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16. Mai 2012

Frank Goosen im Interview: "Authentisch oder gar nicht"

Schriftsteller Frank Goosen.Foto: picture-alliance/ dpa

Frank Goosen über seine Heimat das Ruhrgebiet, seinen neuen Roman „Sommerfest“ und wie seine Omma sein Kabarett-Programm beeinflusst hat.

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Der Autor und Kabarettist Frank Goosen liebt seine Heimat Bochum, er liebt das gesamte Ruhrgebiet und auch die Leute, die dort leben. Man merkt es in seinen Büchern, aber er erzählt es auch immer wieder gern. So geschah es auch im Interview. Goosen schwärmte von den Überresten der Industriekultur, von den Leuten in der Eckkneipe und von seiner „Omma“ mit zwei „m“.

Herr Goosen, in Ihrem Buch „Sommerfest“ heißt es über das Ruhrgebiet: „Storys, wohin du guckst. Liegen auf der Straße. Musste nur aufheben.“ Worüber stolpert man denn?

Hier gibt es viele Geschichten zu erzählen. Das hängt eng mit den Umwälzungen der letzten 170 Jahre zusammen. Vorher waren hier nur westfälische Bauern, dann fegte die Industrialisierung durch. Kohle und Stahl kamen und hundert Jahre später ging alles wieder den Bach runter. Berlin ist genauso arm wie das Ruhrgebiet, aber doppelt so sexy. Das kriegen wir hier irgendwie nicht hin. Die Gegend ist unterschätzt.

Warum?

Offensichtlich finden die jungen Kreativen woanders inspirierendere Umfelder, bessere Arbeitsbedingungen. Deswegen versuche ich, mit meinen Mitteln eine Lanze für das Ruhrgebiet zu brechen.

Was sollte man sich als Besucher im Pott ansehen?

Ich würde alle immer zu den klassischen Touristenorten schleppen, also zu den Überresten der Industriekultur. Zum Beispiel in die Bochumer Jahrhunderthalle. Da war ich erst neulich beim Randy Newman Konzert und auch er war begeistert von der alten Gaskraftzentrale. Aber auch die Zeche Zollverein in Essen mit dem Grubenmuseum oder die Jugendstilzeche in Dortmund Zollern sind großartig. Wenn die Tagestour zu Ende ist, wäre eine alte Ruhrgebiets-Eckkneipe Pflicht.

Was erfährt man in so einer Eckkneipe über das Ruhrgebiet?

Dort am Tresen lernt man die Leute kennen. Die Vielfalt ist groß, die Gegensätze auch. Da gibt es vom prolligen Kleinkriminellen bis zum polnischen Performancekünstler alles. Die Einrichtung und die Jukebox sind seit Ende der 80er stehen geblieben. Das sind Lokale, in denen das Rauchverbot nicht durchzusetzen ist. Es gibt zwar einen Nichtraucherraum, aber nur ganz hinten, wo die Wirtin nicht hinkommt.

In „Sommerfest“ geht es um einen Bochumer Schauspieler, der in München wohnt, aber zurück in seine Heimatstadt muss, um dort das Haus seiner Eltern zu verkaufen – was er möglichst schnell erledigen will.

Genau, aber das klappt nicht, denn an jeder Ecke begegnet er der Welt seiner Kindheit und Jugend. Das ist auch so eine typische Ruhrgebietssache: Du triffst wen, den du zehn Jahre nicht gesehen hast, den du noch nicht mal besonders leiden kannst und der sagt: „Komm wir müssen mal ’nen Schrank aus Dortmund holen.“ Sein Vorhaben – Haus verkaufen und schnell wieder weg – ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Er betrügt sich ja selbst, wenn er glaubt, seiner Vergangenheit ausweichen zu können, mit ihr abgeschlossen zu haben.

Warum kommt er von dieser Vergangenheit nicht los?

Ohne Vergangenheit kann man nicht leben.

Sie schauen in Ihren Romanen häufig zurück. Heimat, Jugend, der Sound vergangener Jahrzehnte. Warum ist die Jugend überhaupt so wichtig?

Ich denke, manchmal ist es wichtig, an einen Punkt im Leben zurückzuschauen, an dem die Dinge noch offener waren. Ich glaube, der Hauptgrund, sich mit der Kindheit und Jugend zu beschäftigen, ist, dass sich viele zeitlebens immer wieder mal zurück sehnen in diesen Stand der Unschuld, an dem so vieles noch offen war.

Ihre Hauptfigur wehrt sich gegen seine Heimat, die verlorenen Eltern, eine verlorene Liebe. Nur über seine Großmutter sagt er, sie hätte er niemals genug umarmt. Sie haben „Sommerfest“ Ihrer Oma gewidmet ...

Omma! Mit zwei „m“! „Omma“ oder „Oppa“! Mit einem „m“ oder „p“ geht für mich nicht. Klingt immer nach karierten Pantoffeln. „Omma“ hat Biss. Und meine saß tatsächlich mal mit einer Kollegin in der Altersresidenz und sang politisch schwer unkorrekt: „Chamberlain, das alte Schwein, fuhr mit’m Pisspott über’n Rhein …“

Das klingt wie die Omma Luise im Buch. Ihre Omma hat also auch ständig einen Spruch auf den Lippen?

Mittlerweile produziert sie die nicht mehr in der Frequenz wie früher. Aber tatsächlich konnte ich etliche Sachen, die sie Zeit ihres Lebens vom Stapel ließ, in meine Programme aufnehmen.

Zum Beispiel?

Sowas wie: „Omma, da war viel los in deinem Leben. Du hast den Oppa überlebt und den Zweiten Weltkrieg. Was war denn schlimmer?“ – „Na, das mit dem Oppa hat halt länger gedauert.“ Und es gab immer Storys. Da ist sie mal vor der Tür überfallen worden und hat auf die Frage der Polizei, wie viel Geld in ihrer Tasche war, 400 Mark angegeben, obwohl nur 80 Mark drin waren. Mit der Begründung: „Den finden die sowieso nicht und wenn, dann steht sein Wort gegen meins.“

Gehört der freche Spruch zum Ruhrpott?

Der Ruhrgebietler an sich packt gern große Weisheiten in kleine Sätze. Mein Vater zum Beispiel hatte eine klare Pointe zu Rosenkohl, den er nicht mochte, der aber immer wieder auf den Tisch kam: „Also – wenn dat Auge sich schon weigert!“ Mit dem Spruch bin ich aufgewachsen. Erst als ich ihn das erste Mal auf der Bühne fallen ließ, bemerkte ich, dass andere so was witzig finden.

Das Interview führten Martin Paul und Maren Schuster.

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