagierte Borussia Dortmund den Abwehrspieler. Zwei Jahre später holte er mit dem Verein erstmals den Europapokal nach Deutschland. 1970 wechselte Assauer zu Werder Bremen, wo er 1976 Manager wurde. Später managte er Schalke 04.
Neben homophoben Bemerkungen machte Assauer durch seine Beziehung zu der Schauspielerin Simone Thomalla von sich reden. 2006 erhielten die beiden die „Goldenen Kamera“ für einen Werbespot der Bier-Firma Veltins, in dem er mit dem Satz „Hol ma’ Bier!“ – „Is keins mehr da!“ seinem Macho-Image gerecht wurde.
Wer mit der Geschichte der Bundesliga, mit ihren Helden und Anti-Helden vertraut ist, kennt Assauers markige Sprüche („Das Wort 'mental' gab es zu meiner Zeit als Spieler gar nicht. Nur eine Zahnpasta, die so ähnlich hieß“), kennt aber auch seine unverwechselbaren Zeichen.
Da gibt es die Rose, die er, nachdem man ihn 1974 als Spieler von Borussia Dortmund zum schönsten Profi der Bundesliga gewählt hatte, bei einem Foto-Shooting in Händen hält. Soll natürlich heißen: raue Schale, weicher Kern, der bekanntermaßen auch 2001, unmittelbar nachdem er mit Schalke 04 in letzter Sekunde die Deutsche Meisterschaft gegen Bayern München verpasst hatte, unter seinen Tränen zum Vorschein kam. Auch er war ein Meister der Herzen.
Da ist der ausladende Balkon, den er sich beim Bau der neuen Schalker Geschäftsstelle genehmigt hatte. Mit Blick von seinem Büro auf das Trainingsgelände seines Vereins, mit Blick auf die moderne Arena, die er immer als sein Vermächtnis verstanden hat, die den Verein aufgrund der hohen Kosten fast ruiniert hätte, nun allerdings doch als eine Art Lebensversicherung für den Bundesligisten betrachtet wird.
Da ist das Pilsglas in seiner Hand, das von einer Zeit kündet, als es im Profifußball noch etwas unprofessioneller, aber vielleicht auch etwas herzlicher zuging. Und da ist die Zigarre, die beim tagtäglichen Zurschaustellen seiner Männlichkeit und seiner Lässigkeit nie fehlen durfte.
All das hat ihn zu einer der charismatischsten Figuren des deutschen Fußballs gemacht. Zu einem, der mit seiner Hemdsärmlichkeit überall aneckte, der über Jahre hinweg als nonchalanter Gegenentwurf zu all den stromlinienförmigen Funktionären der Branche auftrat. So gesehen ist das anstehende Martyrium die bitterste Pointe für seinen schillernden Lebensweg.
Ein Mann von 67 Jahren, der das Scheinwerferlicht der Bundesliga so liebte, wird in Zukunft sehr einsam sein, weil sich die Realität immer weiter von ihm entfernt. Weil für ihn, was eben noch war, nicht mehr greifbar sein wird. „Entweder ich schaffe Schalke oder Schalke schafft mich!“, hat er einmal gesagt. Jetzt ist es doch etwas anderes.
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