In seiner Kurzgeschichte „Glück“ beschreibt der Anwalt Ferdinand von Schirach einen Kriminalfall. Doris Dörrie, 56, hat diesen Stoff verfilmt. Beim Interview in einem Hamburger Hotel erzählt die Regisseurin, was sie daran gereizt hat: das Zwischenmenschliche, nicht das Verbrechen. Sie spürt der Frage nach, warum der Punk Kalle bereit ist, sein Glück mit der Prostituierten Irina um jeden Preis zu verteidigen.
Doris Dörrie, 56, wurde in Hannover geboren und ging nach dem Abitur für zwei Jahre in die USA, wo sie Schauspiel und Film studierte. Zur Finanzierung nahm sie verschiedene Nebenjobs in Cafés und als Filmvorführerin im Goethe House New York an.
Der Film „Männer“ machte sie 1985 als Regisseurin bekannt. 1987 veröffentlichte sie ihr erstes Buch „Liebe, Schmerz und das ganze verdammte Zeug“. Zehn Jahre später wurde sie als Professorin an die renommierte Hochschule für Fernsehen und Film in München berufen. 2001 inszenierte sie mit „Così fan Tutte“ an der Staatsoper Berlin erstmals eine Oper.
1988 heiratete sie den Kameramann Helge Weindler, 1989 wurde ihre Tochter Carla geboren. Ihr Mann starb 1996. Heute lebt sie mit dem Filmproduzenten Martin Moszkowicz in München.
Sie bekam zahlreiche Auszeichnungen für ihre Filme und Bücher, zuletzt wurde ihr für ihren Streifen „Glück“, der am 23. Februar ins Kino kommt, der Bayerische Filmpreis verliehen.
Frau Dörrie, wie definieren Sie Glück?
Es liegt in der Gegenwart. Deshalb versuche ich, im Jetzt zu sein und den Moment wirklich wahrzunehmen.
Gelingt Ihnen das immer?
Nein. Dafür ist unsere konsumorientierte Welt viel zu sehr darauf gedrillt, dass wir uns möglichst in der Zukunft aufhalten sollen. Durch Werbung werden Sehnsüchte geweckt, deren Motor diese „Wenn …, dann …“-Kausalität ist. Aber auch wenn ich so und so viele Freunde bei Facebook habe, denke ich, bin ich beliebt. Schon der Ausstieg aus diesem Ursache-Wirkung-Prinzip würde einen sicherlich glücklicher machen.
Trotzdem wollen die meisten Menschen mehr als andere haben, sonst sind sie frustriert.
Das stimmt. Wir messen uns ständig aneinander. Bei Kindern geht es darum, wer das größere Stück Schokolade hat. Später fragt man sich: Wer besitzt das dickere Auto? Wer ist erfolgreicher? Dabei sind Vergleiche total deprimierend. Jemand kann vielleicht behaupten: „Ich habe das größte Haus.“ Dafür wird er auf anderen Gebieten unterlegen sein. Letztlich kann man bei solchen Bilanzierungen bloß verlieren.
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